Dinosaur Jr. »Give A Glimpse Of What Yer Not« / Review

Bei Dinosaur Jr. bleibt alles beim Alten und das ist auch gut so.

Ein möglicher Einstieg wäre, dass es im 21. Jahrhundert aufregendere Meldungen geben sollte als die von einem neuen Dinosaur-Jr.-Album. Ist aber nicht so. Wie visionär allein dieser Name war, erschließt sich sowieso erst heute, mehr als 30 Jahre nach der ursprünglichen Bandgründung. Das zweite Leben von Dinosaur Jr. verläuft nach der Neuformierung 2005 nämlich ohne Einbußen früherer Magie, ist stabiler und produktiver als die Prä- und Post-Grunge-Ära vor drei Dekaden.

Schwerblütiger Rock trifft honigpoppige Melodien – auf diese Formel haben sich seit den mittleren Achtzigern zwar unzählige Bands verlassen, aber: Es gibt Gitarrenrock und es gibt Dinosaur Jr. Unmöglich, J Mascis’ Gitarren-Style nicht sofort zu erkennen, dazu Lou Barlows Bass und der unerschütterliche Murph am Schlagzeug; Euphorie und Melancholie in ergreifender Union. Mit »ergreifend« ist gemeint: Dinosaur Jr. bringen einen auch 2016 plötzlich und unerwartet zum Heulen. Vor Freude.

Es gibt Gitarrenrock und es gibt Dinosaur Jr.

Give A Glimpse Of What Yer Not ist eine hoch romantische Platte. Fast jedes Stück handelt von Liebe, beziehungsweise von der Sorge, das fragile Glück (mal wieder) falsch anzufassen. Der Albumtitel ist eine Zeile aus dem Song »Knocked Around«, der im zarten Falsett beginnt, bis J Mascis es nicht mehr aushält und losplatzt: »I miss you and I’m lonely« – Virilitätsgeprotze hört sich anders an, und dass Mascis auch mit über 50 noch Selbstzweifel und Verlustängste zeigt, ist irgendwie angenehm. Seine jaulenden, klagenden Gitarrensoli waren ohnehin nie Ausdruck rockistischen Mackertums, sondern Transportbahnen von Liebe und Skepsis. »I’ve been crawling around since I met you«, wiederholt er wieder und wieder im an Blue Öyster Cult gemahnenden »Mirrors« und konterkariert das Bild vom herumtrampelnden Dino, der in unserem Fall ein schlurfender Slacker ist – bis er die Gitarre einstöpselt und dir der Sound die Haare aus dem Gesicht bläst.

Auf Give A Glimpse … ist nichts wirklich anders als auf früheren Alben. Es gibt sonnige Festival-Knaller wie »Good to Know« und »I Told Everyone«, vergleichsweise Sanftes wie Lou Barlows Stücke (»Love Is …«, »Left / Right«), psychedelisch-gniedelige Soli und hemmungslosen Krach. Trotzdem offenbart jeder vermeintlich schon so oft gehörte Akkord neue Facetten der warmen, positiven, ewigen Kraft von Dinosaur Jr. Das ist doch eine großartige Nachricht, oder etwa nicht?

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