Er lebt ein digitales Doppelleben: Tagsüber ist der Schotte Steve Goodman Doktor der Philosophie und unterrichtet als Dozent an der University of East London Kurse in »Sonischer Kultur«. Nachts ist er Kode 9, bekannter Dubstep-Produzent und Betreiber des Labels Hyperdub. Dort erscheinen unter anderem auch die Produktionen des geheimnisumwitterten Dubstep-Stars Burial.


Foto: Christoph Voy / Spex

Steve Goodman, sehen Sie eine Krise? Oder freuen Sie sich darüber, dass Fans von Hyperdub die Platten von Burial und Ihnen, als Kode 9, munter auf Vinyl kaufen, als sei nichts geschehen?
    Wir haben großes Glück. Unser Vinyl verkauft sich tatsächlich sehr gut, und zur gleichen Zeit verdienen wir auch einiges an dem Download von MP3-Files über iTunes und andere Anbieter. Es scheint eine Menge Fans zu geben, die aus Loyalität kaufen. Ich sehe die Situation generell aber tatsächlich als sehr schwierig an, und für viele andere Labelbetreiber ist die gegenwärtige Lage sicherlich katastrophal. Der Unterschied zwischen denen und mir ist vor allem folgender: Ich habe einen Beruf, ich bin eigentlich Hochschullehrer. Ich habe also das Glück, mein Brot woanders zu verdienen. Ich bin weder als Produzent noch als DJ oder Labelbetreiber gezwungen, mit meiner Musik Umsätze zu machen. Künstlerisch kann ich total befreit aufspielen. Zumindest, was das Label Hyperdub und den Erfolg von Burial betrifft, denke ich sogar, dass diese Unabhängigkeit vom Erfolgsdruck, diese totale Freiheit, überhaupt erst den Erfolg ermöglicht hat. Es mag widersprüchlich klingen, aber mittlerweile sage ich: Ich möchte nicht von meiner Musik leben müssen. Ich betrachte das ganze Unternehmen eher als großes soziologisches Experiment.

Worin besteht der Versuchsaufbau genau?
    Im Prinzip aus der Frage: Was passiert eigentlich, wenn man in unserer kapitalistischen Welt etwas aus Liebhaberei tut? Natürlich bin ich nicht der Erste, der diesen Weg geht, vor mir und Hyperdub gab es schon viele solcher Beispiele.

Sprechen Sie von L’art pour l’art?
    Ja, aber nicht im bürgerlichen Sinne. Ich spreche von Musik, die in Subkulturen entsteht und einer gewissen Ästhetik zu entsprechen hat, die über Codes funktioniert. Gemeinhin ist es so, dass diese Codes und diese Ästhetiken ohne Rücksicht auf Glaubwürdigkeit und Verluste geschliffen werden, um einen Sound marktfähig zu machen. Was ich meine, bezieht sich genau hierauf: eine Ästhetik und einen Code als Grundierung zu gewährleisten und ohne den Druck zu agieren, einen sofortigen kommerziellen Erfolg einzufahren.

Dazu braucht man Kapital oder einen gutbezahlten Job, außerdem opfert man die Zeit, die andere zur körperlichen und geistigen Erholung nutzen. Kurz: Sie propagieren Selbstausbeutung als mikrokapitalistisches Erfolgsmodell.
    Genau. Trotzdem kann diese Vorgehensweise sehr befriedigend sein. Viel befriedigender auf alle Fälle, als diese Untugend unserer Zeit, dass alles so clever wie möglich vermarktet werden soll. Manchmal habe ich den Eindruck, dass Labelbetreiber wie Musiker nur noch darüber nachdenken, wie Musik am besten vermarktet werden kann – und welche die beste virale Marketingstrategie wäre. Um die Musik geht es gar nicht mehr. Wir haben es mit Burial genau umgekehrt probiert, haben einfach gar kein Marketing gemacht. Dieses Vorgehen hat sich im Nachhinein als die einfachste und genialste Strategie der Welt entpuppt, und zwar nur deshalb, weil wir sie konsequent durchgezogen haben. William und ich hatten beschlossen, ihn komplett aus der Schusslinie herauszuhalten: kein Name, keine Biografie, kein Foto, keine Interviews, nichts. Wir wollten die Spekulationen wuchern lassen und dann gucken, was passiert.

Und, was ist passiert?
    Erst hielt man mich für Burial. Dann wurde behauptet, dass wir eine geniale virale Marketingkampagne für Burial durchziehen würden. Darauf beklagten sich etliche Journalisten, dass wir sie mit unserer No-Information-Strategie in ihrer Arbeit behindern würden. Und schließlich passierte etwas ganz und gar Surreales: Auf einer englischen Website wurden plötzlich T-Shirts mit dem Spruch »I AM BURIAL« angeboten.

