›Neuneu.doc‹

Kathrin Passig, 37, in Berlin lebende Bloggerin, Autorin und Webtechnikerin, ist Geschäftsführerin der 2002 gegründeten »Zentrale Intelligenz Agentur«, aus welcher das mit dem »Grimme Online Award« prämierte Weblog »Riesenmaschine« hervorging. Zusammen mit Holm Friebe verfasst sie die in der Berliner Zeitung erscheinende Kolumne »Das nächste große Ding«, die sich neben bissigem Zynismus und aufgeweckten gesellschaftlichen Beobachtungen durch Positivismus und Fortschrittsglauben auszeichnet. Mit ihrem bei den »Klagenfurter Tagen der Deutschsprachigen Literatur« vorgetragenen Text »Sie befinden sich hier« gewann sie letztes Jahr den Ingeborg-Bachmann-Preis.

Kathrin Passig

KATHRIN PASSIG: »Wir müssen uns daran gewöhnen: die Privatsphäre gibt es nicht mehr!«

(Foto: © Heiko Laschitzki / SPEX)

Es wurden große Erwartungen in die Blogosphäre gesetzt, Neustarts der Literatur wurden ausgerufen, oft versickerten die Ambitionen in ödesten Selbstdarstellungen. Du sagst selber, dass du keine Blogs liest, zumindest keine deutschen.
    Das ist an sich kein Widerspruch. Ich lese Blogs nicht, finde aber gut, dass sie existieren. Es gibt offenbar ein Interesse, zu lesen, was anderer Leute Katzen den ganzen Tag beschnuppern. Diese Nachfrage soll gerne befriedigt werden. Dass viele kleine Nischenzielgruppen bedient werden, finde ich großartig, das ist eine gute Entwicklung, die das Internet befördert. Ich muss nicht zu diesen Gruppen gehören, und es gibt keinen Grund das Katzenbloggen zu verdammen. Schließlich ist nicht wie sonst so oft Geld der Antrieb, sondern Selbstdarstellung. Das ist im Zweifelsfalle die viel bessere Motivation als materieller Nutzen. Wenn jemand etwas öffentlich sehr gut macht, dann ist gegen Selbstdarstellung nichts einzuwenden.

Besteht ein Unterschied zwischen dem Schreiben im Netz und dem für ein Printmedium?

    Ich arbeite online ganz unliterarisch. Ich wüsste nicht, wo ich im Netz etwas Literarisches im herkömmlichen Sinne veröffentlichen sollte. Ich merke aber an mir selbst, dass ich mir mehr Mühe gebe, wenn ich für eine Online-Veröffentlichung schreibe, denn sofort nach der Veröffentlichung können Leser kommentieren und den Quatsch richtigstellen. Ich bin bei Zeitungsartikeln sorgloser, weil ich weiß, dass ich da theoretisch ohne Folgen jeden Unsinn reinschreiben kann. Denn wer schreibt, geschweige denn liest Leserbriefe? Es wird gründlicher recherchiert, wenn man weiß, dass die Strafe auf dem Fuß folgt. Andererseits: Ich betreibe seit zwölf Jahren Websites, und nach einer gewissen Zeit kommt es zu einer Verwahrlosung. Man hat keine Lust mehr, Sachen zu korrigieren oder zu aktualisieren.

In der »Riesenmaschine« schreibt die Redaktion im Kollektiv?
    Die »Riesenmaschine« hat einen internen Redaktionsbereich, in dem jeder kommentieren und korrigieren kann. Die Software habe ich programmiert. Wir schicken keine Texte in der Weltgeschichte rum, das ist der direkte Weg ins Unglück und Verderben, denn es kann immer nur einer an dem Dokument arbeiten. Es existieren widerstreitende Versionen, ›neu.doc‹, ›neuneu.doc‹ usw. Deshalb wundert es mich nicht, dass im Bereich kollektiver Literatur bisher auch noch nichts passiert ist. Das sind alles grässliche Briefromandebakel, wo das Buch mehr Zeit auf der Post verbringt als bei den Autoren. Wir stehen hier erst am Anfang der Möglichkeiten.

