Diplo

Diplo
Diplo
Fotos — Claudia Rorarius

*

Von Azealia Banks bis Justin Bieber: Der unter dem Moniker Diplo agierende Thomas Wesley Pentz ist überall. Während er in Las Vegas in die Riege der DJ-Großverdiener aufgestiegen ist, produziert er auf Jamaika die Reggae-Wiedergeburt von Snoop Dogg als Snoop Lion sowie – neuerdings ohne Switch – ein zweites MajorLazer-Album, für das es nun zwar noch immer keinen Veröffentlichungstermin gibt, aber zumindest ein Berlin-Konzert im Mai. Quasi nebenbei entdeckt Diplo den queeren Sissy Bounce aus New Orleans als Inspiration und beginnt zu rappen. Als ob es nicht schon genug Kontroversen um seine Arbeit gäbe!

*

Diplo, wie Tiësto oder David Guetta sind Sie seit diesem Jahr Resident-DJ in Las Vegas.
DIPLO   Genau, im XS, Tryst und Surrender. Für mich ist aber vor allem der Mad Decent Monday (im XS) entscheidend – die mit Abstand beste Party der Stadt.

Verdienen Sie dort den größten Teil ihres Einkommens? Also am Pult, nicht am Spieltisch.
Es ist gutes Geld, das beständig fließt. Festivalauftritte sind dennoch lukrativer. Mir geht es in erster Linie um die Atmosphäre dort. Vegas is the place to be. Es ist das Epizentrum aller DJs, da will man seinen Claim abstecken.

Auf wieviele Flugstunden kommen Sie mittlerweile jährlich?
(rechnet) Etwa 10.000. Nicht allzu schlimm, oder?

Da müssen Sie wohl zwangsläufig auch im Flugzeug produzieren.
Sehr oft. Ich habe so viele Deadlines zu erfüllen, einen Absturz könnte ich mir gar nicht leisten. Aber irgendwann schmerzen die Ohren. Dann sehe ich mir schlechte Filme wie Bridesmaids an.

2012 haben Sie für Usher, Justin Bieber, Kreayshawn und andere gearbeitet …
Sie haben das Kreayshawn-Album? Ist das schon draußen? Ich habe es nie gehört. Haben Sie sich meinen Song angehört? (»Twerkin!!!«) Ein cooles Stück, ich rappe sogar.

Dazu später gerne mehr. Kommen die großen Labels an Ihnen nicht mehr vorbei?
Nicht unbedingt. Die Leute wissen zwar nicht, was meinen Sound ausmacht, aber sie spüren, dass sie ihn brauchen. Mit Justin produzierten wir am Ende zwar einen Pop-Song, aber wir haben auch versucht, »Express Yourself« (Diplos aktuelle Single) mit ihm zu machen. Er war begeistert.

Sie wollten das Original mit ihm aufnehmen?
Etwas in der Art, ebenso wie einige Raps. Allerdings fürchtete sein Label, dass das nicht zu seinen jungen Fans passen würde. Also eben Pop. Justin selbst ist das coolste Kid überhaupt. Mit ihm hätte ich auch eine Country-Platte machen können. Meistens, wie bei Usher oder Snoop, ergibt die Zusammenarbeit mit solchen Leuten einfach Sinn für mich.

Warum gerade bei Usher?
Ich liebe seine alten R’n’B-Platten. Da wollte ich anknüpfen und hatte sofort ein Konzept für »Climax«. Bei mir im Studio sagte er dann gleich als erstes, ich solle ihm Florida (Diplos Debüt) vorspielen!

Das vor acht Jahren erschien.
Ein völlig anderer Sound, aber es hält – trotz des schlechten Mixes – den Moment meines Aufbruchs fest. Für mein nächstes Album arbeite ich gerade wieder an solcher Kopfhörermusik, inspiriert von SBTRKT, Flying Lotus und Jamie xx. Jedenfalls, Usher wollte sich ausprobieren und hat nichts Dr.-Luke-Mäßiges (Produzent für Katy Perry, Britney Spears) von mir erwartet.

