Dinosaur Jr. I Bet On Sky

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Pias / Rough Trade — 14.09.2012

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Bill Drummond, Prankster-Papst und Geldverbrennungsgott, hat immer Recht. Vor allem, wenn es um Kunst, Pop und Rock geht. Cooles Altern im Rock, so schrieb er einst, ist praktisch unmöglich, die Auflösung nach der ersten, spätestens dritten Platte unbedingt empfehlenswert, und ansonsten geht in Sachen Rock-Unsterblichkeit nichts über korrektes Ableben zur rechten Stunde. Eine der wenigen Ausnahmen von dieser Regel ist Joseph Donald Mascis Jr., der Gandalf der E-Gitarre. Weit mehr als eventuelle Bezugspersonen wie Neil Young, King Buzzo, Evan Dando oder Thurston Moore ist Mascis eine insuläre Erscheinung, die Coolness auf autistisch-hermeneutische Art und Weise transzendiert – sein eigenes Raum-Zeit-Kontinuum. »Dinosaurisch« könnte man sagen, aber ohne die grobmotorische Dummheit der dickfaltigen Riesenechsen –, und von Aussterben kann keine Rede sein. Was mir spätestens jetzt klar ist. I Bet On Sky ist das dritte Album der wiedervereinigten Dinosaur Jr., und jedes ist runder, schöner und leuchtender als das davor.

   Für Spätgeborene und zur Erinnerung: Die erste Dinosaur-Platte mit Mascis, Lou Barlow und Murph erschien 1985, drei Jahre später hatte man sich in den langen Haaren, und ab 1989 war Mascis nur noch als Autist a.k.a. Solist unterwegs. 2005 (!) fand man dann in höchster Unaufgeregtheit wieder zueinander, und heute sind die drei Freaks schon doppelt so lange zusammen wie beim ersten Versuch. Romantisch, buddhistisch, fantastisch. Nein, I Bet On Sky enthält keinen neuen Sound, keinen neuen Akkord, keine neue Idee und ist doch das tiefenwirksamste Kuschelrock-Ereignis aller Zeiten, ein Manifest des Miteinanders. Denn statt dem im Dinosaur’schen Kontext völlig fehlgeleiteten Begriff »neu« muss es »falsch« heißen. War schon auf den vorangegangenen Alben wenig »falsch«, so haben die Drei jetzt, im 27. Jahr ihres im Wesentlichen getrennten Miteinanders, einen Grad musikalischer Harmonie erreicht, der alle Bill-Drummond-Regeln aushebelt. Und das Tollste: Trotz aller bescheidenen Erhabenheit ist es kein Problem, sich vorzustellen, dass es noch weiter, runder, kosmischer und erdverbundener geht. Unwillkürlich muss ich an den schnuckeligen Slacker aus Mars Attacks und seine abschließende Ansprache an die zerstörte Welt denken. Vielleicht sollten wir alle in Tipis leben. Weich und wahr, kompakt und klar. Selbst der große Misanthrop Sun Ra könnte es nicht bestreiten: Diese Musik ist Treibstoff für jedes kommende mothership, Hoffnung für die Menschheit.

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1 KOMMENTAR

  1. […] Diesen Freitag erscheint mit “I Bet On Sky” ein neues Album von Dinosaur Jr.. Scheinbar haben die alten Herren Mascis und Barlow immer noch nicht genug für ihre Rente zusammen. Den Fan mag es erfreuen, denn schließlich sind schon die beiden letzten Alben “Beyond” (2007) und “Farm” (2009) gut gewesen. Und auch die ersten Stimmen über “I Bet On Sky” sind gut. […]

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