Warum lasse ich mir Lügen erzählen?

Die digitale Revolution verändert unsere Lebenswirklichkeit, entpolitisiert die Menschen zunehmend und vereinfacht den Konsum. Im Rahmen der Reihe »Digitale Evolution« sprachen wir mit dem ZickZack-/What’s So Funny About?-Labelchef und Musikjournalisten Alfred Hilsberg über die Auflösung des Formats Album, die heutigen Herausforderungen für Künstler und die Chancen des Internets für selbstbestimmtes Arbeiten.

AlfredHilsbergAuf der Popup-Messe in Leipzig sprachst du auf einer Podiumsdiskussion von einer »Scheindemokratie«, welche die digitale Revolution und die mit ihr einhergehende Verfügbarkeit von Produktionsmitteln für jeden mit sich bringe.
    Grundsätzlich ist diese virtuelle Welt ja begrüßenswert. Sie ist größer als alles, was wir bisher kannten, sie ist global, sie bietet Möglichkeiten, von denen ich vor zwanzig Jahren nur geträumt habe. Schaue ich mir aber an, welche Auswüchse die digitale Revolution mit sich gebracht hat, dann ist sie leider nur ein Spiegelbild dessen, was allgemein derzeit gesellschaftlich passiert. Ein Spiegelbild der tendenziell immer mehr um sich greifenden Individualisierung. Und die funktioniert nicht im Sinn einer Stärkung des Selbstbewusstseins, nicht in der Entfaltung individueller und kollektiver Möglichkeiten. Sie fördert die Vereinzelung, die Isolierung. Spätestens hier beginnt das Erschrecken. Denn die Artikulation von 99% der Menschen, die das Internet nutzen, ist ja die unbewusste Selbstdarstellung von Hilflosigkeit, von Isolation, von Unfähigkeit zur Kommunikation. Geschweige denn künstlerische Artikulation. Diese millionenfache Selbstdarstellung ist kaum erträgliches Mittelmaß, um es noch halbwegs positiv zu formulieren. Das ist kein Vorwurf an die Produzenten dieses Niveaus, es ist schlicht das Ergebnis der kulturellen, der gesellschaftlichen Nivellierung.

    Künstler, die sich in der virtuellen Welt präsentieren wollen, müssen sich unter ganz anderen Zwängen als alle Generationen vorher, um mediale Präsenz kümmern. Es sind in der eben von mir beschriebenen Welt des Mittelmaßes multiple Persönlichkeiten gefragt, die sich um eine einzigartige, hervorzuhebende Präsentation ihrer Persönlichkeit, ihres Werkes, ihrer Arbeit, ihrer Musik bemühen. Die Aufgabe, sich selbst darzustellen und zu vermarkten, hat eine kaum mehr überschaubare Dimension erreicht. Die Musik einer Band mag noch so toll sein – wenn sie nicht wahrgenommen wird in diesem Ozean an nutzlosen Informationen, dann könnte das Scheitern beginnen. Es sei denn, der Künstler entwickelt andere Formen und Inhalte, um wahrgenommen zu werden. Jedenfalls sollte sich niemand auf das Instrument Internet mit seiner Scheindemokratie verlassen.

Du beklagst das Fehlen eines Filters, eines Selectors, einer Redaktion?
    Ich beklage vor allem, dass eine Künstlerposition durch ein Medium umdefiniert wird. Der Künstler muss medial präsent sein, vielleicht hat er früher in der Zeit ein Buch gelesen oder mit anderen Menschen Erfahrungen ausgetauscht. Eine virtuelle Welt, so toll sie auf den ersten Blick wirken mag, ist am Ende des Tages doch ein Fake, wenn sie die echte Welt zu ersetzen versucht. Ich bin damit aufgewachsen, dass hinter einer Haltung immer echte Leute, echte Bewegungen standen. Ich konnte alles überprüfen, indem ich auf Konzerte ging – die Musik wurde aufgeladen von der jeweiligen Situation, fand nicht im luftleeren Raum des Internets statt. Ich möchte sehen, wie einer auf einer Bühne auftritt, aus welchem Umfeld er kommt, wie eine Beziehung zwischen Publikum und Künstler entsteht.

