Digitale Evolution: Andy Müller-Maguhn

Andy Müller-Maguhns Interesse an der Informationsgesellschaft entwickelte sich während seines Studiums. Er pflegte dabei einen kritischen Umgang mit den Technologien und Entwicklungen der elektronischen Medien und ihren Anwendungen. 1986 trat er dem Hackerverein Chaos Computer Club (CCC) bei, dessen Sprecher er noch heute ist. Als einer der Direktoren der Internet Corporation for Assigned Names and Numbers (ICANN) war er von 2000 bis 2002 für die Entwicklung weltweit gültiger Richtlinien und Strukturen des Internets zuständig. Innerhalb seiner Tätigkeit als Vorstandsmitglied der Bürgerrechtsorganisation European Digital Rights (EDRi) arbeitete er bis 2005 an der Durchsetzung der Menschenrechte im Digitalzeitalter. Den Broterwerb sichert seine Arbeit für die GSMK, die Gesellschaft für sichere und mobile Kommunikation, deren Mitinhaber er ist.

 

Andy Müller-Maguhn

ANDY MÜLLER-MAGUHN: »Die Musikindustrie hat sich in den letzten Jahren in einem sinnlosen Kampf gegen Windmühlen geübt. Dabei wurde die Kernfrage übersehen: Wohin kann ich als zahlungswilliger Kunde mein Geld überweisen?«

 

(Foto: © Heiko Laschitzki / SPEX)

Der Chaos Computer Club erregte Anfang der nuller Jahre viel Aufsehen mit der Installation »Blinkenlights« im Haus des Lehrers am Berliner Alexanderplatz. Das war eine öffentliche, von jedermann antriggerbare Lichtskulptur, die die Kommunikationsmittel unserer Zeit reflektierte.
    Ursprünglich, noch in den neunziger Jahren, wollten wir auf der Fassade des alten Millerntor-Hochhauses in Hamburg, Reeperbahn 1, das aufgrund einer Asbestverseuchung jahrelang leer stand, Tetris spielen. Die Behörden waren dagegen. In Berlin ergab sich dann die Möglichkeit, das Haus des Lehrers zu nutzen, als dieses eine Zeitlang leer stand. Wir hatten auf 14 Etagen jeweils 20 Fenster von innen mit Transparentfolie beklebt und hinter jedem einen Baustrahler aufgestellt. Die Strahler wurden dann von einem Rechner angesteuert, sodass wir die Fassade mit animierten Bildern bespielen konnten. Zusätzlich stellten wir im Internet eine Software zum Download zur Verfügung, mit der man seine eigenen Movies erstellen konnte – über eine 0190-Nummer haben wir dann den Leuten die Möglichkeit gegeben, ihre an uns eingesandten Filme abzuspielen.

    Mit den Erlösen aus den Anrufen wurde das Projekt refinanziert. Liebesgrüsse, Heiratsanträge, Space Invaders, Pong – ja, man konnte über die 0190er Nummer sogar Pong spielen! Das Projekt war natürlich eine Spielerei, aber sie zeigte auf, wie einfach man eine große Fläche bzw. den öffentlichen Raum mit Inhalten besetzen kann. Der Computer und die Hardware waren auf einem Holzbrett zusammengelötet, die Kabel lagen kreuz und quer – das sah nicht nach High Tech aus, aber es funktionierte. Bei einem nächtlichen Anflug auf Berlin-Tegel kam ich auf die Idee, dass man Pong natürlich auch über die ganze Stadt spielen könnte. Man müsste dann stadtteilweise den Strom aus- und wieder anschalten, um einen Ball zu simulieren, der quer durch die Stadt fliegt. Ob die Anwohner das allerdings gut fänden, wenn ihr Kühlschrank auf einmal ausgeht? Es ist nur eine Idee. Aber es wäre möglich.

Möglich ist einiges, bis vor Kurzem war es so, dass die Infrastruktur des Internets vor allem, und dennoch von vielen unbemerkt, von der Pornoindustrie genutzt wurde…
    Das war tatsächlich der Fall. Mittlerweile macht aber BitTorrent etwa 60% des Internet Traffics aus, das sagen zumindest die Internet Service Provider (ISPs). BitTorrent ist ein Transportprotokoll, das sendet und empfängt und mit dem man Inhalte von verschiedenen Servern gleichzeitig ziehen kann – sodass ein Inhalt nicht mehr zwangsläufig vollständig auf einem Server liegen muss, sondern stückweise verteilt werden kann. Das kommt natürlich den Leuten entgegen, die urheberechtlich geschütztes Material nicht als Ganzes auf ihrem Server liegen haben wollen.

