Der Traum von Musik als globale Idee

Die digitale Revolution verändert unsere Lebenswirklichkeit, entpolitisiert die Menschen zunehmend und vereinfacht den Konsum. Fluch – und Segen: Nie hatten wir so schnell und so leicht Zugriff auf das Weltwissen, zu keiner Zeit konnten Künstler so selbstbestimmt wirken wie heute. Konzertveranstalter Berthold Seliger berichtet im Rahmen unserer Reihe »Digitale Evolution« über veränderte Hörgewohnheiten, die Vorzüge und die Beliebigkeit von Social-Networking-Plattformen wie MySpace und über das Konzert als »Echtheitserlebnis«.

BertholdSeliger Die Digitalisierung ist neben der Globalisierung eine der großen Revolutionen der letzten Jahrhunderte. Was das Ausmaß der Lebensveränderung anbetrifft, ist die digitale Revolution wahrscheinlich vergleichbar mit der Französischen Revolution von 1789. Ich glaube allerdings keineswegs, dass die digitale Revolution nur Positives mit sich bringt. Und das, obwohl sie tatsächlich zunächst einmal viele Chancen bietet, allen voran die Vergesellschaftung von Produktionsmitteln: Jeder kann heutzutage CDs aufnehmen und vertreiben. Nur leider Gottes wird die Qualität der CDs dadurch nicht automatisch besser.

    MySpace mag eine schöne Sache sein und Künstlern im Einzelfall helfen. Die Entdeckerfreude, mit der man sich in Myspace treiben lassen kann, ist manchmal vergleichbar mit dem Erleben neuer Bands auf Konzerten. Letzten Endes ist MySpace eine andere Form von Mundpropaganda, wie wir sie beim sorgsamen Aufbau von Bands durch Konzerte und Tourneen ebenfalls erleben. Viele der Bands, deren Konzerte ich seit Jahren organisiere, sind über Mundpropaganda groß geworden. Es wird sich zeigen, ob MySpace-Fans ebenso treue Fans sind wie jene, die von einer live spielenden Band im Club überzeugt wurden. Das sind inhaltlich denkende Menschen. Die wird man übrigens auch nie über Kapitaleinsatz ›kaufen‹ können, die kann man nur überzeugen, und das ist gut so.

    MySpace ist andererseits ein Paradebeispiel für die post-post-modernistische Theorie, nach dem Motto ›anything goes‹. Alles wird in Folge beliebig, alles steht nebeneinander, alles scheint gleich wichtig. Aber es ist mitnichten alles gleich wichtig. Daher brauchen wir heute umso dringender Personen, die einen an die Hand nehmen und führen. Das müssen Leute sein, die für etwas brennen, die für einen Inhalt stehen, die sagen: Das ist die Musik, die ich liebe. Das können gute Plattenfirmen sein, Konzertveranstalter, Journalisten.

    Im Songwriting, digitale Revolution hin oder her, gibt es gewisse Qualitätskriterien, anhand derer ich Songs beurteilen kann. Der Rest ist Geschmackssache. Diese Fähigkeit zum Urteil, die muss man sich durch Hören erarbeiten. Erst, wenn man eine gewisse Tradition des Hörens an sich festmachen kann, wird man zum ›Trüffelschwein‹. Weil man beurteilen kann. Der Konzertveranstalter Karsten Jahnke ist so ein Trüffelschwein, Leute wie Alfred Hilsberg oder Daniel Miller sind es auf Labelseite. Das sind Persönlichkeiten, die für eine Kultur stehen, für etwas Besonderes, für eine eigene Haltung. Und natürlich letztlich für das Gegenteil von MySpace.

    Ich finde es problematisch, dass die junge Generation heute der Beliebigkeit zum Beispiel von MySpace ausgesetzt ist. Eine Beliebigkeit, die durch die permanente Beschallung auf Bahnhöfen, in Warteschleifen, Supermärkten und in sonstigen Lebenssituationen nur noch verstärkt wird. Ein bewusstes Hören fördert das mit Sicherheit nicht.

Anders als früher kann man heute sehr tief in die Welt der Musik eintauchen. Dank des Internets. Man kann sich im Grunde mühelos – wenn man nur weiß, wonach man sucht – ein unfassbar differenziertes Hören angewöhnen.
    Das gilt für Connaisseure, die bereits eine Hörtradition haben und über ein kritisches Bewusstsein verfügen – und die damit ausgestattet ganz gezielt und abenteuerlustig auf Musik- und Informationssuche gehen können. Ich stelle bei mir fest, dass ich im Alter immer spezieller höre. Ich höre mir immer verrücktere Sachen an. Justice zum Beispiel. Die faszinieren mich total. Früher hätte ich, um mir das anhören zu können, vielleicht nach Frankreich fahren oder mich von speziellen Plattenhändlern beraten lassen müssen. Dass uns diese Musik heute relativ einfach zur Verfügung steht, ist großartig, gar keine Frage! Für Neugierige ist das Internet ein Segen.

