Eine Verlockung, kein Ersatz

Der Schriftsteller, Journalist, Blogger und Dozent Cory Doctorow wurde 1971 in Toronto geboren und lebt heute mit seiner Frau Alice Taylor und der wenige Monate alten Tochter Poesy in London. Er ist Mitbegründer der Open Rights Group, die sich seit drei Jahren mit Kampagnen zu digitalen Rechten und Datenschutz im Internet beschäftigt, und tritt für eine Liberalisierung des Urheberrechts ein. Seine Science-Fiction-Romane »Down And Out In The Magic Kingdom« (deutsche Ausgabe erschienen als »Backup«bei Heyne, 2007) und »Eastern Standard Tribe«, der Ende Februar in Deutschland unter dem Titel »Upload« auf den Markt gekommen ist, stehen auf seiner Homepage Craphound.com (auf Englisch) und bei Heyne (auf Deutsch) zum kostenlosen, kompletten Download bereit – dafür nutzt Doctorow die Creative-Commons-Lizenz der gleichnamigen Organisation des amerikanischen Professors Lawrence Lessig. Das lehrreiche Blog, das Doctorow betreibt, findet man unter Boingboing.net.

Cory Doctorow

CORY DOCTOROW: »Du kannst nur Kunst machen, wenn es der Papst dir erlaubt … Zehn Unterhaltungsimperien sollten nicht das Recht haben, Kultur und kulturellen Fortschritt zu bestimmen!

(Foto: © Tim Adler / SPEX)


Cory Doctorow, in Ihrem neuen Roman »Upload« verfolgt der Leser in einer nahen Zukunft das Treiben eines gewissen Art Berry, dessen Beruf es ist, Großkonzerne zu beraten.

    Art Berry versucht, Firmen Lösungsansätze zur Verbesserung ihrer inneren Struktur und des Zusammenarbeitens in der Gruppe aufzuzeigen. In der Gruppe etwas zu schaffen, ist gewissermaßen übermenschlich, ›superhuman‹, weil die Gruppe gemeinsam etwas hervorbringen kann, das eine Einzelperson niemals zu leisten imstande wäre. Je größer eine Gruppe wird, desto verworrener sind die Kommunikationspfade. Das Schwierige ist somit die Organisation, nicht das Projekt an sich.

In »Upload« stellen Sie die These auf, dass ein weltweit einheitlicher Lebensrhythmus entscheidend ist, um sich im Internet zu organisieren.
    Das Internet kann nicht die Zeitunterschiede auf der Welt egalisieren. Das Internet macht vielmehr deutlich, dass die Menschen unterschiedliche Tagesrhythmen haben. Die Frage des geografischen Aufenthaltsortes wird zunehmend unwichtig, wann genau du wach bist, nimmt hingegen an Bedeutung zu. Willst du dich irgendwo einklinken, aktiv mitdiskutieren, dann ist es am besten, wenn dein Rhythmus derselbe ist wie jener der anderen User. Art Berrys Freunde stehen alle zur selben Zeit auf und gehen zur selben Zeit ins Bett, egal wo sie leben – wie Börsenmakler, die von New York aus live an der Börse in Tokio handeln. Ich finde es toll, dass man sich heute mithilfe des Internets genau die Leute suchen kann, welche dieselben Interessen und Weltanschauungen haben wie man selbst. Wer aus einem kleinen Dorf kommt und dort Outsider ist, findet im Internet Tausende, mit denen er kommunizieren kann. Wir können mithilfe des Internets unser Schicksal beeinflussen.

Wie beeinflussen Sie Ihr Schicksal?
    Ich kann durch das Internet Menschen auf der ganzen Welt mit meinen Büchern erreichen. Das könnte ich so nicht, würde ich meine Bücher nur auf Papier drucken.

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Niemand muss im Internet für den Download Ihrer Bücher bezahlen – Sie stellen diese gratis zur Verfügung.
    Das ist ein gutes Marketinginstrument und macht mich bekannt, was dazu führt, dass ich ›echte‹ Bücher verkaufe, Aufträge von Zeitschriften bekomme und von der Wirtschaft zu gut dotierten Vorträgen eingeladen werde. Das sind die Vorzüge des Internets, die von mir ganz bewusst ausgenutzt werden.