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VIDEOINSTALLATION »BLINKENLIGHTS«: Ob die Anwohner das gut fänden, wenn ihr Kühlschrank auf einmal ausgeht?

VIDEO: Blinkenlights

Ist durch die digitale Evolution die Kontrolle von Inhalten schwieriger geworden? Inwiefern ist das Urherberrecht betroffen?
    Das Urheberrecht ist eine juristische Konstruktion. Die Geschäftsmodelle, die darauf basierten, Urheberrechte dadurch umzusetzen, dass man Verwertungsrechte für die Produktion von Schallplatten, CDs und Noten lizenzierte, funktionieren seit der digitalen Revolution nicht mehr. Die Musikindustrie hat sich in den letzten Jahren in einem sinnlosen Kampf gegen Windmühlen geübt. Dabei wurde die Kernfrage übersehen: Wohin kann ich als zahlungswilliger Kunde mein Geld überweisen?

    Die digitale Evolution hat es notwendig gemacht, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln – Apple hat mit dem iTunes-Store bewiesen, dass man mit Nutzungsrechten für Musik sehr wohl Geld im Internet verdienen kann – und dass die ständige, entgeltliche Verfügbarkeit von Musik eine Bereicherung sein kann.

Was hätte die Musikindustrie deiner Meinung nach anders machen müssen?
    Sie hätte nie die Verfügbarkeit von Musik im Netz kriminalisieren dürfen. Hier hat sich die Musik- und die Filmindustrie sehr unbeliebt gemacht. Als User, der ein im Netz verfügbares Angebot annehmen wollte, hatte man bekanntlich keine Chance, für die Leistungen zu bezahlen, die man in Anspruch nahm. Die Musik befand sich im Netz, das Interesse an der Musik war vorhanden. Die Abmahnungen der Industrie gegen Jugendliche hinterließen jedoch bald den Eindruck, dass es nicht mehr darum ging, dem Künstler seinen ihm zustehenden Anteil zu sichern. Und wer erst einmal ein negatives, raffgieriges Image hat, dem fühlt man sich moralisch nicht mehr unbedingt verpflichtet.

    Die Meinung im Netz war bald: ›Diese Arschlöcher müssen aussterben‹ – gemeint waren die deutschen Phonoverbände (IFPI) und die Major Labels. Die Künstler waren damit nicht gemeint, sondern die, die so taten, als würden sie die Künstler vertreten, in Wirklichkeit aber nur ihre Claims sicherten…

Für den Künstler selbst hat die digitale Evolution bislang fast nur Vorteile: Man kann in den eigenen vier Wänden Platten aufnehmen, soziale Skulpturen bauen, mit Digitalkameras Filme drehen, das Netz als Marketing- und Vertriebsstruktur benutzen. Wächst da eine neue Generation von Künstlern heran?
    Das Netz ist ›die‹ Plattform, über die man heute mit seinem Publikum kommuniziert. Computer und Software sind mittlerweile einfach zu bedienen, jeder hat Zugang zu einem weltweiten Markt. Vor allem aber macht das Internet eines deutlich: Die Kulturgeschichte der Welt besteht seit Jahrhunderten darin, dass Künstler Bestehendes aufgreifen und verändern. Urheberrechte, wie Disney sie an Mickey Mouse hält – und de facto verbietet, dass Mickey Mouse in anderen Zusammenhängen als Disney auftaucht – sind für eine künstlerische Evolution hinderlich. Sie sind ganz und gar anachronistisch. Denn im Netz erleben wir in Realzeit, wie neue Dinge entstehen, indem sie auf Bekanntem aufbauen.
    Künstler können sich heute in einem Maße aus der Kulturgeschichte bedienen, wie es noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen wäre. Natürlich halte ich das für eine revolutionär neue Situation der Kunstproduktion.

    Auch Zeitschriften sollten meiner Ansicht nach so arbeiten, Links setzen, Inhalte assoziativ verknüpfen. Tun Zeitschriften dies nicht, sind sie zum Untergang verurteilt, weil sie der Informationsfülle des Internets nichts mehr entgegensetzen können.


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Digitale Evolution

ANDY MÜLLER-MAGUHN: Die digitale Evolution hat es notwendig gemacht, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln.