Genau. Man will ja nicht sagen: Früher war alles besser.
    Nein. Jammern gilt sowieso nicht. Es war früher vieles anders. Früher arbeiteten in der Industrie nicht wenige Leute, die von der Musik kamen – und heute sind das hauptsächlich Betriebswirtschaftler, Juristen – und natürlich ein Heer von Praktikanten. Das beziehe ich durchaus auch auf 90 Prozent der Musikpresse, wo Deals, Kapitaleinsatz und Marketing bestimmen, welche Texte ins Heft kommen und welche nicht. Das ist eine Manipulation, die es früher in dieser Perfektion nicht gegeben hätte. Die Musikpresse läuft Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit als Auswählende in den Augen ihrer Leser zu verlieren. Die Musikpresse der Zukunft muss den Lesern wieder Themen anbieten, statt dorthin zu gehen, wo die Leser bereits sind – Krise als Chance, übrigens.

Plattenfirmen    Der große Unterschied zu früher ist aber vor allem die Perfektion, mit der die Großkonzerne der Bewusstseinsindustrie heutzutage auf den Konsumismus ihrer Kunden abzielen – das ist ja heute eine einzige, auf vielen Ebenen arbeitende Manipulationsmaschinerie. Anders als früher haben wir heute zum Beispiel Privatfernsehen, das nichts anderes ist als ein Mittel zur Volksverdummung – und ein öffentlich-rechtliches Fernsehen, das, anstatt auf eigene Qualitäten zu setzen, hauptsächlich dem Privatfernsehen hinterherläuft und es nachahmt. Wir haben heute Formatradio, das von der Musikindustrie gefüttert wird und sogar Musikfernsehen, das sich zum Teil im Besitz der großen Musikkonzerne befindet. Da ist eine Perfektion in der Manipulation erreicht worden, die furchterregend ist. Wenn ich Adorno für etwas kritisiere, dann dafür, dass er vor fünfzig Jahren mit seiner Kritik an der Kulturindustrie nicht annähernd das gesamte Ausmaß des Wahnsinns vorhergesehen hat. Seine Analysen lesen sich heute geradezu naiv, es ist alles viel schlimmer gekommen: Die Gegenwart ist katastrophal.

    Im Konzertwesen haben wir natürlich einen Vorteil: Das Internet kann kein Livekonzert ersetzen. Du musst dabei sein, sonst warst du nicht dabei. Daher haben wir auch nicht das Problem, das die Plattenfirmen haben. Die Plattenfirmen haben ein Produkt, das sich selber abschafft. Konzerte kann man nicht abschaffen.

Hängt damit der derzeitige Boom der Livemusik zusammen?
    Livekonzerte sind Echtheitserlebnisse und Gegenveranstaltungen in dem Sinne, dass die Leute merken, sie werden hier nicht manipuliert. Keiner kann dem anderen in einer Konzertsituation wirklich etwas vormachen. In den Stadien, beim Fußball, ist es genauso. Trotzdem muss man gleichzeitig festhalten, dass die gigantischen Gewinne, die im Konzertgeschäft seit ein paar Jahren eingefahren werden, im Wesentlichen mit den Megaumsätzen überteuerter Großveranstaltungen und -tourneen zusammenhängen. Gruppen wie Genesis oder U2 generieren die Umsätze in der Bewusstseinsindustrie. Kleine Clubkonzerte sind heute nicht unbedingt leichter zu kalkulieren als vor zehn Jahren. Das liegt auch daran, dass junge Konzertgänger sich nicht mehr so sehr für unabhängige Rock- und Popmusik interessieren wie früher – und ältere Konzertgänger erfolgreich vom Retro-Revival-Zirkus umworben werden. Ich stelle seit einigen Jahren im Gegenteil fest, dass wir mit radikaleren, nicht-mainstream-kompatiblen Bands mehr Probleme haben als früher. In Unistädten, früher Sinnbilder für eine neugierige Clubszene, gehen heute im Schnitt weniger Leute auf Konzerte als in Großstädten. Obwohl da viel mehr junge Leute leben. Das war früher anders.