Haben Sie sich eins gekauft?
    Nein. Ich drohte ihnen mit einer einstweiligen Verfügung. Im Sinne meines Experiments ging es mir dabei vor allem darum, dass ich begreifen wollte, was genau da eigentlich passierte. Ich bekam als Antwort, dass man sich von einem Independent-Label nicht erpressen ließe. Die Betreiber des T-Shirt-Versandes behaupteten, Mitglieder der Copyleft-Bewegung zu sein und argumentierten betont politisch korrekt. Ich antwortete ihnen, dass der Grundgedanke von Copyleft auf Respekt vor dem Künstler basiere – und dass die T-Shirt-Bootlegger diesen Respekt sträflich vermissen ließen. Daraufhin gaben sich diese angeblichen Copyleft-T-Shirt-Bootlegger als eine Agentur für Markenberatung zu erkennen. Unverhohlen schlugen sie mir einen Deal vor: Ich solle doch öffentlich machen, dass ich beabsichtige, die Agentur zu verklagen, ich solle sie als ›bad guys‹ denunzieren und Hyperdub gleichzeitig als ›good guys‹ in Stellung bringen. Und nach sechs Monaten würden wir die Chose gemeinsam aufdecken. Ich habe das nicht mitgemacht. Aber dennoch hat allein dieser Sturm im Wasserglas bereits gereicht, eine ganze Menge an Schallplatten zu verkaufen – und zwar ungeachtet der Krise. Das Ganze hat meiner Meinung nach nur funktionieren können, weil wir uns standhaft an unseren ursprünglichen Versuchsaufbau gehalten haben: Wir haben uns allem und jedem verweigert. Es gibt immer noch keine Geschichte über Burial zu erzählen. Wir hatten mit dieser Strategie Erfolg, weil wir in den Zeiten digitaler Transparenz auf den Kern dieser digitalen Philosophie verzichteten – die Verbreitung von Information nämlich. Und heute sage ich: Es war gut, die ganze Geschichte nicht des Geldes wegen gemacht zu haben. So konnten wir den Weg genießen, statt ein Ziel zu verfolgen.

Konkret empfehlen Sie also Musik als Hobby?
    Ich weiß nicht, ob ich diesen Lebensstil anderen empfehlen möchte, bedeutet er doch Zeitmangel und Stress durch Überarbeitung, will man sowohl seinem Beruf als auch seiner Liebe zur Musik gleichermaßen gerecht werden. Aber wenn man es zeitlich hinbekommt, ist Hyperdub sicherlich ein gutes Beispiel dafür, wie man trotz eines spürbaren ökonomischen Drucks kompromisslos bleiben kann. Man wird einfach sein eigener Mäzen.

Kode9 Digitale EvolutionIn der Postökonomie wird Zeit zur Währung?
    Zeit ›ist‹ längst die Währung unserer Zeit! Zeit ist das Kapital unserer Generation. Die neue Weltformel lautet: Du erkaufst dir Freiheit, indem du den Glauben an Reichtum aufgibst. Und die Kehrseite lautet: Du nimmst deinen Laptop mit nach Hause und arbeitest dort bis in die Nacht, fällst anschließend direkt ins Bett. Du kannst dein Business so downsizen, dass du gar kein Büro und gar keine Angestellten mehr benötigst. Leute wie ich sind so durchflexibilisiert, dass wir uns eine Festanstellung gar nicht mehr vorstellen können. Ich kann mir auch keine Alterssicherung vorstellen. Ich komme mir vor wie der Zirkusartist, der Teller auf Stöcken balanciert: Sie müssen alle in Bewegung gehalten werden. Kommt man aus dem Rhythmus, fallen die Teller zu Boden.

Vom Dubstep sagt man, dass diese Musikform mit der MP3-Datenkompression unvereinbar sei, weil dieses Format einfach keine Bässe unterstütze. Geht hier unwiderruflich eine Soundsensibilität verloren?
    Nur, wenn man es pessimistisch sieht! Sieht man es positiv, kann man neue Ausdrucksformen entdecken. Wenn wir einen Dubstep-Track über die Lautsprecher eines Mobiltelefons abspielen, hören wir digitale Vereinfachung, es gibt dafür sogar schon einen Begriff: ›Bit Crushing‹. Höhen und Bässe werden einfach wegkomprimiert und weggerechnet. Eine neue Ästhetik ist im Entstehen begriffen, und wir begehen einen großen Fehler, wenn wir mit den Argumenten der Alten und der HiFi-Freaks dagegen anreden. Im Hiphop, Dancehall und Grime wird das Bit Crushing längst nachmodelliert und als Soundeffekt in vielen Produktionen eingesetzt. Es handelt sich also um einen Noise-Effekt, der die Gegenwart und ihre Moden reflektiert und abbildet. Klingeltöne sind ein anderes gutes Beispiel dafür, wie vermeintlich minderwertige Klangquellen als Ausdrucksmittel und klangliches Spiegelbild unserer Zeit Einzug in Studioproduktionen gehalten haben. Alle diese Entwicklungen sagen uns, dass HiFi kein Wert mehr an sich ist. Wir alle kennen den französischen Kulturtheoretiker Paul Virilio. Er sagt, dass jede neue Technologie auch Veränderungen in der Kulturproduktion mit sich bringt. Die Evolution der digitalen elektronischen Musik lässt sich immer wieder zurückführen auf die Erfindung neuer Instrumente, neuer Softwares und neuer Aufnahmetechniken – oder auf Unfälle und ›unsachgemäße‹ Benutzung von Computern. Alles Neue – und der Fehler fällt in diesem Sinne auch unter das Neue – führt voraussagbar zu neuen Ergebnissen. Das nach wie vor beste Beispiel für mich ist die Entstehung von Acid House Mitte der Achtziger: bekanntlich ein Irrtum der digitalen Evolution, verursacht durch den ›fehlerhaften‹ Einsatz des Roland TB-303.