Aber was ist mit dem Autoren, der zu schüchtern ist, um Vorträge zu halten, der einfach nur an seinem Roman schreiben will?
    Jede technologische Entwicklung in der Geschichte der Menschheit hat Gewinner und Verlierer produziert. Als es noch keine Radios und Grammophone gab, war für einen Künstler Charisma, die Bühnenpräsenz, das Wichtigste – die Eigenschaft, die ihn erfolgreich werden ließ. Radio und Schallplatte relativierten die Wichtigkeit der charismatischen Bühnenpersönlichkeit, wichtiger wurde die Virtuosität im Studio – die Fähigkeit, seine Stimme oder sein Instrument im Moment der Aufnahme perfekt zu beherrschen! Es gefiel einer Menge Künstler nicht, dass sie ein Produkt einspielten, eine Konserve, die anschließend jemand anders dem Publikum lieferte – diese Künstler mussten sich bald neue Jobs suchen… Wer sich als Autor zu fein ist, Lesungen zu geben, Vorträge zu halten und für Magazine zu schreiben, hat in der heutigen Zeit verloren. Technologie tut Gutes und Böses, und die Frage ist nicht, ob die Helden und Gewinner von Gestern die Helden und Gewinner von Morgen sein werden. Die wichtige Frage ist vielmehr: Wird einer größeren Anzahl von Menschen die Möglichkeit gegeben, an Bildung und Kultur teilzuhaben?

Womit wir beim Copyright wären…
    …das doch nicht dazu da sein kann, nur eine kleine Gruppe von Menschen sehr reich zu machen. Ein Gedankenexperiment: Das eine Urheberrechtssystem bringt einen Film hervor, der eine Milliarde Euro einspielt, das andere eine Million Filme, die jeder 1000 Euro einspielen. Mich interessiert nicht, ob die digitale Evolution für Künstler im Allgemeinen gut ist oder nur für einen bestimmten Kreis, der sich gut anzupassen weiß und die Möglichkeiten, die sich heute bieten, nutzen kann. Mich interessiert vielmehr, ob durch die digitale Evolution mehr Menschen eine Chance bekommen, teilhaben zu können, mitmachen zu können.

    Historisch gesehen gab es in der Praxis immer zwei Arten von Copyright: das private und das kommerzielle. Niemand wandte das Gesetz auf den nicht-kommerziellen Austausch von Kulturgütern zwischen Privatpersonen an. Niemand scherte sich darum, ob du eine Fotokopie eines Gemäldes an der Wand deines Büro hängen hattest oder der Frau, die du verführen wolltest, eine Mixkassette mit Musik aufnahmst. Obwohl das de facto alles verboten war und ist! Im Internet ist die Situation noch verschärfter und zugleich absurder, schafft doch jede soziale Interaktion automatisch mehrere Kopien.

    Jede E-Mail, die ich beantworte, enthält als Kopie den Originaltext, ganz zu schweigen davon, dass sie ganz automatisch auf verschiedenen Servern zwischengespeichert wird. Und plötzlich sollten ganz normale Privatpersonen Urheberrechte verstehen und befolgen, die sich hoch dotierte Anwälte für riesige Unterhaltungskonzerne ausgedacht hatten? Dabei führten und führen diese Menschen nur das aus, was man kulturellen Austausch nennt!

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Jeder hat unterschiedliche Vorstellungen, was genau das Urheberrecht eigentlich ist.
    Das Urheberrecht versteht kein Mensch, es ist so kompliziert geworden, dass es noch nicht mal Urheberrechtsanwälte verstehen. Wie sollen dann Jugendliche das Gesetz verstehen und befolgen? Das Urheberrecht mag für große Konzerne funktionieren, aber nicht für Privatpersonen. Dort ist es sinnlos, die Einhaltung unrealistisch. Es ist Zeitverschwendung und ärgert die Bürger.

Creative Commons setzt also genau hier an.
    Creative Commons sagt verkürzt: »Was Privatpersonen untereinander machen, interessiert uns nicht. Was seit Jahrzehnten gang und gäbe war, soll weiter usus bleiben«. Schulkinder sollen weiter Musik untereinander austauschen. Nicht-kommerzielle Nutzung soll auch Normen folgen und nicht komplett gesetzesfrei sein, aber die Regeln müssen andere, einfachere sein. Wenn es sich um kommerzielle Nutzung handelt, muss dafür bezahlt werden. Hier wäre es schön, wenn man das vereinfachen und sich eine Art kollektive Vergütung für alle Copyrightinhaber ausdenken könnte. Verteilt also beispielsweise Napster Musik an User, sollten die in Napster vertretenen Künstler nach einem einfachen System entlohnt werden. Im Radio funktioniert das ja auch. Dort darf man jedes Stück spielen, und der Radiosender meldet den Einsatz dann einer Verwertungsgesellschaft, die an den Künstler anteilig Geld ausschüttet. Aber die Plattenfirmen sind misstrauisch und meinen, ihnen würde noch etwas Besseres als Napster einfallen. Und tut es das? Nein. Seit Jahren wartet die Welt auf einen Ersatz für Napster!