    Junge Künstler haben es heute also in vielen Punkten schwerer. Die Einnahmesituation im Bereich der Tantiemen spitzt sich ebenfalls radikal zu, Künstler bekommen aus den Downloads ihrer Songs mit jedem Jahr weniger Anteile ausbezahlt. Von der Schwarzbrennerei und den illegalen Downloads ganz zu schweigen. Ein wirklich nachhaltig denkender und weitsichtiger Künstler versucht dagegen zum Beispiel, Einfluss auf die Ticketpreise zu nehmen, etwa, indem er Obergrenzen festlegt – aus denen sich dann wiederum seine Gage errechnet.

DieGrosseChance

Du giltst als Kritiker des Formatradios.
    Formatradio ist langweilig und gleichzeitig brutal, das ist klar. Aber wenn man es einmal losgelöst vom Format betrachtet: Es macht mir Sorgen, wenn ich mir anschaue, wer in den letzten zwanzig Jahren von den digitalen Umwälzungen profitiert hat. Die Konzerne haben uns sehr erfolgreich dahingehend manipuliert, dass wir uns heutzutage weit mehr über Konsum definieren als jemals zuvor. Sie haben es in der Musik geschafft, dass sich auch progressive Bands von ihren Vermarktungsstrategien vereinnahmen lassen. Das alte Diktum von Neil Young »Ain’t singing for Pepsi, ain’t singing for Coke« gilt heute nicht mehr. Heute singen Die Sterne für Jägermeister, andere für Coke, viele für irgendwelche Mobilfunkkonzerne. Da verliert einer wie ich fast alle Illusionen. Und die Erfahrung der Jahrzehnte lehrt, dass eine Vermarktungs- und Verkaufsplattform wie das Internet zunehmend kommerzialisiert wird. Das heißt dann folgerichtig, dass der Apparat eines Tages die Bedingungen stellt, unter denen etwas im Netz stattfinden kann.

Doch keine schöne neue Welt?
    Natürlich nicht. Die 6- bis 19-Jährigen in Deutschland verfügen über so viel Geld wie noch nie. Die Zahlen von 2005 besagen: knappe 20 Milliarden Euro Kaufkraft. Sie geben 3,4 Milliarden für Bekleidung, über 2,5 Milliarden für’s Handy, 2,2 Milliarden für Weggehen, Disco, Kneipe aus, und dann kommt irgendwann mit 1,1 Milliarden Euro auch die Musik… – übrigens knapp vor 1,03 Milliarden für Imbissbuden und McDonald’s. Früher hat man sich als junger Mensch viel stärker über Musik definiert als heute. Aber das alles hängt natürlich eben auch von den Daseinsbedingungen junger Menschen ab – »die Köpfe hängen immer durch unsichtbare Fäden mit dem body des Volkes zusammen«, sagte Karl Marx

Die guten Aspekte der digitalen Revolution?
    Die große Chance ist, dass man im Kleinen heutzutage als selbstbewusster Künstler Herr seiner Dinge sein kann. Ein solches Modell des Künstlers als sein eigener Chef hat es in der Geschichte selten gegeben. Ein Musiker kann heute ohne allzu großen Aufwand seine Musik veröffentlichen. Wenn er das Selbstbewusstsein hat, wenn er autarker Regent seiner Verhältnisse ist, wenn er sich mit dem Geschäft auseinandersetzt, dann kann er eigentlich tun, was er will. Der autarke Künstler als sein eigener Unternehmer ist sicherlich ein Zeichen unserer Zeit. Er kann ohne Album auf Tournee gehen. Er kann sein eigenes Album produzieren. Er kann, wenn er das Rückgrat hat, Konventionen ignorieren. Jan Jelinek und Triosk können sich zwischen Berlin und Australien Soundfiles hin und her schicken, und am Ende entsteht ein gutes Album. Das ist die positive Seite.

    Hinzu kommt die mit der digitalen Revolution einhergegangene Globalisierung der Musik. Ich kann auf alle musikalischen Patterns dieser Welt zurückgreifen. Ich kann mich als Musiker, aber auch als Konsument viel leichter als bisher mit Musik aus anderen Kulturkreisen, zum Beispiel aus Afrika oder Asien, auseinandersetzen. Darin sehe ich eine große Chance. Die Musik aus der so genannten ›Dritten Welt‹ gelangt auf diese Weise wie nie zuvor in die so genannte ›Erste Welt‹. Einen solchen Musiktransfer hat es noch nie gegeben. Und ich rede davon, dass erstmals auch die Musiker und Rechteinhaber selbst Gewinner dieses Prozesses sein können, dass dabei also nicht zwangsläufig mit neokolonialistischen Methoden vorgegangen wird. Das wäre dann tatsächlich die Erfüllung eines alten Traums: Des Traums von der Musik als globale Idee.

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