Und Hiphop entstand aus dem ›unkorrekten‹ Einsatz ungeklärter Samples …
    Und Reggae basiert auf dem System der Riddims und der Versions. Das heute vorherrschende Prinzip in der digitalen Musikproduktion, das Cut and Paste, gibt es seit Jahrzehnten. Der Unterschied zu damals ist, dass es noch nie so einfach umzusetzen war wie heute – und dass es heute erstmals eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema der Legalität und des Copyrights gibt. Eine interessante philosophische Frage tut sich auf, in dem Sinne, dass hier stets Kunstfreiheit gegen Ausbeutung steht und Kreativität gegen Urheberrecht. Ein anderes Zeichen der Zeit ist, dass zwischen musikalischer Innovation und dem Versuch einer massenkommerziellen Auswertung immer kür zere Zeitspannen liegen. Ich warte auf den Augenblick, an dem Innovation und deren unmittelbare kommerzielle Auswertung zeitgleich stattfinden werden. Lange kann es nicht mehr dauern.

Betrachten wir die künstlerische Seite: Ist der durch die digitale Evolution möglich gewordene Eklektizismus, die Option der Verknüpfung von allem mit allem, zur Not auch ohne Interesse an den jeweiligen Ursprungskontexten, ein Zeichen unserer Zeit?
    Sie sprechen von der ›Shuffle‹-Funktion, an die wir uns als Hörer längst so gewöhnt haben, dass wir insgeheim von einem DJ erwarten, dass auch er eklektisch auflegt? Die dahinter stehende Frage lautet natürlich: Kann ein DJ heruntergerechnet werden auf einen Algorithmus? Soll er das überhaupt? Soll der DJ wie eine vermeintlich zufällige Playlist sein, die in Wirklichkeit klug und kühl programmiert ist, Tonlagen und Musikstile, persönliche Vorlieben und das Konsumverhalten des Hörers abgleicht? Oder soll er subjektiv aus dem eigenen Erfahrungsschatz und der eigenen Plattensammlung schöpfen? In anderen Kulturen bezeichnet man den DJ nicht umsonst als ›Selektor‹. Der DJ ist das ›human element‹, das nicht maschinell Reproduzierbare. Ich bilde mir ein zu beobachten, dass der DJ das Persönliche und somit das Menschliche neuerdings betont. Und zugleich bekomme ich mit, wie sehr da ran gefeilt wird, dass die Algorithmen dieser ›Menschlichkeit‹ immer mehr entsprechen.

Und wie halten Sie es persönlich?
    Jahrelang war ich der Meinung, dass Spezialisierung der Schlüssel zum Glück sei. Je spezialisierter der DJ, desto besser – und damit meine ich Scheuklappen, Unbeirrbarkeit, Purismus. Von dieser Haltung habe ich mich verabschiedet. Ich habe mich mit der Idee angefreundet, dass auch im abrupten Stilwechsel eine Kraft liegen kann – vorausgesetzt, der DJ weiß, was er tut. Die Problematik kann man eins zu eins auf den Musikproduzenten übertragen. Ein gelungenes Beispiel für Eklektizismus ist in meinen Augen nach wie vor Jungle. Diese sich überlagernden, ständig verschiebenden Rhythmen und Basslinien – hier wurden verschiedene Stile asymmetrisch übereinandergelegt, und es funktionierte. Im Drum & Bass hat man das jamaikanische Element anschließend weitgehend herausgekürzt.

Wie betrachten Sie MySpace, Facebook und vergleichbare Seiten im Netz, die darauf basieren, dass ein Heer von Freiwilligen eine Werbeplattform ohne Entgelt und gegen Abtretung elementarer Nutzungsrechte mit Inhalten beliefert?
    Ich als Künstler kann ganz klar Vorteile aus diesen Netzwerken ziehen, was zumindest mich die Nachteile vergessen lässt. Ich bin da ganz pragmatisch. Ich sehe hinter MySpace und all diesen anderen Netzwerken keine schlimmen ideologischen Verschwörungen, die man boykottieren sollte. Ich betrachte die ganze Angelegenheit eher als ein Geben und Nehmen: Ja, diese Netzwerke sind parasitär in dem Sinne, dass sie die Daten von Millionen von Nutzern speichern und zu Werbezwecken verwerten. Andererseits bilde ich mir ein, ebenfalls parasitär zu sein, wenn ich dieses Netzwerk, das eigentlich mit mir ein Geschäft machen möchte, dazu nutze, selbst ein Geschäft zu machen. Für mich handelt es sich um ein symbiotisches Verhältnis.