Was sagt der Code?

Tomas Roope, 1969 in Kopenhagen geboren, ist Multimedia-Kommunikationsdesigner und gründete 1998 Tomato Interactive in London. Seine Arbeiten für Sony PlayStation, Levi’s, Massive Attack und Underworld bescherten ihm Dutzende Auszeichnungen. Er lehrte von 2001-04 am Londoner Royal Collage of Art sowie in Dänemark und der Schweiz. Heute ist Roope Forschungsstipendiat an der Universität von Coventry. Vor allem aber leitet er in London The Rumpus Room, eine Tochter der international operierenden Werbefilmproduktionsfirma The Sweet Shop. Zusammen mit Jacqui Kenny, Jeff Wood, Lawrence Blankenbyl und Wade Shotter produzierte er das neue Video für »Integral«, die neue Single der Pet Shop Boys.

TomasRoopeWie hat sich die digitale Evolution auf die Kunstproduktion ausgewirkt?
    Ich bewege mich im Feld der Interaktion und habe mich schon während meines Filmstudiums auf Interactive Design spezialisiert. Ich finde es erregend, dass wir uns gerade an einer Zeitgrenze befinden: Sehr bald, vielleicht schon in den nächsten Monaten, werden wir eine Explosion interaktiver Zeichen im öffentlichen Raum erleben. Wir haben versucht, diese Entwicklung im neuen Video für die Pet Shop Boys festzuhalten. Man kann als Betrachter des Videos auf im Bild gezeigte Quick Response Codes (QR Codes) reagieren und wird automatisch mit Websites verlinkt. Und das ist erst der Anfang. Wir werden eine Phase erleben, in der wir alle die interaktiven Möglichkeiten dieses Codes ausprobieren. Vielleicht entstehen, ähnlich wie bei MySpace, neue Möglichkeiten sozialer Skulpturen, Verknüpfungen von Menschen. All das geschieht heute vor unseren Augen.

In der Musik hat bisher jede technische Neuerung auch einen neuen Musikstil hervorgebracht. Gilt das Gleiche auch für die Disziplin Interactive Design?
    Ich habe im Umfeld von Underworld und Tomato vor allem gesehen, dass es manchmal eben Musiker sind, welche die Dinge vorantreiben – und zwar vornehmlich solche, die elektronische Musik produzieren. Die Möglichkeiten, die Interactive Design bietet, erscheinen ihnen offenbar naheliegend. Ich hatte immer schon den Eindruck, dass Musiker eine Vorstellung von Unendlichkeit haben. Allein die Idee des Loopens ist philosophisch betrachtet bereits sehr faszinierend. Etwas ins Unendliche loopen. Das war auch die Idee von House und Techno. Und vorher bereits von John Cage, dessen »As Slow As Possible« derzeit in Halberstadt gespielt wird und dessen Aufführung ganze 639 Jahre in Anspruch nehmen wird. Anders als im Film, der einen Anfang, einen Mittelteil und ein Ende hat, war unter Musikern die Idee präsent, dass Musik für immer spielen kann, ohne Anfang und Ende. In diesem Sinne glaube ich, dass das Interactive Design, beginnend beim Internet und seinen vorläufigen Höhepunkt im QR Code erlebend, vor einer echten Phase der Möglichkeiten steht.

Was genau macht The Rumpus Room?
    Wir sind zu fünft. Was uns interessiert, ist nicht-lineares Erzählen im Film. Wir erleben derzeit im Internet, dass nicht-lineares Erzählen als Prinzip funktionieren kann. Ich möchte nochmal das Video der Pet Shop Boys erwähnen: Man kann es anhalten, vorspulen, zurückspulen, man wird verlinkt zu Internetseiten, in denen man sich über die Bürgerrechte informieren kann, es geht um Partizipation. Wenn man so will, kann man mit einem solchen Video Leute virtuell zusammenführen, die sich für eine zu schützende Idee organisieren.

