Ist Musik eine Ware wie Fischmehl oder Schrauben?

Die ›Musikindustrie‹ und der ihr angeschlossene Bundesverband der Phonographischen Wirtschaft waren in der Vergangenheit traditionell Projektionsflächen für begründete Systemkritik wie auch für diffuse Ressentiments. Im Jahr der größten Krise um Imagepolitur bemüht, änderte der Verband seinen Namen 2007 in ›Bundesverband Musikindustrie‹. Der Vorstandsvorsitzende Dieter Gorny, auch bekannt als Gründer des Musiksenders Viva und der Musikmesse Popkomm, scheint tatsächlich bemüht um eine Neuordnung der Verhältnisse. Sein Hauptthema ist die Frage nach dem Urheberschutz – und nach welchen Verteilerschlüsseln Tantiemen in einer globalisierten, vernetzten Welt den jeweiligen Rechteinhabern zufließen sollen. Im Interview spricht Gorny über Zukunftsvisionen und räumt Fehler ein, die in der Vergangenheit gemacht wurden. Vergleicht man seine Positionen mit den Thesen der Videokünstlerin Candice Breitz sowie denen der Kuratoren des Kongresses »Audio Poverty« in Berlin Ekkehard Ehlers und Björn Gottstein, scheinen Industrie und Künstler inzwischen dieselben Fragen zu stellen. Ist die Zeit reif für einen Wandel?

Dieter Gorny Pixel

Dieter Gorny, 1953 in Soest geboren, gründete nach Stationen in Köln und Hamburg vor zehn Jahren die Musikmesse Popkomm, später folgten der Sender Viva, Beteiligungen an MTV Networks und schließlich der Vorsitz des Bundesverbands Musikindustrie Deutschland.

(Foto: © Oliver Schultz-Berndt / SPEX)

Herr Gorny, hat die Musikindustrie einen Kulturauftrag?
    …(Pause)… Sie sehen: Ich schweige.

Es war ja auch nur eine rhetorische Frage.
    Dann antworte ich ebenso rhetorisch mit ›Jein‹. Ja, sie hat ihn, weil man zurecht erkennen muss, dass alle Branchen der sogenannten Kreativwirtschaft theoretisch einen solchen Kulturauftrag haben. Und sie hat ihn nicht, da ›Handel‹ etwas meint, was nach Beendigung der kreativen Leistung erfolgt, nämlich die möglichst maximale Gewinnschöpfung für in diesem Falle Kulturgüter auf dem freien Markt. Es mag also paradox scheinen, dass Inhalte, die unser gesellschaftliches Leben reflektieren und mitgestalten, auch Wirtschaftsgüter sind. Aber so ist es nun einmal. Interessanterweise funktioniert das Wechselverhältnis traditionell am besten bei den Tageszeitungen: Hier wünschen sich die festangestellten Mitarbeiter sehnlichst den wirtschaftlichen Erfolg ihres Blattes am Markt – und gleichzeitig kämpfen sie erbittert und in vorderster Front gegen ihren Verleger, sobald dieser versucht, von der Werbewirtschaft finanzierte Inhalte als Schleichwerbung in die Zeitung zu drücken.

Ist die Kreativindustrie gut aufgestellt?
    In der Filmwirtschaft funktioniert das Zusammenspiel zwischen staatlicher Filmförderung und privater Finanzierung ganz gut. Blockbuster und künstlerisch anspruchsvolle Filme werden gleichermaßen produziert. Die Musikbranche hinkt da hinterher. Manchmal wünsche ich mir Verhältnisse wie in der Kunst. Da überspringt ein Damien Hirst einfach ein Glied der Verwertungskette – die Galerien – und vermarktet sich selbst. Und keiner ruft anschließend ›Ausverkauf!‹ oder beschimpft Hirst als kommerziell handelnden Kapitalisten. Denn im Sinne der Wirtschaftslogik gesprochen, hat Hirst hier nichts anderes als Profitmaximierung betrieben.

