Dietmar Dath Kammerflimmer Kollektief Im erwachten garten CoverDietmar Dath zu lesen bedeutete bisher, sich viel Arbeit zu machen. Theoretisch immer interessant, weil voller Gegenwart, blieb man in der Science Fiction des Schriftstellers wie etwa »Am blinden Ufer« oder dem letztjährigen »Die Abschaffung der Arten« regelmäßig bei Unvertrautheiten der Physik hängen, zum Beispiel bei der Heisenbergschen Unschärfe-Relation oder dem Minkowskischen Gitterpunktsatz. Im Gegensatz zu den Feuilleton-Texten Daths wirkte seine Prosa überfüttert mit Naturwissenschaftlichem. »Im erwachten Garten« nun wirft neue Lichter auf seine Bücher.

    Ex-Spex-Chef und ehemaliger FAZ-Redakteur Dath hat sich ein neues Format ausgesucht, das ihm ausgesprochen gut steht. Als sogenanntes Musikbuch unterscheidet sich »Im erwachten Garten« zum Hörbuch in der Weise, wie hier mit Sound hantiert wird: Die Musik greift ein und will deutlich mehr als nur ein Illustrieren des Wortes. In einer Allianz des Südwestens haben für »Im erwachten Garten« das Kammerflimmer Kollektief aus Karlsruhe mit dem in Freiburg und Frankfurt a.M. lebenden Dath gemeinsame Sache gemacht. Aumüller, Frisch und Weber haben sich längst hervorgetan mit ihrer psychoaktiven Gruppenmusik, die Jazz ebenso kennt wie Filmsoundtracks, Soul und Ambient. Mit diesem für sie neuen Format beweisen sie ihre phänomenale Intuition: Mal betten sie Daths angenehm ungeübte Erzählerstimme ins weiche Moos und streben kaum mehr an als Ambiance. Jähes Intervenieren kommt dem Trio indes ebenso in den Sinn im Verlaufe dieser sechzig Minuten. Dann kracht eine Gitarre rein, Dath verharrt, lässt sie gewähren – mitunter für mehrere Minuten.

    Wenn sie spielen wird das Sinnhafte der Allianz deutlich: Kammerflimmer Kollektief entwickeln gemeinsam ihren Sound und sehen in ihren Gruppenimprovisationen eine soziopolitische Note. Bei »Im erwachten Garten« handelt es sich gar um eine Allegorie einer gleichberechtigten Gesellschaft, oder: einer Gemeinschaft aller im All. So gehen sie Hand in Hand, Form und Inhalt. In einer Kurzcharakterisierung wird das Manuskript von »Im erwachten Garten« als bislang unveröffentlichter ›Spiegeltext‹ zum Roman »Die Abschaffung der Arten« betitelt. Die Erde ist in jener unspezifisch fernen Zukunft, in der Dath seine Geschichte ansiedelt, frei von Hierarchien zwischen Geschlechtern und Ständen, zwischen Menschen, Tieren und Pflanzen. Die Programmiererin Lisa verknallt sich in die Sternreisende Suripfote, deren Geist wiederum in den Körper ihrer Geliebten hineingeladen worden ist. Im ›erwachten Garten‹, einer smarten Gartenanlage voller rechnender Pflanzen, duplizieren Lisa und Suripfote am Ende den Körper der Sternenreisenden, damit pro Geist auch ein Körper da ist.

    Dazwischen gibt es polyamouröse Vergnügungen mit einer Dornhai-Frau, einer Ringelrobbe und einem Hund. All’s well that ends well, und zudem besitzt »Im erwachten Garten« einen Klang, wie er kaum zu erwarten gewesen ist angesichts der nüchternen Science-Fokussierung in den Fiktionen Daths. Hier brummt und summt es, vibirert die Luft vor unter- und überschwelligen Geilheiten und surrt im Ton der Verständigung.

LABEL: Staubgold / Verbrecher Verlag | VERTRIEB: Indigo / Implex Verlag