Diverse A Young Person’s Guide to Compact

Alles Deppen! Volltrottelei erwies sich 1982 als einsichtigste Cleverness, und Mari Wilsons Begleitband »The Wilsations« schlidderte mindestens so formvollendet daneben durch den Clip ihres Hits »Just What I've Always Wanted« wie ABC in ihrem »Look Of Love«-Video. Mari war der Star des Compact Organization-Labels. Labelmastermind Tot Taylor lebte eine Obsession mit dem glamourösen Pop der 60er Jahre aus – jenes Jahrzehnt, das vor 25 Jahren sein großes Revival erfuhr. Es gab da Nischen zu besetzen, sehr feine, ausgeklügelte Positionen, die an den anti-rockistischen Konsens der einen Hälfte von Post Punk anknüpfte. Taylor verstand sich auf Variationen, hatte Burt Bacharach, Holland-Dozier-Holland, Tony Hatch und auch John Barry studiert und offenbar überall A-Levels eingeheimst. Nun bastelte er an einem kompletten Retro-Universum. Seine Kunden kannten die Codes aus ihrer Kindheit, aber die hatten mehr zu bieten als das Schlagerrevival vor zehn Jahren hierzulande. Denn jede ironisierende Distanz berief sich auf ein Statement und stand in Bezug zum aktuellen Ticken der Popwelt. Seinerzeit konnten Mods, welche in der Regel Compact blöd fanden, Stilmerkmale auf das Jahr genau fixieren, und mit diesen Genauigkeiten spielte das Label. Da gab es das schwülstig-naive Duo Beautiful Americans, das sehr galant die USA veralberte, Shake Shake kamen als harmloser, aber groovender B-52's-Verschnitt, The Popheads spielten die Idee durch, dass der Synthesizer schon zehn Jahre früher einsatzbereit gewesen wäre, Mari Wilson trug ihren Beehive und kokettierte mit Starambitionen und Übergewicht zugleich (!), Cynthia Scott zeigte sich als politisierte Hochschulaktivistin und zischte die feministische Abrechnung auf einen bestimmten Jungstyp, die die Angesprochenen schamvoll zu Boden blicken ließ, während die Schwedin Virna Lindt ein Agentenszenario ersann, dessen tragisch-kühle Heldin sie war. Lindt erwies sich als das stille Talent von Compact, bastelte kleine Avantgarde-Vignetten zwischen sehr sophisticatetem Pop. Das alles versammelte man in einer Box mit zwei LPs und vielen kleinen Accessoires. Eine deutsche LP-Version nahm noch die linkischen Romantiker Fontana Mix mit auf. Nichts missglückte in diesen Stilexplorationen, eben weil fast alle ihr Sujet sehr gut kannten. Sie wussten, was ihr Fokus hergab und an welche Realität sie ihn anknüpften. Compacts Größenwahn war der von verträumten Strategen mit überfliegenden Plänen, Preston Sturges-Charaktere – bis auf Virna, die Stanley Donen erdacht haben mochte. All das unterschied sie von den Easy-Akrobaten der 90er, bei denen alles nur noch leerer ironischer Gestus war. Robbie Williams könnte hier alles finden, was ihm, insbesondere bei seinen hilflosen Versuchen, etwas zu kommentieren, fehlt. Und heutige Revivalisten ahnen von ihrem Lieblingsjahrzehnt noch nicht mal, was Taylor und Co. über die Pop-60er im Schlaf referieren konnten. Noch ging es, Nerdtum und Hipness zu verbinden, die Akteure agierten klug in ihren selbst gewählten Käfigen. Aber Wilson wusste nach einer LP nicht weiter, Taylor gingen die Ideen aus, und Lindt verschwand nach zwei großen Alben. Es gibt Leute, die warten bis heute auf ihr Comeback!

Anm. d. Red.: Diese Rezension erschien innerhalb der »Back for Good«-Kolumne in Spex 12/2006, #305. Die ursprünglich 1982 erschienene Compilation »A Young Person's Guide to Compact« ist nur Second Hand oder als Import erhältlich.

LABEL: Compact Organization

VERTRIEB:

VÖ: 14.05.2007

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