Christoph Gurk beklagte in der Spex-Reihe ›Digitale Evolution‹ zuletzt, dass die Musikwirtschaft in den Neunzigern den Kapitalfehler begangen habe, den Verfall einer gefühlten Wertigkeit von Musik zuzulassen: Das edle Vinyl wurde durch billige CDs ersetzt. Statt Repertoirepflege setzte man auf TV-Bekanntheiten. Schließlich nahm man ein Aussterben der kleinen Fachhändler in Kauf, indem man große Mediamärkte mit Sonderkonditionen bediente.
    Das alles kann man der Gesellschaft aber genauso vorwerfen. Es gibt ein Urteil vom Bundesgerichtshof von 1968 über die Halbierung der Mehrwertsteuer. Bücher und Zeitschriften wurden als ›Kulturgut‹ anerkannt und unterliegen seitdem dem ermäßigten Steuersatz. Musik hingegen zählt steuerrechtlich gesehen als gemeine Ware wie Schuhe, Fischmehl oder Schrauben. Das war der Sündenfall. Warum sollte Beethoven kulturell weniger wichtig sein als Adorno?

Das beantwortet die Frage nicht.
    Okay, wenn Herr Gurk sagt, dass der Schritt vom Vinyl zur CD ein Witz war, dann sage ich, dass wir hier besser über Inhalte statt über Trägermedien sprechen sollten. Allerdings denkt die Mehrheit in unserer Gesellschaft nach wie vor in Trägermedien – im Positiven wie Negativen. Die Leute glauben: ›Kaufe‹ ich eine DVD, ›besitze‹ ich einen Regalzentimeter Filmkunst. Das ist natürlich ein Hohn, denn ich kaufe mir lediglich das Recht, einen Film oder Musik zu Hause angucken oder anhören zu dürfen. Lade ich mir hingegen denselben Film oder Song illegal aus dem Internet, mache ich lediglich das Trägermedium überflüssig. Das ist, als würde der Diebstahl von einem Liter Milch erst dann zum Straftatbestand, wenn ich auch die Flasche mitklaue, in der die Milch aufbewahrt wird. Sie sehen, worauf ich hinaus will: Wir kommen nicht weit, wenn wir uns über die Haptik alter Jazzplatten, so schön sie auch sein mögen, unterhalten. Und es tut der Debatte auch nicht unbedingt gut, wenn Diedrich Diederichsen in derselben Spex-Serie mit einem Mal eine wertkonservative Position einnimmt und das gute alte bedruckte Cover romantisiert.

Nun, er romantisiert nicht unbedingt, wenn er klarstellt, dass die Schallplatte mehr war als nur ein Tonträger: Es war der haptische Unterschied zur ›reinen Musik‹ – erst der haptische Unterschied des Plattencovers konnte subkulturelle Codes transportieren – im Unterschied zum Kopfhörer, der an eine Konsole angeschlossen wird.
    Sag ich ja: Diederichsen ideologisiert den Tonträger. Und nicht nur er: Auch Teile der Musikindustrie argumentieren wie er. Ich wünsche mir hingegen eine Versachlichung der Diskussion. Feststellen lässt sich erstens: Die Menschen wollen Musik. Das sieht man an den zahllosen Downloads. Vermutlich wurde noch nie in der Geschichte der Menschheit so viel unterschiedliche Musik gehört wie heute. Zweitens: Wenn der Kunde Musik will, aber keinen Wert auf Vinyl, CDs oder eine hohe Auflösung der Soundfiles legt, soll er sie trotzdem bekommen – und einen Obolus dafür entrichten. Schließlich ist Musik auf jedem Träger, auch auf Vinyl, ein entdinglichtes Phänomen, eben ›reine Musik‹. Und die ist eben nicht ›Schallplatte‹, sondern vergehende Zeit, getaktet wie unser Herzschlag, manchmal langsamer, manchmal schneller. Man kann das Beispiel übertragen auf das Buch, auf die derzeitige Kindle-Debatte. Auch hier diskutieren alle über die Haptik des Papiers. Dabei könnte man es ja auch so sehen, dass wir in Zukunft die Tageszeitung täglich auf ein ansprechendes Lesegerät laden können, während wir uns nur noch Bücher, die wir wirklich besitzen wollen, als Objekt kaufen. Vielleicht wird meine Position klar am Beispiel des Schulbuchs: Warum soll eine heranwachsende, computeraffine Generation sich nicht auf den Wissenstransfer konzentrieren? Warum sollen Schulkinder stattdessen jeden Tag viel zu viele Bücher in die Schule schleppen und ihre Rücken ruinieren? Dennoch: Jedem Bedürfnis nach digitalen Musik- oder Literaturfiles wird sich früher oder später ein haptisches Bedürfnis gegenüberstellen. Als Ausgleich gewissermaßen. Nicht zufällig gibt es diesen Megatrend zum Selberkochen und zum Besuch von Live-Konzerten, Lesungen und Restaurants, also Handlungen und Orten, die sich nicht digitalisieren lassen. Wir Menschen werden diese Bedürfnisse auspendeln, da bin ich mir ganz sicher.

