Diverse – „Sweet As Broken Dates – Lost Somali Tapes From The Horn Of Africa“ / Review

Die Compilation Sweet As Broken Dates versammelt somalische Lieder, die zwischen 1969 und 2001 entstanden und oft aus politischen Gründen bis heute vergraben geblieben sind – im wahrsten Sinne des Wortes.

Wie so viele Städte Afrikas swingte – heute kaum vorstellbar – auch Mogadischu in den Sechziger- und Siebzigerjahren. Damals wurde Somalia unabhängig, Aufbruch, Optimismus und Grasschwaden lagen in der Luft. Was heute eine von fast 30 Jahren Bürgerkrieg zerschossene Stadt ist, in der neben dem libyschen Tripolis vermutlich die prekärste Sicherheitslage das ganzen Kontinents herrscht, galt früher als die „Perle Ostafrikas“ mit mondänen weißen Bauten an ebenso weißen Sandstränden. Hier spielten einerseits vom Diktator Siad Barre finanzierte Staatskapellen, andererseits ein paar private und moderat verwestlichte Bands massenhaft Musik ein. Beide Kategorien finden sich auf der Compilation Sweet As Broken Dates, der ersten ihrer Art im Zuge des aktuellen Rerelease-Rauschs mit Musiken aus Afrika. Sie demonstriert, auf welche Art Terrain sich die Ausgräber und Bewahrer inzwischen vorwagen.

Während des Bürgerkriegs war diese Musik im Boden vergraben.

Bewahrer, weil die Somali-Kultur unter Druck steht: Vor Ort bekämpfen islamistische Fanatiker jede Musik, Musiker sind in die Diaspora rund um die Welt gezwungen. Zwischen Minnesota und Malaysia wurde denn auch ein Teil dieser Aufnahmen aus der Zeit von 1969 bis 2001 eingesammelt. Ein anderer Teil stammt aus Archiven, die während des Bürgerkriegs vor Ort im Boden vergraben waren. Das hört man. „These recordings“, heißt es dazu, „carry the trauma of Somalia.“ Sie seien remastert worden, ohne die „Süße ihrer Kaputtheit“ aufzugeben. Außer von der Dur-Dur Band, von der Awesome Tapes From Africa 2013 ein Album wiederveröffentlichte, oder der Supergroup Waaberi wird hierzulande kaum jemand je von den Beteiligten gehört haben. Ihre traditionell basierten Popsongs und Interpolationen von Disco oder Funk erinnern am ehesten an äthiopische Musik mit Spuren Indiens und Arabiens. So ist nun ein wichtiges Element somalischer Identität, der Soomaaliniimo, im globalen Norden konsumierbar. Und hoffentlich irgendwann auch wieder ein ganz normaler Teil des Lebens der Menschen am gebeutelten Horn von Afrika.

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