Dirty Projectors Swing Lo Magellan (Stream)

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Domino / Rough Trade — 06.07.12

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War es ein unabsichtlicher Verschreiber oder ein absichtlicher Verdenker? Anlässlich der Veröffentlichung des letzten regulären Dirty Projectors-Albums Bitte Orca hieß es in dieser Zeitschrift, man könne die Musik des Bandkonglomerats rund um den Yale-Absolventen David Longstreth auch »als eine Art leicht blasierten Ivory-League-Pop« beschreiben. Elfenbein-Liga-Pop statt Efeu-Liga-Pop? Wenn die herkömmliche Bezeichnung der Ostküsten-Elite-Unis, also Ivy League, in eine Hautfarbenanalogie transformiert wird, kommt man damit dem Wesen der Dirty Projectors auf eine ein wenig mutwillige Weise nahe.

   Denn die artschoolige Verstrickung und Zerhäckselung verschiedenster Sound-Register und -Provenienzen des mittlerweile wieder vom Sextett zum Quintett geschrumpften Brooklyner Szenejuwels (Vokalistin Angel Deradoorian macht gerade Pause), das sich in der Vergangenheit bei westafrikanischer Gitarrenmusik ebenso freimütig bediente wie unter anderem bei Freak Folk, Lo-Fi, Americana, Noise oder konventionellen Blasorchestern, bleibt als bewusst waghalsige, zerebrale Verquickung quintessenziell weiß, wenn man sich kontrapunktisch auf die von Dieter Lesage und Ina Wudtke in ihrem Buch Black Sound White Cube etablierte Definition von »schwarzem Sound« als Fortführung von Blues- und Bassmusik stützt. Auch das gefeierte letzte Album, das die Sprache des Mega-Erfolgs von Acts wie Timbaland, Led Zeppelin und den Beatles in Dirty-Projector-isch übersetzen wollte, ließ daran keinen Zweifel.

   Mit Swing Lo Magellan, dem sechsten Longstreth-Longplayer, der gleichzeitig an den (verhinderten) portugiesischen Weltumsegler sowie an den afroamerikanischen Spiritual Swing Low, Sweet Chariot erinnert, ist auf einmal alles anders – und bleibt doch konstant. Es gehe um Songs, um Songwriting, hatte Longstreth nach Fertigstellung der Platte in einem »weird house« mit Giebeldach vier Stunden nordwestlich von New York, in Delaware County, überraschend verkündet. Aus 70 Skizzen wurden 40 Demos, aus denen wiederum zwölf Stücke für das Album ausgewählt wurden. Auch wenn in einem Song wie Just From Chevron – einem der wenigen mit weiblichen Lead-Vocals – fügsames Händeklatschen, dürre Metronom-Drumbeats und Longstreths Björk-artiges Geblöke auf sich umeinander windende, King Sunny Adé referenzierende Gitarrenlinien stoßen und sich dabei wie als Hommage an die eigene Bandgeschichte standhaft weigern, zum Amalgam zu werden, überwiegt doch ein anderes Moment: David Longstreth als überbordend, ja, euphorisiert schmetternder Crooner. Seine »fucked-up Americana« bohren sich dabei ganz tief in die Sedimentschichten von psychedelisch eierndem bis inbrünstig choralisierendem 60er-Pop – und sind dabei auf einmal gar nicht mehr so fucked-up. Sondern exzentrische weiße Popsongs ohne Angst vor Hooklines.

UPDATE   Demnächst wird mit Hi Custodian ein Musikfilm zum Album, geschrieben und gedreht von Longstreth mit den Bandmitgliedern in den Hauptrollen, erscheinen. Nachfolgend ist der Trailer zu sehen.

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