Auch Körpersprache, die Wahl der Kleidung und des Haarschnitts gehören zum Repertoire der sozialen Distinktionsgesten.
    Kleidung, Ernährung, Fortpflanzung – wir leben in einer Zeit, in der sich die Grundbedürfnisse des Menschen immer spürbarer im Sinne einer Distinktion differenzieren. Übertragen Sie die Molekularküche von Ferran Adrià und das Prinzip, dass man nicht nur isst, um sich zu ernähren, auf die anderen Grundbedürfnisse, und Sie wissen, was ich meine.

Zum Thema: Der »Elektrische Reporter« Mario Sixtus zum Urheber 2.0

VIDEO: Was tun, wenn keiner kauft?

Was ist zu tun?
    Die Kernfrage lautet: Inwiefern können Bereiche der Kreativwirtschaft, konfrontiert mit der Digitalisierung, auf Dauer weiter reüssieren, wenn man sich keine Gedanken über die Themen Urheberrecht und geistiges Eigentum in einer digitalen Gesellschaft macht. In England und in Frankreich ist man schon deutlich weiter als in Deutschland. Dort hat mittlerweile auch die Politik erkannt, dass Hochtechnologie-Entwicklung und Kultur und Content einander bedingen, es herrscht dort mittlerweile das Verständnis vor, dass wir in einem grenzenlosen Europa leben, das sich schrittweise deindustrialisiert. In diesem Umfeld, in welchem die Produktion kultureller Inhalte eine größere Bedeutung gewinnt, müssen die Produzenten der Inhalte und die Vertreiber der Inhalte kooperieren. Wer erfolgreich Hochtechnologie auf den Markt bringen will, der braucht Inhalte, um neue Produkte durchzusetzen. Also müssen die Inhalte mit aller Macht verteidigt werden.

Welchen Wert hat das geistige Eigentum von, sagen wir: Radiohead, die ihr letztes Album gratis bzw. gegen ein freiwillig zu entrichtendes Entgelt ins Netz gestellt haben?
    Das Kalkül von Radiohead ist ganz offensichtlich: Erstens haben sehr viele freiwillig für den Download bezahlt. Zweitens war das herunterladbare Album die beste Werbung für die Konzerte der Band. Und drittens positioniert es die Band als ›Rebellen‹, die ein wenig Kapitalismuskritik wagen. Wenn Sie jedoch einen Schritt weitergehen, in die ebenfalls umsatzstarke Filmbranche, dann sieht die Situation schon komplizierter aus. Beim Film handelt es sich um einen stark arbeitsteiligen Prozess. Viele Quellen finanzieren einen Film, und viele Arbeitsleistungen, vom Caterer bis zum Cutter, gehen in einem Film auf. Was ist, wenn sich ein solches Produkt nicht mehr verkaufen lässt, weil es im Netz umsonst verfügbar ist? Was ist, wenn die Kindergeburtstagsgesellschaft nicht mehr gemeinsam ins Kino in den Kinderfilm geht, weil eines der Kinder den vor zwei Tagen angelaufenen Film bereits aus dem Netz gesaugt hat? Ich sage es Ihnen: Dann wird es ein solches Produkt nicht mehr geben. Wenn Raubkopiererei wie in Deutschland bagatellisiert wird, dann stehen ganze Zweige der Kreativwirtschaft auf dem Prüfstand.