    Das Problem der digitalen Plattformen ist, dass es keine qualitativen Filter gibt. Der entscheidende, fundamentale Punkt für einen Künstler muss immer sein: Er muss eine Haltung haben – gerade auch weil im Internet dies oft mit ›medialer Identität‹ gleichgesetzt wird. Nur, wenn Künstler bewusst mit dem Internet umgehen, können sie das Netz auch als Beschleuniger nutzen. Das ist ein Spagat, der multiple Persönlichkeiten begünstigt – und somit ebenfalls einen Filter darstellt, einen systembedingten.

Welche Rolle wird das Album, die CD, das Werk in der Zukunft spielen?
    Die technologische Entwicklung, an der ›Spitze‹ das Brennen von Musik, hat das Verhältnis des Konsumenten zum Wert eines Werkes, grundlegend verändert. Wozu für Musik bezahlen, wenn man sie umsonst bekommen kann? Die neue Generation von Jugendlichen steht der Spezies der CD-Käufer fassungslos gegenüber. Die Industrie hat die CD so gut wie überflüssig gemacht. Das Marketing von Künstlern erfolgt ja zunehmend über die Vermarktung einzelner Hits über Video, Radio, Klingeltöne, Werbung. Das Album interessiert den Konsumenten immer weniger. Bemerkenswert ist der Trend, dass viele Leute sich wieder dem Vinyl zuwenden. Es ist ja auch für mich ein Stück Lebensfreude, das Erlebnis LP-Cover zu genießen. Aber das hat sicher nur Zukunft in bestimmten Nischen. Vorläufig laufen Künstler und Plattenfirmen, auch die kleinen Independent-Label, der Entwicklung hinterher. Die Rolle der Label als Kulturschaffende, als Selector, verschwindet.

    Die Abschaffung der CD ist schon lange prophezeit worden. Und es gibt ein paar kluge Leute, die MySpace das gleiche Schicksal prophezeien. In seiner jetzigen, formatierten Form kann das keine Zukunft haben.

Kapitalismus

Was hat den Künstler von heute auszuzeichnen? Skepsis gegenüber der digitalen Gesellschaft?
    Es wird für den Künstler immer wichtiger zu wissen, wie die Zusammenhänge funktionieren. Man muss eine Haltung zur Welt, zum System entwickeln. Man muss gewissermaßen zu verstehen versuchen, wie und warum diese Gesellschaft so funktioniert, wie sie funktioniert. Wie funktioniert der Kapitalismus? Wie funktioniert die Globalisierung? Warum funktioniert die Globalisierung nur im Sinne des Kapitals? Warum passiert Heiligendamm? Warum lasse ich mir Lügen erzählen, warum gibt es präventive Razzien, und warum ist es allen egal, dass Tornados über die Zeltdörfer fliegen, um Aufklärungsfotos zu schießen? Diesen Fragen sollten sich auch Künstler stellen. Antworten darauf hat der Einzelne vielleicht nicht, Lösungen schon gar nicht. Aber die Position des Künstlers sollte dem Publikum gegenüber schon klar sein. Und sei es die des Fragestellenden, Zweifelnden, Suchenden.

