Disclosure »Caracal« / Review

Die große Überraschung von Caracal liegt darin, dass die kribbeligen, überschäumenden Grooves fast verschwunden sind.

Disclosure dominieren den UK-Dance-Pop der 2010er-Jahre. Das Doppel aus Surrey bewegt sich im Spannungsfeld von Club und Pop. Disclosure sind trotz ihrer Radiotauglichkeit im Grunde Puristen. Ihre Leidenschaft gilt 2Step, einem eigentlich randständigen Clubsound, der amerikanischen Garage House mit den Basslines der britischen, am Reggae geschulten Tanzmusik kombiniert. Disclosures Pointe lag bisher darin, dass die poppigen, charmanten Vocals nur bedingt vom aufgekratzten Beat unterstützt wurden, ja vielmehr mit ihm ringen mussten. Es ist mutig und ungewöhnlich, diesen Sound als Ausgangspunkt für einen Popmasterplan zu wählen. Statt bloß die Energie der Nacht abzugreifen, wird der Gegensatz von Feierlaune und individuellem Erleben thematisiert. Disclosures Popverständnis verfolgt dabei einen britischen, zurückgenommenen Ton, der für große Gefühle nicht zwangsläufig riesengroße Formen braucht.

Wie reagieren sie nun mit ihren neuen Alben auf den Erfolg (abgesehen von ausufernden Who-is-who-Gästelisten)? Kurz: Disclosure kommen mit dem neuen, erweiterten Rahmen nicht gut klar. Die große Überraschung von Caracal liegt darin, dass die kribbeligen, überschäumenden Grooves fast verschwunden sind. Das Duo klingt jetzt viel ruhiger und housiger. Eine Sehnsucht nach Stille und Leere zieht sich durch das Album. Diese Gefühle tragen die Tracks, erzeugen aber zu wenig Energie, um mit den Stimmen zu kommunizieren: Zu »Nocturnal« etwa, bei dem The Weeknd ungebrochen und ohne Augenzwinkern Selbstzeugnis ablegt, können Disclosure keine angemessene Gegenkraft aufbauen. So sind die ruhigeren Songs die stärkeren, wie das von Miguel gesungene »Good Intentions«. Es handelt von nagenden, (selbst)zerstörerischen Minderwertigkeitsgefühlen.

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