Wie wollen Sie diesem Trend begegnen?

    Erstens muss das Urheberrecht in der digitalen Welt ankommen. Zweitens muss das Urheberrecht als zentraler Bestandteil dieser digitalen Welt grundsätzlich neu diskutiert werden. Auch im Wechselspiel des demokratischen Grundverständnisses, dass ein Zugriff auf Inhalte gewahrt bleiben muss. Und drittens muss die Musikindustrie lernen, den Lösungsansatz hierfür nicht nur konfron-tativ-juristisch zu suchen – was sie übrigens längst tut. Daher ist es sehr kurzfristig gedacht, wenn es dem Internet-Provider egal ist, mit welchem Content er seine Durchladeraten erzielt. In Deutschland stört mich an der Debatte, dass Technologie und Kultur nicht zusammengedacht werden, obwohl sie miteinander verkettet sind.

In Deutschland wurden im April Gesetze verabschiedet, die es der Musikindustrie weitreichend ermöglichen, an die Namen und Anschriften von Tauschbörsenbenutzern zu gelangen, die sich Musik oder Filme illegal herunterladen. Das führt dann zu so absurden Gerichtsprozessen wie jenem, in dem ein Rentner verklagt wird, weil er seinen WLAN-Anschluss nicht verschlüsselt hat – und Dritte über seine offene Leitung Songs von Bushido in einer Tauschbörse angeboten haben.
    Das ändert aber nichts an der Grundsätzlichkeit der Sache. Im Übrigen ist hier ein Künstler höchstpersönlich gegen den Rentner vorgegangen – und nicht die Industrie. Wichtig jedoch ist, dass die Botschaft ankommt, und die lautet: »Tu’s nicht!« Wir dürfen einfach nicht vergessen, und das schreibt Peter Sloterdijk sehr schön in seinem Buch »Im Weltinnenraum des Kapitals«, dass die dritte Welle der Globalisierung die Digitalisierung ist. Die Debatte über die Auswirkungen einer digitalen Welt muss viel weiter gehen, als nur darüber zu lamentieren, ob an dieser einen Stelle der arme Rentner, der seinen Router nicht geschützt hat, oder an jener anderen Stelle der Grundschüler, der sich nichts dabei gedacht hat, einen Fehler gemacht hat. Nein, wir müssen viel umfassender feststellen, dass das Internet bzw. der Computer als mediale Schnittstelle längst alle anderen Medien verdrängt hat. Unter Jugendlichen ist der Computer zum zentralen Medium avanciert, das Fernsehen, Radio, Zeitungen, Telefon, Postverkehr und CD-Player ersetzt hat. Die junge Generation informiert sich, unterhält sich und kommuniziert über den Computer. Die Digitalisierung reicht also tief in die Gesellschaft hinein. Wir, die Industrie, der Gesetzgeber, müssen also versuchen einen Weg zu finden, der dieser neuen Situation Herr wird.

Wie stellen Sie sich diesen Weg vor?
    Nehmen Sie die Debatte über Gewaltverherrlichung im Kino und Fernsehen. Was wird da für ein Aufwand betrieben, damit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen keine Gewalt gezeigt wird. Wir nennen diese Debatte die Regulierungsdebatte. Was aber passiert, wenn die Jugendlichen gar keinen Fernseher mehr besitzen und gar keine ARD mehr schauen, sondern völlig auf sich gestellt durch Filmdatenbanken surfen, in denen sie vom Kinderporno über nazistische Inhalte bis zum Snuff-Movie alles finden können? Dieses drastische Beispiel veranschaulicht die Dimension des gesellschaftlichen Wandels – und warum wir gut beraten sind, die Debatte im Zuge der Digitalisierung ein paar Etagen höher anzusetzen. Denn wir reden nicht nur am Thema vorbei, wenn wir die Regulierung auf das Fernsehen beschränken. Wir verlieren zugleich eine ganze Generation hinsichtlich eines Informationsflusses, der bis vor kurzem noch über die Tagesschau im Fernsehen oder die Tageszeitung am Frühstückstisch funktionierte.