Wie viele Beats spielen Sie Ihren Kunden vor?
Bei Justin waren es sechzig. Nas habe ich wohl um die hundert vorgespielt. Er wollte immer mehr. Irgendwann war ich bei ganz alten Demos angelangt. Er nahm zwar zwei mit, aber ich hielt es nur für eine Art karitative Tätigkeit seinerseits, mit mir abzuhängen. Als er dann tatsächlich anrief, war ich leider gerade ausgebucht. Manchmal passt es, manchmal nicht. Jetzt laufen die Vorbereitungen für die Rihanna-Sessions. Im Hotel, im Schlafzimmer, im Flugzeug – ich arbeite überall.

Und dafür reicht ein Laptop?
Nicht immer. Aber ich bin klug genug, um das hinzukriegen. Als ich das erste Mal mit The xx arbeitete (probeweise vor ihrem Debüt), hatten wir nur Laptop-Aufnahmen. Ezra (Koenig von Vampire Weekend) hat für das neue Major-Lazer-Album auch am Laptop eingesungen. Total lo-fi, aber ich schraubte es noch weiter runter, jetzt klingt es hervorragend und eigenständig. Man muss nur den Sound verstehen. Drake hat bewiesen, dass man keinen aufpolierten Klang mehr braucht.

Santigold, mit der Sie immer wieder arbeiten, wird mittlerweile von Jay-Zs Firma Roc Nation gemanagt. Wie beurteilen Sie Ihre Rolle dort?
Santi soll Jay-Zs künstlerischen Anspruch untermauern, aber er wird nie mit ihr abhängen. Sie sollte da nicht sein. Für mich ist Santi viel größer.

Arbeiten Sie mit ihr am liebsten?
Ich arbeite mit jedem gerne. Am Anfang haben Santi und ich oft spontan zu Hause aufgenommen – ein großer Spaß. Beim zweiten Album wurde es plötzlich sehr schwierig, weil sie viele unterschiedliche Richtungen verfolgte. Ich konnte mit ihr einfach keine Platte fertig bekommen. Dann gab es beiderseits ein paar unglückliche Interviews. Ich wünschte, wir hätten mehr Zeit gehabt. Die Demos waren unglaublich. Jemand wie Usher glaubt da stärker an mich. Der Produzent sollte am Ende die Kontrolle haben, schließlich holt man ihn genau dafür: Qualitätskontrolle.

Auf der Ebene wird es kompliziert. Als Beyoncé Major Lazers »Pon De Floor« für »Run The World (Girls)« übernahm, reichte es für Sie nur zu einem »Written-by«-Credit, während Switch immerhin als Produzent auftrat.
Ich war zwar mit ihr im Studio, aber nicht bei diesem Stück. Switch und Beyoncé haben dasselbe Management, ich habe da kein Mitspracherecht, obwohl ich der Hauptautor bin. Es geht immer um Politik. Gerade mit diesem Camp.

Zuletzt haperte es auch bei Ihnen mit der Quellenangabe. Azealia Banks’ »Fuck Up The Fun« führte Sie als Produzenten, obwohl der verwendete Beat Master Ds »Mad Drumz« war.
Mich ärgert, wie das gelaufen ist. Master D und ich arbeiteten tatsächlich an einer neuen Version dieses Stückes. Ich gab Azealia das Original, mit dem Vorschlag, etwas Ähnliches zu machen. Sie hat es dann ungefragt verwendet. Natürlich wollte sie mit meinem Namen mehr Aufmerksamkeit generieren.

Sie waren vorgewarnt: Schon für »212« verwendete sie ungefragt Lazy Jays »Float My Boat«.
Sie ist jung. So etwas kümmert sie nicht. Ich arbeite mit Azealia seit sie 16 ist. Sie kam als erste überhaupt zu mir nach Philadelphia. Wir haben Sachen für Missy Elliott geschrieben, die leider nie jemand hören wird.

Weil Elliott nicht zufrieden war?
Missy wollte alles selbst rappen. Wenn du aber mit so jemandem arbeitest, willst du es ihr einfach machen, etwas vorlegen, was sie dann auseinandernehmen kann, wenn es mal nicht läuft. Als Produzent musst du das Tempo hoch halten. Das Snoop-Lion-Album Reincarnated haben wir so in drei Wochen auf Jamaika gemacht.