    Meine Kollegen und ich arbeiten seit dem letzten Jahr viel mit ›Google Docs‹, einem einfachen Textverarbeitungsprogramm, das online im Browser läuft. Alle können gleichzeitig am selben Dokument schreiben. Du siehst, wie der Text kürzer und länger wird, wie Änderungen vorgenommen werden. Das ist nicht verwirrend, und für den Autor ist es ein Traum, weil er sieht, wie sich der Text selbst schreibt. Ich hoffe, dass diese Technik bald mehr genutzt wird, weil ich es nicht einsehe, dass in der Literatur keine Gemeinschaftsarbeit möglich sein soll. Mittlerweile ist es sogar so: Wenn ich einen Text ganz alleine schreibe, fehlt mir der Blick der unsichtbaren vielköpfigen Redaktion, die zu jeder Tages- und Nachtzeit drüberguckt und Vorschläge macht.

Musiker können sich heute relativ gut selbst vermarkten und Musik über ihre Website verkaufen. Ein Schriftsteller hat mit seinem 500-Seiten-Roman Probleme – oder?
    Ich vermute, dass sich beim Buch der Inhalt noch nicht so stark von seinem Trägermedium gelöst hat, wie es bei Musik der Fall ist. Das wird aber kommen. Für Schriftsteller und Musiker gilt, dass die eigene Vermarktung nicht nur darin bestehen kann, dass man Texte auf einer Website zum Download anbietet. Man muss anderweitig im Netz aktiv sein, damit der eigene Name bekannt wird, die eigene Website dann regelmäßig von vielen Leuten besucht wird. Schließlich muss man für seine eigenen Sachen im Netz Werbung machen, damit die Leute anschließend das Buch für Geld kaufen – und sei es in der Buchhandlung.

Der Konzertveranstalter Berthold Seliger sagte in der letzten SPEX, dass das Internet »kein Live-Konzert ersetzen« könne und Live-Konzerte »Echtheitserlebnisse« seien. Wie verhalten sich Lesungen dazu? Ich schaue mir viel lieber Konzerte an als Lesungen.
    Ich begreife das Phänomen der  Autorenlesung nicht. Es ist offenbar so, dass viele Leute den Autor gerne sehen möchten. Mir ist das unangenehm. Mir wäre es lieber, wenn das Werk von der Person getrennt wird. Dieser Autorenkult widerstrebt mir. Es gibt aber viele Autoren, die von Lesungen leben. Und Max Goldt sagt, dass seine Texte durch Lesungen besser werden. Er ist aber auch der Einzige, von dem ich das gehört habe. Wenn ich doch einmal auf eine Lesung gehe, muss ich mir regelrecht bewusst machen, dass die Leute freiwillig und gerne kommen. Wenn die Leute dicht gedrängt stehen, entwickeln sie wohl ein Gemeinschaftsgefühl und die Bestätigung, alles richtig gemacht zu haben, weil man am richtigen Ort ist und sich dort noch so viele andere Menschen eingefunden haben.

    Zu den allermeisten Lesungen jedoch gehen nur sehr wenige Leute, obwohl da auch nichts anderes passiert als bei den gutbesuchten: Jemand liest aus einem Buch vor. Max Goldt hat mir noch erzählt, dass Leute zu seinen Lesungen gehen, um Leute kennenzulernen, die auch Max Goldt lesen. Daraus sind sogar Ehen entstanden – und Kinder, die dann Max genannt wurden.