Sie fordern also eine gesellschaftlich-philosophische Debatte?
    Ich fordere eine Auseinandersetzung, die mit gleichem Maß misst. Spätestens dann würde man auch nicht mehr aus einer naiv geführten datenschutzrechtlichen Argumentation heraus alle Kontrollinstrumente blockieren, die Inhalte regulieren könnten – sei es im Sinne der Rechteinhaber, also der Industrie und der Künstler, die geprellt werden, sei es im Interesse der Jugend, die nun einmal per Definition noch nicht mündig ist, selbst zu entscheiden, ob sie gewaltverherrlichenden oder pornografischen Content konsumieren darf oder eben nicht.

Aber Sie können doch nicht ernsthaft datenschutzrechtliche Vorbehalte unter den Tisch kehren.
    Tue ich ja gar nicht. Ich zeige nur mit dem Finger auf Ungereimtheiten. Fakt ist doch, dass die Internetnutzer sich freiwillig und ohne jeden Zwang zu gläsernen Menschen machen, indem sie beim Online-Kauf mit ihrem Konsumverhalten digitale Spuren im Netz hinterlassen. Oder denken Sie an all die Blogs und Fototagebücher und YouTube-Beiträge, die unwiderruflich im Netz bleiben, sobald man sie hochgeladen hat. Spätestens, wenn die Personalchefs der Industrie mitbekommen haben, was man so alles im Netz finden kann, werden Einstellungsgespräche ganz anders laufen als bisher. Das alles zeigt doch, dass die entscheidende Debatte, sei es aus Unwissenheit, sei es aus politischen Gründen, verschleppt wird. Die gesellschaftlich-philosophische Frage, die dahinter steht, ist ganz einfach: Habe ich als Individuum das Recht, mich im digitalen Raum anonym zu bewegen? Beziehungsweise habe ich die technische Möglichkeit und das Recht, digitale Spuren, die ich hinterlassen habe, wieder zu löschen? Urheberrecht und Datenschutz und Medienregulierung sind Aspekte ein- und derselben Debatte. Wir riskieren es, eine Parallelgesellschaft zuzulassen, die sich entkoppelt von allen Gesetzen und Verhältnismäßigkeiten, die sich an den Computer als anarchisches Instrument gewöhnt. Wir dürfen da, überspitzt formuliert, die Gesellschaft nicht sich selbst überlassen.

Hat die Musikindustrie aber längst!
    Na, ja… Wir haben uns die Butter vom Brot nehmen lassen, als wir in der digitalen Distribution – siehe iTunes – Drittanbieter haben groß werden lassen. Anstelle von uns hat Apple ein System entwickelt, das auf Basis eines sicheren Nutzungsrechte-Geld-Transfers bestmögliche digitale Qualität zu einem durchaus günstigen Preis anbietet.

Die Musikindustrie verpasste es vor zehn Jahren, sich mit Bertelsmann – und vor Apple – auf eine frühe, legale Download-Plattform wie Napster zu einigen und so den Zahlungswilligen eine Adresse zu geben, wie Andy Müller-Maguhn kürzlich an dieser Stelle bemerkte, bei der sie korrekt für Musik bezahlen können. Auch sonst fällt das Mitleid für eine Industrie, die statt progressive Wege zu gehen, lieber kriminalisiert, eher gering aus.
    Es stimmt: Die Musikindustrie hat gute zehn Jahre gebraucht, um sich hier völlig neu zu positionieren. Zunächst gab es Abstimmungsschwierigkeiten, aber dann hat man sich tatsächlich inhaltlich mit der digitalen Welt auseinandergesetzt. Dass heute Flatrates für Musik angeboten werden, ist das letzte Resultat einer Vielzahl von radikalen Veränderungen, welche die Musikindustrie intellektuell durchzugehen bereit war. Und ich sage Ihnen: Sie werden sich wundern, was den anderen Branchen noch bevorsteht. Nicht jeder hat die Krise der Musikindustrie studiert, und nicht jeder Manager hat für seine Branche die nötigen Schlüsse daraus gezogen. Spätestens dann werden wir alle sehen, dass die Musikindustrie gar nicht so langsam und schwerfällig reagiert hat, wie immer behauptet wird. Im Rahmen der Möglichkeiten wurde viel Richtiges getan. Im Übrigen ist die technologische Entwicklung längst unumkehrbar.