Inwiefern steht »Integral« für eine Auseinandersetzung mit dem Überwachungsstaat?
    Die Idee von »Integral« ist, dass Neil Tennant den Text aus dem Blickwinkel der autoritären New Labour singt. Die beten ständig das Gleiche: »Wenn du dir nichts hast zuschulden kommen lassen, dann hast du auch nichts zu befürchten.« Diese Argumentation wurde benutzt, um den Personalausweis in England einzuführen. Wir positionieren uns gegen diesen Ausweis, weil es sich um eine ›intelligente‹ ID-Karte handelt, die sich dank eines Datenstreifens mit einer zentralen Datenbank verbinden lässt, in der deine persönlichen Daten gespeichert sind – und die mit amerikanischen Datenbanken abgeglichen werden kann. Neil erinnert daran, dass der Schutz der Privatsphäre ein Persönlichkeitsrecht ist. Wir alle finden, dass es genau falsch herum gedacht ist, wenn wir dem Staat gegenüber unsere ›Unschuld‹ zu beweisen haben, bevor uns Vertrauen geschenkt wird. Nein, eigentlich muss es genau umgekehrt sein, dass wir dem Staat vertrauen können. Der Staat muss sich unser Vertrauen verdienen, nicht umgekehrt. Darum geht es in »Integral«, und daher haben wir auch dieses Video auf diese spezifische Art und Weise gedreht.

Ist es nicht seltsam, wie ästhetisch die Filmaufnahmen von Überwachungskameras und die ornamentalen Qualitäten des QR Codes sind? Wie eigene Kunstwerke…
    Ganz ehrlich: Ich finde diese Codes wunderschön. Sie erinnern mich an die Ästhetik der achtziger Jahre, an diesen kalten, strengen, konstruktivistischen Look, der damals en vogue war. Mich fasziniert am meisten, dass die Technologie des Decodierens mittlerweile eine Schnelligkeit erreicht hat, dass wir auf einfachste Weise sogar komplexe Codes selbst erstellen können. Diese wiederum muten einfach an, bestehen aus zweidimensionalen Mustern von schwarzen Quadraten auf weißem Grund. Im Grunde sind die schwarz-weißen QR Codes ganz einfache Bilder, das Äquivalent zu Lo-Fi-Aufnahmen in der Musik.

Wir reden von einer Kommunikation, die man als ›Machine to Machine‹ bezeichnet. Das erinnert an die gelegentlich von Computern oder E-Mail-Programmen ausgespuckten und für Menschen nicht mehr verständlichen Botschaften aus dem digitalen Orkus: endlose Kolonnen aus Zahlen, Sonderzeichen und Buchstaben…
    Als ich in der Schule seinerzeit zum ersten Mal mit Computern zu tun bekam, mussten wir Lochkarten einfüttern, um mit den Maschinen zu kommunizieren, jetzt sprechen sie untereinander mit ihrer eigenen Sprache. Interessant für mich war immer, dass die Interaktion  stets ästhetische Züge besaß. Ich meine: Kommunikation ›Maschine zu Maschine‹ sah schon immer toll aus und wurde ja zu Recht auch auf vielen Plattencovern als Motiv verwendet, man denke nur an New Orders »Blue Monday«-Hülle in der Ästhetik einer Floppy Disc…

Mit Lochkarten mussten zunächst auch Karlheinz Stockhausen, Kraftwerk, Manuel Göttsching und andere Musiker arbeiteten, die den Synthesizer für sich erschlossen…
    Genau. Der Kreis schließt sich. Für die Popkultur, und als Impulsgeber sicherlich für die vielen verzweigten Subkulturen, werden die neuen Möglichkeiten des Interactive Design einen Quantensprung bedeuten, Kreativität freisetzen, viele bisher unbekannte Verknüpfungen ermöglichen.

 

 


VIDEO: Pet Shop Boys – Integral

Die Kehrseite der Medaille: Noch nie war die Überwachung öffentlicher Räume so umfassend wie heute.
    Jede Technologie kann für das Gute und für das Schlechte nutzbar gemacht werden. Ich mag die Bewegung in England, die ihrerseits die Überwachung überwacht. Auf Demonstrationen filmen Demonstranten die Polizisten, wenn sie eingreifen, und es gibt jede Menge Aktivisten, welche die Standorte der digitalen CCTV-Überwachungskameras bekannt machen. Es herrscht nach wie vor eine gewisse Balance zwischen dem Staat, der uns beobachtet, und uns, die wir den Staat beobachten. Wir wollten mit Hilfe der Pet Shop Boys andeuten, mit was für Erkenntnisgewinnen wir die Sprache der Maschinen adaptieren können. Ich meine: Noch leben wir ja in einer Demokratie. Wir müssen sie mit allen unseren Mitteln verteidigen.