War die Zusammenarbeit mit Snoop einfach?
Er ist lustig, aber ein Profi. Er kommt um zwei Uhr morgens (gemeint ist 14 Uhr), raucht sein Gras und arbeitet dann fünf Stunden unentwegt durch.

Haben Sie seine eigene Zigarren-Marke Executive Branch mit ihm geraucht?
Ja, tatsächlich. Es ist ein Wunder, dass Snoop noch lebt. Sein eigenes kalifornisches Gras, das er mitgebracht hat, war so stark, dass es selbst die Jamaikaner umgehauen hat.

 

*

Major Lazer
Die neuen Major Lazer — Christopher Jillionaire Leacock, Thomas Wesley Diplo Pentz, Paul Walshy Fire Walsh (v. l.)
Auch wenn der Eindruck täuscht, so trat das Trio in Berlin auf – und nicht in Vegas

*

In Jamaika arbeiteten Sie zuvor nicht nur für Major Lazer, sondern auch mit Alex Clare, Santigold, Lykke Li. Warum ruft man zuerst Sie an, wenn man Reggae oder Dancehall machen will?
Mit manchen Künstlern ist es nicht leicht zu arbeiten. Chris (Leacock von Major Lazer) und ich sind seit vier Jahren dort, kennen mittlerweile viele Leute, das macht einiges einfacher. Es gibt nämlich keine Labels oder Manager. Nebenbei: Außer uns sind vor allem Deutsche dort. Reggae ist international geworden. Jamaika hat sich geöffnet. Als Major Lazer wollen wir nicht nur weiße US-Kids erreichen, sondern auch dort akzeptiert werden, weshalb wir nur vor Ort aufnehmen konnten.

Dennoch gibt es unter den bislang bekannten Features (Stand: 6. September 2012) von Free The Universe nur einen jamaikanischen Künstler: Shaggy. Dafür ist unter anderem Bruno Mars dabei.
Bruno singt nur die Hook in seinem Stück. Mystic, eine jamaikanische Sängerin und Tänzerin, übernimmt die meisten Verse. Das Video dazu soll im Stile von »Gimme The Light« (von Sean Paul) gedreht werden. Die wichtigsten Songs des Albums haben wir mit jamaikanischen Künstlern gemacht, weil wir da intensiver zusammenarbeiten können. Johnny Osbourne etwa ist auf der nächsten Single (»Jah No Partial«). Aber jetzt geht’s erst mal vor allem ums Marketing, deshalb zuerst die großen Namen.

Nebenbei gab es zuletzt zahlreiche Diplo-Singles. Haben Sie eigentlich noch den vollen Überblick über ihr gesamtes Schaffen? Sie wirken sprunghaft.
Ich bin eher froh, dass ich »Express Yourself« machen kann und trotzdem so gefragt bin. Am Anfang war das hart. Die Leuten hielten jemanden, der so auflegte wie ich und dann eine Platte wie Florida herausbrachte, für einen Idioten. Heute schreiben mir die Kids auf Twitter, dass sie endlich Musik hören können, ohne sich um den ganzen Rest zu scheren. Die Vorurteile sind weg, gerade im HipHop, wo es feste Vorstellungen gibt, welchen Rap weiße und welchen Rap schwarze Kids hören sollten. Odd Future und A$AP Rocky haben ihn durch Punk aufgebrochen.

»Express Yourself« ist im Stile des Sissy Bounce aus New Orleans produziert, eine queere, nahezu ausschließlich schwarze Szene.
Bounce ist dort allgegenwärtig – auch für Weiße. Das Genre war jahrelang sehr ghetto und schwul, dann aber wurde das Publikum recht schnell straight, weil sich vermehrt Frauen für die Moves interessierten und ihre Typen ihnen nachfolgten.