    Es wird bald nur noch das eine Trägermedium Computer geben – und über diese Schnittstelle wird uns als Nutzern das gesamte Archiv der menschlichen Kulturproduktion legal und in digitaler Codierung zur Verfügung stehen. Eigentlich eine tolle Sache. Nur muss sich eben die Erkenntnis durchsetzen, dass alles, was über einen Computer konsumiert wird, auf Basis zu bezahlender Nutzungsrechte zu geschehen hat – dass ein Handel stattfindet. Eigentlich ist das ein ganz einfaches und sehr faires Prinzip. Und dann kann man als Industrie selbstredend nach wie vor haptische Produkte wie Bücher, DVDs und Vinyl veröffentlichen – gegen einen Aufpreis, welcher der Aufmachung Rechnung trägt. Digital bedeutet dann einfach billiger und schneller. Das wären die zwei kaufmännischen Angebotsmodelle ein- und derselben Nutzungsrechte. Hier hat die Musikindustrie eine Zeitlang versäumt, diese beiden Modelle so einfach zu gestalten, dass sie vom Konsumenten auch begriffen und angenommen werden. Aber das haben wir ja geändert.

Reden wir vom Urheber selbst: Wie kann der über die Runden kommen? Gerade in unserer heutigen Zeit, in der Sampling, Zitat und Appropriation zum gängigen Ausdrucksmittel kultureller Praxis geworden sind.
    Kulturhistorisch gesehen gibt es verschiedene Rollenmodelle des Autors. Nehmen Sie einen Komponisten wie Bach: Der Künstler war damals positiv eingebunden in die Gesellschaft. Er schrieb seine Produkte im Auftrag der Kirche für die Gesellschaft. Johann Sebastian Bach kam nicht als Individuum zu dem Schluss, dass er Gott loben will und eine Kantate hierfür das geeignete Mittel sei, sondern er bekam einen Auftrag von der Kirche, die ihm sagte, dass er doch bitte ein Werk schreiben möge, da demnächst das Osterfest ansteht. Dieser Kunstbegriff wandelte sich bekanntlich im Laufe der Jahrhunderte radikal – hin zum Individuum. Yves Klein rannte sein gesamtes Leben aus freien Stücken einem Blauton hinterher. Arnold Schönberg brachte den Kunstbegriff des Individuums auf den Punkt, als er schrieb: »Kunst kommt nicht von Können, sondern von Müssen.« Wenn wir aufhören, Schönberg und Klein zu ehren, wird Europa untergehen. Und weniger pathosbeladen ausgedrückt: Ersetzen Sie »ehren« mit »bezahlen«, dann wissen Sie, worauf ich hinauswill. Und natürlich steht es dem Künstler frei, sein Werk zu verschenken, es selbst zu verkaufen – oder sich zum Beispiel von der Musikindustrie, einem Filmverleih, einem Verlag oder einer Galerie als Zwischenhändler in diesem ökonomischen Verwertungsprozess vertreten zu lassen. Aber am Ende ist es die Idee, die zählt.

    Und der Wert dieser Idee bringt die Gesellschaft voran. Da liegt ja auch der Denkfehler solcher Kollektivideen wie Creative Commons: Kunst ist immer die Leistung von Individuen. Also gehören auch Individuen entlohnt. Ganz im Sinne Adornos übrigens, der ja ebenfalls gesagt hat, dass Künstler Individuen sind, die spüren, dass sie die Kunst weitertreiben müssen. Und wenn wir das im Zuge der Transformation von der Industrie- in die Wissensgesellschaft nicht begreifen, dann haben wir ein massives Identitätsproblem. Früher habe ich Musik studieren können und nebenbei, ohne Druck und ohne das Ziel eines Abschlusses, noch ein paar Semester Philosophie. Dadurch habe ich meine Persönlichkeit formen können. All das wird gerade zerstört im Namen einer Effizienz, die keine ist.