Wie hörst du Musik, wenn du nicht auf Live-Konzerte gehst?
    Mein CD-Player ist vor vielen Jahren kaputtgegangen. Ich habe also meine CDs in MP3s umgerechnet und die CDs anschließend dem Antiquariat der Berliner Straßenzeitung Motz geschenkt. 2006 habe ich schließlich meine MP3-Sammlung absichtlich gelöscht, bis auf bei Last.fm nicht zu findende Sachen. Das war Teil der Trennung von Besitz. Denn selbst eine MP3-Sammlung macht noch Arbeit, man muss die Tracks einheitlich benennen, ID3-Tags reparieren und Back-Ups anlegen. Last.fm bringt dasselbe Ergebnis: Es spielt mir Musik vor, die ich gern höre, ich muss mich aber nicht mit lästigem Besitz herumschlagen. Außerdem schützt Last.fm vor albernen Ansichten wie ›im Vergleich zu 1980 ist die Musik insgesamt langweiliger geworden‹, vor denen ja selbst Musikchecker nicht gefeit sind.

    Bei Last.fm gibt es zwar nichts geschenkt – man muss die Software eine Weile dressieren, bis sie das tut, was man von ihr erwartet –, aber ich wüsste nicht, wie man schneller und einfacher an neue, brauchbare Musikempfehlungen gelangen sollte, wenn man nicht gerade Musikredakteur ist.

    Last.fm sorgt für von Distinktionsfragen unbehelligten Musikgenuss. Ich weiß bei keiner der Bands, ob es sich um abgegriffenen Mainstream handelt oder nicht und finde genau das sehr angenehm. Der Wunsch, sich absichtlich vom Mainstream zu distanzieren, nur um sich von den Massen abzusetzen, steht nicht nur in der Musik oft dem Vergnügen im Wege.

    Und noch ein Vorteil: Man gewöhnt sich daran, Einfluss auf die Musik nehmen zu können, die im Radio läuft, sodass man nach einer Eingewöhnungsphase immer dann, wenn man anderswo Scheußliches hören muss, nach dem ›Bitte diesen Track nie wieder spielen‹-Button sucht. Und das ist gut und richtig, denn die Welt wird zwar immer konfigurierbarer, aber oft muss der Wunsch, sie passend zurechtzukonfigurieren, erst geweckt werden.

Digitale Evolution

KATHRIN PASSIG: »Ich bin sehr vertrauensselig.«

(Illustration: © Patrick Klose / SPEX)

Käufer von Tonträgern bedauern den Verlust der Haptik beim Übergang von der Schallplatte zur CD, zum MP3, das Verschwinden von Cover Art und Design. Wie sieht es beim Buch aus?
    In einer idealen Welt würde man jedes Buch, das man kauft, auch als PDF bekommen. Oder noch besser: Wenn ich online ein Buch bestelle, bekomme ich umgehend das PDF, und ein paar Tage später das Buch. Ich könnte sofort anfangen im Buch zu lesen und später immer wieder markierte Stellen und Wörter finden. Und es hätte den Vorteil, dass man nicht jedes Buch behalten müsste. Ich habe viele Jahre lang viele Bücher gekauft, jetzt treibt mich kein Sammlertrieb mehr an. Ich kaufe nur noch Bücher, weil ich sie gerne lesen, nicht weil ich sie besitzen will. Aus der Besitzfreude kann schnell eine Besitzbelastung werden. Ich hätte gerne weniger Bücher. Ein paar würde ich aus nostalgischen Gründen behalten, oder weil das Cover schön ist, oder weil ich wirklich oft reingucke. Aber das meiste nimmt nur Platz weg. Schöne Gestaltung finde ich eher belastend. Ein hässliches Buch belastet nicht, es stellt keine Ansprüche.