Mark Stewart hat einst einen Song »The Veneer Of Democracy Starts To Fade« genannt – »Die Fassade der Demokratie beginnt abzublättern«…
    Man kann dem nur hinzufügen, dass es natürlich sehr kurzsichtig wäre, die Errungenschaften der Bürgerrechte für kurzfristige Sicherheitsgewinne mit geringen Halbwertzeiten zu opfern. Ich halte es daher für eine sehr zeitgemäße und naheliegende Art, die Popularität als Künstler zu benutzen, um politische Haltungen mit den Mitteln einer Ästhetik zu verbinden, die andockt an eigene Bild- und Formsprachen. Die Botschaften sind glaubwürdiger, wenn man sie nicht über Gebühr verschlüsselt.

Sind die Zeiten heute so politisch brisant, dass der Künstler Position beziehen muss?

    Ich sage nur, dass wir heute einen ganz neuen Katalog von künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten haben, die geradezu danach schreien, die eigenen Arbeiten mit selektiertem Weltwissen zu verknüpfen. Man darf ja bei aller kritischen Begeisterung für den QR Code nicht vergessen, dass es vor allem das Internet selbst ist, das dem Künstler auf der einen und dem politischen Aktivisten auf der anderen Seite internationale Vertriebswege für seine Botschaften beschert hat. Das Internet steht für das Potenzial, Ideen zu verstärken und zu beschleunigen, indem man künstlerischen Ausdruck mühelos mit harten Fakten untermauern oder verknüpfen kann.

Wie sehr bedeutet der QR Code auch eine Gelegenheit, das Digitale mit dem Analogen zu verknüpfen?
    Wir arbeiten derzeit mit dem Designer Mark Farrow an einer Posterkampagne für die Pet Shop Boys, die den öffentlichen Raum mit Quick Response Codes pflastern wird. Das Stoffliche des Papiers, auf dem diese Codes gedruckt werden, bekommt eine ganz neue Dimension, eine vierte Dimension gewissermaßen, indem es zur Schnittstelle wird. Als Gestalter machen wir uns selbstredend nicht dem QR Code untertan: Wir sehen ihn immer auch als gestalterisches Puzzlestück. Wenn die einzelnen Codes also zu Bürgerrechtsplattformen, kritischer Berichterstattung über Biometrie und Überwachung des öffentlichen Raums sowie hunderten weiteren URLs verlinken, dann muss das Plakat trotzdem cutting edge aussehen. Auf einem Poster nur einen QR Code zu verwenden, erscheint mir wie Verschwendung.

Wir haben einen QR Code auf unserem neuen Titelbild.
    Was sagt er?

Scannt man den Spex-Titel, erscheint der Begriff »Erkenntnisschnittstelle«. Wir denken, dieses Kunstwort fasst den interdisziplinären Ansatz der Spex, sich mit der digitalen Gegenwart und ihren Auswirkungen auf die Kunstproduktion auseinanderzusetzen, gut zusammen. Auch diesem Gespräch liegt diese Idee zugrunde.
    Wir alle hinterlassen Botschaften im öffentlichen Raum. Jenny Holzer hat dies auf ihre Weise getan, wir tun es auf unsere. Jeder, der Japan dieser Tage besucht, wird staunen, wie flächendeckend die QR Codes dort im öffentlichen Raum bereits eine Selbstverständlichkeit interaktiver Kommunikation geworden sind. Sie haben dort eine regelrecht funktionale Aufgabe. In Europa hingegen begegnen wir dem neuen Phänomen momentan vor allem als stilistische Fragestellung. Ich bin mir sicher, dass diese neue Technologie in unser öffentliches Leben schneller als wir denken können Einzug halten wird. Wir haben die spielerische Ebene übersprungen und sind mit den Pet Shop Boys sofort pragmatisch geworden, indem wir gezielt zu Informationen, die uns wichtig sind, hinführen.

Das Gespräch mit Tomas Roope ist Bestandteil unserer Reihe »Digitale Evolution«, in der wir uns mit den Auswirkungen der globalen Vernetzung und neuer technischer Standards auf die verschiedenen Felder der Kunstproduktion, wie Musik, Kino und Literatur, auseinandersetzen. Für Spex #311 sprachen wir außerdem mit Kathrin Passig (Riesenmaschine) und mit Andy Müller-Maguhn (Chaos Computer Club). Die zur Dekodierung des Videos auf dem Handy notwendige Software gibt es z.B. hier als kostenfreien Download. Alle Texte der SPEX-Reihe »Digitale Evolution« finden sich hier.

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