Die Zimmermänner

Was genau soll das sein? Ein »Fortpflanzungssupermarkt«? Diese Platte spielt so kontrolliert um Scherz, Ironie und tiefere Bedeutung ringend mit ihren Worten, dass ein Wort nicht einfach irgendetwas bedeutet. Dahergesagt schließt sich aus. Vom Supermarkt heißt es, dass dessen hunderttausende Packungen und Preisschildchen einen bisweilen zu erschlagen drohen. Das passt auch auf dieses neue Angebot von Detlef Diedrichsen und Timo Blunck. Seit ihrem letzten Album ist fast ein viertel Jahrhundert vergangen. 1980 konnte man noch in Hamburg zur Schule gehen, ohne gleich für die Hamburger Schule gehalten zu werden. Vielmehr aß man sein Pausenbrot wie alle anderen und verabredete sich zum ›Musikmachen mit deutschen Texten.‹ Tatsächlich standen Diederichsen und Blunck mit ihrem Sextett Ede & die Zimmermänner schon bald bei Alfred Hilsberg im Studio. Der Klassiker »1001 Wege um Sex zu machen ohne daran Spaß zu haben« kam dabei heraus, ein Titel, der nicht nur im Zusammenhang mit dem Namenspaten der Combo, dem Gottvater des deutschen Reality-TVs alias »Aktenzeichen XY ungelöst« aufhorchen ließ. Bereits 1984 war mit der zweiten Langspielplatte »Goethe« Schluss, und der  Rückzug ins Obligate begann: Musikproduktion einerseits, journalistische Autorenkarriere andererseits.

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    Der Rest wäre Geschichte, wenn man nicht quasi von Anfang an auch am jetzt vorliegenden Werk gearbeitet hätte. Dessen Opener »Levitenlesen in A-Dur« wurde 1982 geschrieben und hört sich heute auch genauso an. Eine tanzbare Folkpop-Nummer mit Bongos und Wandergitarre. Zum Schießen. Aber in der Songlyrik auch etwas unterambitioniert (»Lass die Haare in der Suppe / Tu die Fliege noch dazu / Stark sind wir nur in der Gruppe«). 1999 nahmen sich die Zimmermänner mit Christoph M. Kaiser einen Bauleiter, der hatte schon Etta Scollo produziert und bei den Jeremy Days Bass gespielt. Das wird hörbar in einem Song wie »Ich bin ein Wurm«, wo sich Clicks&Cuts-Gegniedel und Vibrafon verfugen.

    Becks »Odelay« lässt hier ein ums andere Mal Grüße ausrichten. Der Sound also war festgeklopft: unaufgeregter Schlagerelektropop, je nach Bedarf als Tango (der dann natürlich auch der »Letzte in Bad Ems« sein muss) oder im vertrackten Weichspülerjazz-Arrangement von »Warum schmust du nie mit meinem Gehirn?« Eben trötet es noch wie James Last, schon intoniert ein Shanty-Chor: »Die Hitze einer Idee kennt keinen Widerstand / Und das Feuer der Gedanken durchbohrt sogar den Markt«. Quergedachte Leitartikelparolen treffen auf van-Dannen-Nonsense oder die späten Blumfeld (»Du bist März und ich September / Und dein Mai ist mein November«), wobei leichte Funk-Anleihen bei letzterem plötzlich Sly & the Familiy Stone durchklingeln lassen. Überhaupt: »Fortpflanzungssupermarkt« ist eine Produktion, die sich über Jahrzehnte erstreckte, tatsächlich aber einen unglaublich homogenen Gesamteindruck hinterlässt. Der Gesang stets weit vorn. Mit der Pinzette scheint hier auch das letzte Tonloch mit einem Regenschauer oder gesampelten Babylauten gekittet worden zu sein, ohne in die Falle überfl üssigen Tands zu schlittern. Allerdings: Nun lässt sich das ganze fluffig nebenbei durchhören, auf der Oberfläche bleibt wenig hängen. Die Raffinesse, das Charmante im Arrangement will hier mit wachen Ohren in Ruhe erlauscht werden. Ist das nicht ein gelooptes Echolot am Ende von »Regenschirm im Regen«? Trifft in »Gute Nachtfreunde« etwas Reinhard Mey auf Aphex Twin? Jawoll. Eine Mondscheinserenade zum Frickel-Bossanova. Dann heißt es »Wir wollen schlafen / Gut schlafen«, und zwei Minuten vor dem Aufwachen blubbert es auf leisestem Level, bis nach 80 Sekunden mit Kinderblabla doch noch aufgewacht oder geträumt wird. Wer will das schon entscheiden? Apropos Entscheidung: Was ist das jetzt mit dem Titel?

    Man bedenke, dass es sich bei den Zimmermännern nunmehr um zwei Familienväter handelt, »die viele Geschichten erlebt haben und erzählen können«, wie sie selber betonen. Da klingt doch der Fortpflanzungssupermarkt nach einer letzten ironisierten Verleugnung der eigenen Lebenssituation. Als hätten sie die Wahl gehabt und sie immer noch. Auch das Veröffentlichen einer Platte, mit der man 23 Jahre lang schwanger ging, wäre so deutbar als die Mitnahme eines besonders verlockenden Supermarktangebotes. »Fortpflanzung in Form von neuen Liedern!«, denn »etwas Warmes braucht der Mensch« hießen die entsprechenden Werbeslogans.
Und gekauft.

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