(Illustration: © Patrick Klose / SPEX)

Die Kehrseite der Medaille: In den achtziger Jahren hat sich fast eine ganze Nation gegen die Volkszählung gestemmt, heutzutage liefert man die Daten frei Haus, die einen im Nationalsozialismus ins KZ gebracht hätten.
    Im September demonstrierten hier in Berlin 15.000 Leute gegen die Vorratsdatenspeicherung, also gegen das Vorhaben der Regierung, alle Verbindungsdaten zu protokollieren – wer mit wem telefoniert, in einem weiteren Schritt dann vermutlich welche Internetverbindungen du aufrufst. Mit diesen Daten kann man Organigramme und persönliche Beziehungskartografien erstellen. Das Netz an sich macht dich aber nicht automatisch nackt. Der Chaos Computer Club bietet Verschlüsselungsprogramme an, außerdem entwickeln wir Anonymizer, also Server-Netzwerke mit denen man anonym Webseiten aufrufen kann. Das bringt uns regelmäßig Ärger mit den Leuten vom Trachtenverein ein, mit der Staatsmacht, weil sich natürlich Missbrauchsoptionen durch diese Verschlüsselungen ergeben. Das Netz hat per se aber keine Datenschutzregeln eingebaut – weder für die eine noch für die andere Seite. Es hat kein verlässliches Grundgesetz, das dem Bürger Handlungsoptionen bietet, sondern nur eine technische Struktur. Der CCC verfolgt eben deshalb die Durchsetzung der Menschenrechte im Digitalzeitalter.

    Dazu gehört nicht nur das Recht auf informationelle Selbstbestimmung, also das Recht selbst darüber bestimmen zu dürfen, welche Daten von einem wo gespeichert werden, aber eben auch das Recht, in Ruhe gelassen zu werden, Unverletzlichkeit der Wohnung heißt bei uns selbstverständlich auch die Unverletzlichkeit des eigenen Computers. In den Köpfen der Menschen ist noch nicht verankert, dass diese Strukturen geschaffen werden müssen. Wir machen das für uns beim CCC, aber die Politik versteht das nicht.

Wir erleben die Gleichzeitigkeit von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft im Netz, und wir sind Zeugen der Versuche verschiedenster Institutionen, das Netz kontrollierbar zu machen.
    Geschichte wird von den Siegern geschrieben. Die Hoffnung ist, dass mit mehr Sendern auch mehr Realität entsteht. Dass also nicht mehr einzelne Radio- oder Fernsehsender, Verlage oder Institutionen die Realität und deren Wahrnehmung manipulieren oder gar bestimmen, sondern dass die Realität ein Mosaiksteingebilde ist, in das jeder seine individuelle Sicht einbringen kann und das natürlich besonders in Gegenden, in denen die Meinungsfreiheit ansonsten eingeschränkt ist.

    Leider gibt es aber beispielsweise bei Wikipedia, der an und für sich guten Idee einer weltweiten, sich minütlich aktualisierenden Enzyklopädie, weitreichende Manipulationsmöglichkeiten. Mobs, welche die Definitionsmacht von Wahrheit an sich reißen wollen: Die beabsichtigen sie dann quasi mit einem TM, einem Markenzeichen, zu versehen. Deshalb sage ich immer: Du kannst keiner Wikipedia-Seite trauen, die du nicht selber gefälscht hast. Die Sichtbarmachung von Kontexten ist ein Segen des Netzes. Künstler können auf andere Künstler verweisen, Einflüsse deutlich machen. Verlinkung und Vernetzung können auf diese Weise funktionieren wie das menschliche Gehirn arbeitet: assoziativ.

QR Codes wie auf unserem Titelbild werden das Portfolio unserer digitalen Ausdrucksmöglichkeiten in nächster Zukunft entscheidend erweitern – eine weitere Simulation menschlicher Gedankensprünge?
    Auf alle Fälle handelt es sich um ein faszinierendes Konzept, das so bisher noch nicht verwirklicht worden ist. Der Code wird sich zu einer Schnittstelle weiterführender Informationen entwickeln. Daher sage ich auch: Wir befinden uns nicht am Endpunkt einer Entwicklung, wir sind mittendrin, wir sind Zeugen. Keiner weiß, wo sich die Kunst hinbewegen wird, aber wir erleben es täglich, wie die neuen Formate, welche die digitale Evolution hervorbringt, von Künstlern gegen den Strich genutzt werden. Es gibt nicht wenige, die den achtziger Jahren nachtrauern, weil sie übersichtlicher waren, es gab nur wenige Szenen, die sich zudem alle aufeinander bezogen haben. Im Vergleich dazu ist die Welt heute unübersichtlich geworden. Aber es gibt einen Trost: Man kann immer im Internet nachgucken.

Alle Texte der SPEX-Reihe »Digitale Evolution« finden sich hier.

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