Gleichzeitig war es nie so einfach, Wissen zu erlangen. Für den Künstler gesprochen: Nie war es so einfach, sich einen Überblick darüber zu verschaffen, wie denn diese Welt funktioniert, wie der Kapitalismus funktioniert, wie die Globalisierung funktioniert.
    Ich bin erschrocken darüber, wie viele Künstler heutzutage trotz dieser Informationsmöglichkeiten keinen blassen Schimmer davon haben, wie sie sich zur Welt definieren könnten, wie sie einen aus einer eigenen Identität heraus gewachsenen künstlerischen Ansatz realisieren können, so dass er in der Welt auch Bestand hat. Die Mehrzahl der Künstler denkt: Schöne neue Welt, geht ja alles, ich brauche nur einen Computer. Nehmen wir zum Beispiel Jochen Distelmeyer. Der hat all dies mitgebracht, von dem ich spreche. Der hatte mit der Politisierung des Privaten, mit seiner radikalen Privatheit ein künstlerisches Konzept. Bis zuletzt: Die Radikalität, die er mit »Verbotene Früchte« hingelegt hat, die hätte ich ihm vielleicht nicht mehr zugetraut, aber ich habe mich geirrt.
    Er ist dabei grandios gescheitert, aber vielleicht hat er das Scheitern sogar einkalkuliert.

    Von Anfang an hat Jochen Distelmeyer eine eigene Haltung und dafür auch eine eigene Sprache entwickelt. Auch Kristof Schreuf hat eine solche eigene Sprache. Ich habe gerade erst vor kurzem neue Stücke von ihm auf einem grandiosen Konzert seiner Band Brüllen gehört. Seine Sprachgewalt hat mich erneut fasziniert. Nach wie vor ist es am wichtigsten, dass die Künstler eine eigene Sprache mitbringen. Weil sich die Leute noch am ehesten über Sprache miteinander identifizieren bzw. Identifikation stiften können. Die Einstürzenden Neubauten können in diesem Sinne als positives Beispiel dienen: Sie waren radikal. Ihr künstlerisches Konzept war eine Art physischer, und somit erfahrbarer Existenzialismus. Und auch die Neubauten haben sich immer um die eigene Aufklärung gekümmert, Systeme hinterfragt, ihren eigenen Musikverlag gegründet, ihre Geschicke in die eigene Hand genommen. Künstler, die so an die Sache gehen, werden auch in Zukunft gehört werden.

Ist das nicht Industrieromantik?
    Die Neubauten ›mussten‹ unter einer Schöneberger Autobahnbrücke ihre ersten Songs aufnehmen, weil sie erst durch diesen spezifischen Ort und diesen spezifischen Zeitpunkt zu Klang wurden, zu existieren begannen. Ein solches Entstehungsmoment kann keine Behauptung und kein Second Life im Internet erfüllen. Das Internet kann wirksames Werkzeug sein – und auch da haben die Neubauten ja Neuland betreten, indem sie eine eigene, interaktive Plattform geschaffen haben. Allerdings würde ihnen diese Plattform gar nichts nützen, wenn sie nicht auf ein internationales Netzwerk an Fans zurückgreifen könnten, dass sie mit ihrer physischen Präsenz über Jahrzehnte geschaffen haben. Dazu gehört auch die Selbstorganisation und Selbstbestimmtheit bis ins Detail: von ihrem Neubauten-Logo, den Plattenhüllen bis in die Ästhetik der Konzerte gehört alles zum Konzept eines auch physisch erfahrbaren Identifikationsangebots. Aber das ist in seinem radikalen und konsequenten Ansatz zumindest hierzulande eine Ausnahmeerscheinung geblieben.

Gehen wir vom Künstler aus. Welche Möglichkeiten hat er?

    Wenn der Künstler mehr vom Leben erwartet als nur im Netz angestarrt zu werden, wenn er also begriffen hat, dass dieses System genauso funktioniert wie die Gesellschaft, in der er wirkt und lebt, wenn er sich damit abgefunden hat, dass er nichts wirklich verändern kann, dann muss er sich trotzdem fragen: Was kommt danach?