Ihr Song wirkt aber geglättet. Der Text von Nicky Da B fällt gegenüber den Arbeiten der von ihnen geschätzten Sissy Nobby oder Big Freedia geradezu zahm aus. Die männlichen Tänzer im Video wurden größtenteils unkenntlich gemacht oder tragen Maske.
Mir ging es darum, Bounce Music zum Durchbruch zu verhelfen. Meine Produktion richtet sich deshalb auch eher an Raver. Ich versuche, die Leute in der Szene mit interessanterer Musik vertraut zu machen, genauso wie Major Lazer Reggae überspitzen – und nicht verwässern. Als Produzent ist es meine Aufgabe, die Musik so viele Leute wie möglich erreichen zu lassen. Das gilt auch für Zebra Katz. Der ganze Streit mit Venus X wegen »Ima Read« ist sinnlos. Klar, ich bin nicht schwul, aber ich setze mich mit der Ballroom-Szene nicht erst seit gestern auseinander. Mit MikeQ arbeite ich seit über zwei Jahren an einer EP. Und man wird vermeintlich homophobe Leute wie Vybz Kartel nicht verändern, indem man sie ausschließt. Vor Kurzem habe ich übrigens in Jamaika gespielt, und man hat sich direkt »Express Yourself« gewünscht. Durch das Internet geben die Leute ihre Vorurteile mehr und mehr auf.

Im Video zum Song sehen wir Sie Dollarnoten zählend zwischen den Tänzern. Ein Anflug von Selbstironie?
Ich sollte die Karikatur eines weißen Jungen aus New Orleans von 1999 darstellen, deshalb auch die Schlabberklamotten. Sie hätten den Dreh miterleben müssen, Nicky schrie zehn Minuten lang auf offener Straße über einen kaum hörbaren Beat. Wir hatten ihn zum ersten Mal überhaupt verkleidet.

Und profitiert davon nun auch die Szene, oder nur Sie?
Natürlich kapitalisiere ich jetzt diesen Song, aber auch Big Freedia und Sissy Nobby profitieren. Diese Szene musste freigelegt werden. Nicky Da B konnte dadurch erstmals in Europa auftreten.

M.I.A. nannte Sie kürzlich indirekt einen »fame whore coloniser«.
Ich habe es satt, kontrovers zu sein. Im Gegenzug fühle ich mich auch für niemanden verantwortlich. Meine Stärke ist es, Sounds ineinander zu übersetzen. Das war schon bei Baile Funk so. Als ich Mr. Catra in die USA bringen wollte, bekamen wir keine Visa. So konnten wir die Musik zuerst nur über Bonde do Rolê bekanntmachen – bei weißen Punk-Kids. Und absurderweise entzündet sich die Kritik ja gerade daran, dass ich weiß bin – und nicht unbedingt US-Amerikaner. Ich werde gehasst, seit ich denken kann. Bei den von mir gesignten Riff Raff und Rusko ist es noch um einiges schlimmer. Aber Rusko half mir, Dubstep in den USA bekannter zu machen. Also, was soll’s? Ohne ihn wäre Skrillex nicht so dermaßen erfolgreich.

Wo ist dann der Punkt, an dem Sie die Bodenhaftung verlieren?
Die habe ich nie gehabt.

Also werden Sie demnächst öfter als Rapper in Erscheinung treten, wie auch für Three Locos »We are Llamas«?
Keine Angst, da ist kein Album geplant. Für mich ist das nur ein Spaß, genauso wie für einen befreundeten großen Produzenten, dessen Namen ich nicht verraten darf. (Es handelte sich um Flying Lotus bzw. Captain Murphy.) Als Kinder wollten wir Rapper werden, nicht Produzenten, deshalb fühlt sich das ganz natürlich an.

Im November wird in den USa gewählt. Sie sind Mitglied von DJs For Obama, der Besitzer ihrer Clubs in Vegas, Stephen Wynn, ist Mitgründer der rechtsaußen stehenden Lobbygruppe Crossroads GPS. Führt das nicht zu Konflikten?
Nein. Dieser motherfucker zahlt eben auch mir das Geld, das ich dann für Obama aufwende. Gehalt ist Gehalt. Mein Redneck-Vater aus Florida ist für Romney, aber ich kann trotzdem mit ihm abhängen.

*

 

Major Lazer live
06.05. Berlin — Berghain

*

*

6 KOMMENTARE

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.