Wie verhält es sich also mit Duchamp? Er erklärt ein Pissoir zu Kunst – und wird selbst zum Autoren. Übertragen auf die Urheberrechtsdebatte, könnte er heute diesen Schritt womöglich gar nicht mehr gehen, da er die Rechte für das Pissoir nicht bekommen hätte.
    Aber das ist ja längst geregelt. Wenn ich ein Werk nehme und es bearbeite, dann kann etwas anderes herauskommen, aber grundsätzlich habe ich ein existierendes Werk genommen und es bearbeitet. Anton Webern hat auch Bach umgebaut, das hat eine lange europäische Tradition. Entscheidend ist doch nur, dass ein neues Werk das alte Werk, aus dem es entstanden ist, wertschätzt.

Das heutige Äquivalent hierzu ist womöglich das Regietheater, das einen Klassiker wie »Hamlet« nimmt und völlig neu interpretiert. Das ist die postmoderne Herangehensweise.
    Wenn ich als Künstler im Rahmen von Collagentechniken auf Werke anderer zurückgreife, dann muss ich einen Schlüssel finden, der festlegt, wie viel von meinen Einnahmen an ›meinem‹ Werk eigentlich demjenigen zustehen, dessen Werk ich geschreddert habe. Das wäre also eine Art von bilateraler Auseinandersetzung zwischen Künstler und Künstler. Nicht zuletzt haben die Künstler selbst zu dieser Problematik leider oft gar keine Meinung und übertragen die Wahrung ihrer Rechte Anwälten, die dann nicht selten verhindern, dass postmoderne Kunst entstehen kann – indem sie die hierfür benötigten Rechte einfach nicht freigeben. Ich vermisse den mündigen Künstler, der nicht nur fordert, sondern bereit ist, das System mitzugestalten. Und natürlich muss das Urheberrecht dem digitalen Zeitalter angepasst werden. So, wie die Debatte derzeit aber geführt wird, ist sie einfach nur kontraproduktiv. Da wird gefordert, dass Musik umsonst zu haben sein soll, weil dies technisch möglich sei. Da wird die Industrie pauschal kritisiert – und übersehen, dass der Großteil der Industrie aus Mittelstand, gefährdeten Arbeitsplätzen und entgegen aller Vorurteile aus inhaltlicher Vielfalt besteht. Die ganze Debatte ist eine Katastrophe!

Was bringt Sie so in Rage?
    Europaweit gibt es Bemühungen, Märkte zu schützen – und in Deutschland zerstören kurzsichtige Staatsanwälte erste Erfolge. Mich macht wütend, dass im Moment der größten Krise gegen jedes Bemühen der Industrie wieder der Straftatbestand der ›Bagatelle‹ einführt wird, um die Gerichte zu entlasten. Illegale Downloads bis zu einem Streitwert von 3.000 Euro pro Kopf gelten seitdem in Deutschland als Bagatelle. Das ist, als würde ich im MediaMarkt 200 DVDs klauen. Ich kann darin kein heroisches Verhalten sehen, auch kein politisches Statement, und ein Gewohnheitsrecht – nur weil es jeder tut – lässt sich daraus auch nicht ableiten. Es ist und bleibt Diebstahl. Und wenn man diese Rechtsprechung unter dem Blickwinkel der Leitmärkte der Zukunft betrachtet, denen zufolge der Wissensmarkt der wichtigste Markt sein wird, dann stellt jede Bagatellisierung von digitalem Diebstahl eine eklatante Fehlentwicklung mit katastrophaler Signalwirkung dar. Und ich möchte anmerken: Ich spreche in diesem Moment für die Industrie, aber genauso auch für die Künstler, ob die nun Beatles, Kraftwerk, Santogold oder Ekkehard Ehlers heißen.


Weitere Teile der Spex-Reihe »Digitale Evolution« finden sich hier im Überblick.

2 KOMMENTARE

  1. […] bzw. sie über die Sinn-Krise der Popkomm hinwegtäuschen. Dieter Gorny wäre aber nicht Dieter Gorny, würde er nicht in völliger Verkennung der Tatsachen, wieder einmal gegen das böse Internet […]

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