    Diese Fragestellung finde ich aus dem Grunde interessant, weil sie uns daran erinnert, dass wir an einer Zeitgrenze stehen, an der Schwelle einer neuen Zeit, von der noch niemand genau weiß, was sie uns bringen wird. Auch aus einer solchen Erkenntnis könnten hochinteressante künstlerische Ansätze entstehen. Um es einmal ganz einfach zu formulieren: Ein selbst organisiertes Netz von Künstlern, die etwas zu sagen haben, erscheint mir nach wie vor als eine naheliegende Existenz-, Ausdrucks- und Organisationsmöglichkeit. Um wieder die Neubauten als Beispiel zu nennen: Die Neubauten haben sich eine solche Plattform geschaffen, welche die Band jenseits der downloadbaren Tracks verankert. Und damit kommen wir wieder zur Formatfrage: Die Tage der CD sind gezählt, Vinyl ist keine Alternative. Die großen Plattenfirmen EMI und Universal planen, demnächst keine physischen Tonträger mehr von unbekannten Künstlern zu veröffentlichen. Ich würde lügen, wenn ich sagte, ich finde diese Entwicklung begrüßenswert.


Luegen

Welche Chancen haben Kollektive? Du selbst hast Anfang der Neunziger eine Idee von Blumfeld und Tobias Levins Cpt. Kirk &. tatkräftig unterstützt, indem du eine Zeitschrift namens »Unterhaltung« mitfinanziert hast. Das politische Magazin wurde den Schallplatten dieser und befreundeter Bands beigelegt – und trug sicherlich dazu bei, dass vereinzelte Bands von der Öffentlichkeit als Bewegung wahrgenommen wurden.
    Damals, zur Zeit der ›Wiedervereinigung‹ gab es eine wirkliche Bewegung – und nicht nur eine behauptete. Die Leute haben ja geradezu darauf gewartet, dass etwas passiert. Dass in kurzem zeitlichen Abstand zueinander Kolossale Jugend, Blumfeld, Goldene Zitronen, Cpt. Kirk&. und noch andere mehr Stellung zur Wende, zu Großdeutschland und zum neuen Nationalismus bezogen, war nicht konstruiert. Andererseits will ich nicht ausschließen, dass man als Künstlerzusammenschluss auch eine neue soziale Bewegung, auch im Internet, ausrufen kann. Das sollte man versuchen, wenn man etwas zu sagen hat.

    Mich wundert nur, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der es mehr denn je soziale Brüche zu verzeichnen gibt – und dass kaum einer sich ernsthaft künstlerisch damit auseinandersetzt. Aber natürlich muss sich eine solche künstlerische Position auch damit auseinandersetzen, dass an anderer Stelle, Beispiel Heiligendamm, Protestkunst sogar staatlich bezuschusst worden ist. Krass formuliert könnte man sagen, dass sich der Staat seine eigene Opposition schafft, weil er mit dieser besser umgehen kann als mit einer echten Opposition. Und wenn man eine solche Erkenntnis auf das Internet überträgt, dann tun sich Abgründe auf. Natürlich argumentiere ich konsumkritisch. Ein Klima der Beliebigkeit ist konsumbegünstigend. Ein Künstler hat sich damit auseinanderzusetzen. Ich kann nur hoffen, dass es Künstler gibt, die die Vereinzelung, die Scheinindividualisierung versuchen zu überwinden.

Noch gibt es sie nicht?
    Es gibt hierzulande ein paar lose Zusammenhänge. Es gibt auch zum Beispiel vielfältige soziokulturelle Aktivitäten rund um den Pudelclub in Hamburg. Aber es gibt überwiegend ein allgemeines, passives Warten auf den Erlöser. Auf welchen Erlöser? Vielleicht gibt es ihn irgendwo im Netz? Gehört habe ich von ihm noch nicht. Und es wird ihn auch nicht geben. Wir müssen schon selbst was für uns tun. Irrtümer und Fehler eingeschlossen.
Die Idee vom Scheitern als Chance schien ja erst sehr sympathisch, blieb aber doch letztlich ein Vermarktungskonzept.

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