Du sprichst von ›Weltverbesserung‹ in Verbindung mit der digitalen Evolution.
    Am und mit dem Internet kann man sehen, wie Weltverbesserung funktioniert. Vorher hätte man Weltverbesserung nur wahrnehmen können, wenn man Geschichte im Zeitlupentempo abgespielt hätte. Andauernd kommen tolle und lebensverändernde Dienste auf den Markt, vorhandene verbessern sich. Dass man sehen kann, dass sich etwas verbessert und wie das funktioniert, das ist auf der Metaebene sehr wichtig und gut am Internet, sodass dann auch die Übertragung in andere Lebensbereiche funktionieren kann. Ob sich die Demokratie durch das Internet verbessert hat, kann ich nicht sagen. In der Politik verändern sich Sachen im Gletschertempo. Als ich aber in den neunziger Jahren gesehen habe, wie schwierig sich Entscheidungsfindung in größeren Gruppen im Internet gestaltete, wie kompliziert das bereits in kleinen, homogenen Gruppen war, wuchs zumindest mein Respekt vor der Demokratie. Ich rege mich seitdem weniger auf, wenn ich sehe, wie lange es dauert, auch nur kleinste Gesetzesänderungen durchzuboxen. Ich habe aus den Meinungsfindungsprozessen gelernt, dass Basisdemokratie im Internet ein Irrweg ist. Die Dinge funktionieren anscheinend nur, wenn es eine kleine Gruppe ganz oben gibt, die Dinge bestimmt und auch sagt: ›Wenn euch das hier nicht passt, dann geht doch in ein anderes Forum‹.

Aber nenne doch mal ein Beispiel für Weltverbesserung.

    Ich warte seit Jahren darauf, dass mein Rucksack weiß, welche Dinge er enthalten muss. Und sich meldet und mir mitteilt, dass ich im Begriff bin, mein Handy zu vergessen. Davon sind wir nicht mehr weit entfernt. Dass man mit Mobiltelefonen in kurzer Zeit Gruppen organisiert, sich zu einer Bootsreise verabredet, on the fly Proviantbeschaffung abklärt und Leute im Biergarten findet, weil man sie anrufen kann, das finde ich gut. Und das ist noch ausbaufähig: Andauernd verschwinden Leute, Autos werden geklaut, und man weiß nicht, wo sich die Person oder der Gegenstand befindet – das wird bald der Vergangenheit angehören. Ob wir das nun gut finden oder nicht. In Zeiten, wo alles googlebar ist, ist das Verschwinden eine beschämende Informationslücke.

Redest du dir da nicht etwas schön?

    Spurlos aus dem Verkehr gezogen zu werden ist bedrohlicher als nicht verschwinden zu können. Ein Pass reicht nicht. Wenn du im falschen Land in ein falsches Auto steigst, kann dein Pass plötzlich nur noch ein Stück Papier sein. Deswegen haben Techniken, mit denen man Leute orten kann, eine große Faszination auf mich.

Und der Datenschutz?
    Ich bin sehr vertrauensselig. In den ganzen Datenschutzdebatten versucht man etwas am Schwanz zu packen, das schon längst aus der Tür entwischt ist. Es ist zu spät. In der ZIA arbeiten wir mit komplett schmutzigen Praktiken, betrachtet man sie unter den Gesichtspunkten des Datenschutzes. Bei Google Docs liegen die Daten auf einem amerikanischen Server und unterliegen irgendeiner amerikanischen Rechtssprechung. Oder Skype, eine ganz fischige Angelegenheit, das Protokoll ist nicht offen, man weiß wenig darüber, wer in welcher Form Zugriff auf die Daten hat. Aber das sind eben gleichzeitig auch die benutzerfreundlichsten Anwendungen, die unsere Arbeitsabläufe massiv verbessert haben. Wenn es funktioniert, nutzen wir es, ganz einfach. Vor die Wahl gestellt: Datenschutz oder Bequemlichkeit – entscheiden sich die meisten ohnehin für die Bequemlichkeit.

    Das ist eine Tatsache, da kann man nicht einfach verlangen »das sollte aber anders sein!«, das ist Zeitverschwendung. Wir müssen uns an die Tatsache gewöhnen, dass es die Privatsphäre nicht mehr gibt. Entscheidend ist daher, einen vernünftigen Umgang mit dieser Tatsache zu erlangen.

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