In Deutschland kann jede noch so blöde Fernsehserie jede Musik einsetzen, die sie will, da es für das Fernsehen Pauschalverträge mit der GEMA gibt. Produzenten von Kinofilmen hingegen müssen mühsam für jeden Titel Label und Verlag um Rechte anfragen, die sie dann auch noch teuer bezahlen müssen. So wird in der Regel verhindert, dass Filme mit geringen Budgets Hits bekannter Bands benutzen.
    Und wenn ich als kleiner Hiphop-Produzent ein Stück aus dem SonyBMG-Katalog samplen will, werde ich in der Rechtsabteilung sofort abgewiesen. Aber wenn der Anwalt von SonyBMG sein Pendant bei Universal anruft und sagt: »Hey, mein Künstler will etwas von deinem Künstler samplen, letzte Woche war es ja genau andersrum, lass uns einfach den gleichen Vertrag aufsetzen und nur die Namen austauschen«, dann geht es ganz schnell. Du kannst also nur Kunst machen, wenn es der Papst dir erlaubt … Zehn oder von mir aus hundert Unterhaltungsimperien sollten nicht das Recht haben, Kultur und kulturellen Fortschritt zu bestimmen!

Schriftsteller haben es in dem Sinne vergleichsweise gut?

    Bücher lassen sich nicht so gut durch E-Books ersetzen wie CDs durch MP3s. Es ist ja nicht so, dass wir nicht gerne am Bildschirm lesen würden, ich tue das 18 Stunden am Tag, die Bildschirme haben heute eine enorm gute Qualität – nein, das Problem ist: Computer lenken dich ab. Andauernd kommt eine neue Mail, eine RSS-Meldung, eine Einladung zum Chat oder eine Rechnung, die online zu bezahlen ist. Ein elektronischer, längerer Text fungiert nur als Verlockung, nicht als Ersatz! Ein elektronisches Musikfile hingegen ist vollständiger Ersatz – sieht man einmal von der Datenkompression ab.


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Sie verdienen Ihr Geld ganz klassisch mit echten Büchern.
    Das Problem eines Schriftstellers ist heute nicht die Piraterie, sein Problem sind Unbekanntheit und Bedeutungslosigkeit. Umgekehrt ist es so: Je mehr Leute durch Gratis-Downloads auf mich aufmerksam werden, desto mehr Leute kaufen auch mein Buch.

Ein downloadbares Buch im Internet konkurriert dennoch mit Millionen von Inhalten im Netz …
    Das Internet hilft den Menschen, genau die Kunst zu suchen, die ihnen gefällt, die genau für sie gemacht wurde, die sie anspricht. Idiosynkratische, eine ganz besondere eigentümliche und eigenwillige Qualität ist heute im Netz ein Allgemeinplatz geworden.

Jede Nischenkunst findet ihre Fans?
    Eben. Ich als Science-Fiction-Autor existiere auch in einer solchen Nische – und das sogar ganz komfortabel. Die Kosten für den Produzenten, den Autoren, oder von mir aus auch den Verlag, der Werbung betreiben muss, um auf sein Produkt aufmerksam zu machen, sind seit der Erfindung des Internets extrem gesunken – und das kann sich zu eigen machen, wer clever genug ist, die Mechanismen des digitalen Zeitalters zu nutzen. Ich kann nur jedem Autoren und Verleger raten, sich frühzeitig mit der elektronischen Veröffentlichung der eigenen Bücher zu beschäftigen, denn nur so ist man aufgestellt für das, was kommen wird.

Die Vertriebskosten ihres Romans als downloadbares PDF sind gleich Null – allerdings auch die Einnahmen.
    Früher haben wir unsere Güter, die vertrieben werden sollten, aufmerksam gehegt, gepflegt  und betreut wie Säugetiere ihren Nachwuchs. Heute gehe ich mit meinem Buch-File um wie Pusteblumen mit ihren Samen, die millionenfach in die Luft entlassen werden und von denen doch mehr als neunzig Prozent verloren gehen. Die Vertriebskosten für die Pusteblume sind aber so gering, dass es sich lohnt – die paar Prozent der Samen, die schließlich in die Erde gelangen und dort zu neuen Pflanzen heranwachsen, reichen zum Überleben völlig aus! Und so geht es mir mit meinen Büchern – sie werden ihre Käufer finden.

»Upload« von Cory Doctorow ist im Heyne-Verlag erschienen und kann auf Doctorow’s privater Webseite Craphound.com auf Englisch und auf den Seiten des Heyne-Verlags auf Deutsch kostenlosen heruntergeladen werden. Einen täglichen Besuch ist das kollaborative Weblog von Doctorow, David Pescovitz, Mark Frauenfelder und Xeni Jardin wert: Boing Boing – A Directory of Wonderful Things.

Alle Texte der SPEX-Reihe »Digitale Evolution« finden sich hier. In SPEX #314 (ab dem 18. April am Kiosk) finden sich die Teile 9 – 11 mit Christoph Gurk, Friedrich Kittler und Elizabeth Markevitch.

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