Die Welt ist im Verfall begriffen

Sie ist ein Kind des Folk, doch Folk ist erstmal vorbei. Auf ihrem neuen Album »Unholy Majesty« motzt Rose Kemp ihre Singer/Songwriter-Songs mit Progrock, Goth und Metal auf und legt dabei eine Düsternis an den Tag, als würde die Sonne nicht mehr aufgehen. Was ist passiert? Simon Schneller traf Kemp in einem dunklen Hinterzimmer in Prenzlauer Berg in Berlin. Die Veränderung zeigt sich schon optisch: das nette Mädchen mit der Gitarre sieht plötzlich eher aus, als komme es gerade von einer schwarzen Messe.

Rose Kemp

»Sie hat tolle Melodielinien, sie pflegt astreine Einbrüche einer mal dronigen, mal blacksabbath‘schen Gitarrenhärte, sie mischt käsiges Retro-Georgel hinein, wie man es zuletzt bei Wolfmother hörte, sie entwickelt opernhafte Songdramaturgien, sie spielt mit dem reibungsvollen Wechsel von mit abgrundtiefem Stoizismus durchgestandenen Dissonanzen und beglückendsten Moll-Dur-Auflösungen, von schon fast ins Campige gehenden Synthie- und Chorkitschmonstern und lakonischen Akustikgitarren.«

Weitere Worte finden sich in Kirsten Riesselmanns Rezension von »Unholy Majesty« aus Spex #316.

(Foto: © One Little Indian)

Dein Debüt »Glance« vor acht Jahren war ein vollakustisches Folkpop-Album, teilweise nur mit Acapella-Stücken. Auf deinem zweiten Album »A Hand Full Of Hurricanes« hast du die Gitarre dann unter Strom gesetzt und die Joanna Newsom- wichen den P.J. Harvey-Vergleichen. Nun bist du auf »Unholy Majesty« als Songwriterin plötzlich in der Metalecke angelangt. Dröhnende Gitarren geben in deinen Kompositionen plötzlich den Ton an. Was ist da  passiert bei dir?
    Einiges! Metal hat mich komplett verändert. Doom, Drone und Stoner Rock mochte ich ja schon immer. Aber so richtig erwischt hat es mich erst, als ich zum ersten Mal Burning Witch und Iron Monkey hörte – das hat ein Licht in mir angeknipst. Black Metal hat eine unglaubliche rohe Energie, das ist der absolute Wahnsinn. Er lässt dich Schmerz wie Freude bis in die letzte Faser deines Körpers spüren. Es hat mich so stark berührt, wie nichts davor. Und mir war klar: In diese Richtung möchte ich auch mit meiner Musik gehen.

Musik ohne Folk – wenn man deine Biografie betrachtet, ist der Folk ja gar nicht bei dir wegzudenken: Deine Eltern sind die Folkmusiker Rick Kemp und Maddy Prior. Ihre Band Steeleye Span prägte maßgeblich den britischen Folk der Siebziger. Im Alter von fünfzehn Jahren hast du in der Band deiner Mutter gesungen und für sie Songs geschrieben. Und auch deine ersten beiden Alben waren mehr oder weniger Folk-Alben bzw. noch sehr Folk-orientiert. Warum hast du dich eigentlich Album für EP so vom Folk weg entwickelt? Eine Flucht?
    Ich wollte immer schon weg vom Folk-Establishment. Die Leute sind dort einfach alle so unflexibel. Die fänden es am Besten, wenn ich die nächsten dreihundert Jahre traditionelle Folksongs aufder Akustikgitarre spielen würde. Die vollen Spießer eigentlich. Für die bist du zum Beispiel keinen Penny wert, wenn du nicht gut Violine spielen kannst. In dem Sinne war schon mein erstes Album eine kleine Revolution, denn ich hab’s aufgenommen, obwohl ich keine Ahnung von irgendeinem Instrument hatte. Der Produzent hat mich dann aber total gegängelt. Das war einfach schrecklich! Die darauffolgende EP nahm ich dann schon selbst in die Hand und bin so Schritt für Schritt aus der Nummer raus gekommen. »Unholy Majesty« ist die endgültige Abnabelung von der Folk-Szene. Jetzt mach ich einfach nur noch, was ich will!

Was denken eigentlich deine Eltern von deiner Verwandlung? Von der Hinwendung zum Metal sind sie wohl nicht gerade begeistert, oder?!
    Ganz im Gegenteil! Sie finden es okay, dass ich ein wenig Urlaub vom Folk mache. Meine Eltern waren ja auch nie Teil des Folk-Establishments. Wir waren zwar schon sehr viel auf Tour, besuchten aber beispielsweise nie diese Festivals, wo alle ums Lagerfeuer sitzen und ihre Lieder spielen. Meine Eltern waren Pioniere des Folk. Sie waren für ihre Zeit total innovativ. Sie waren eine Rockband, die Folk gemacht hat. In gewisser Weise führe ich jetzt ihre Tradition jetzt fort.

VIDEO: Rose Kemp – Natures Hymn

Warum hört man so viel Düsternis auf deinem neuen Album? Allein schon die Zeichnung auf dem Cover mit der Krähe, der Blut aus dem Schnabel tropft, das deinen Namen ergibt.  Auch kleidest du dich plötzlich schwarz, schminkst dich dunkel. Hast du deine Faszination für das Dunkle entdeckt?
    Ich bin nicht zum Gruftie mutiert, ich springe auch nicht auf Friedhöfen herum. Das Düstere ist einfach eine Grundstimmung, die ja auch stets präsent ist: In England herrscht derzeit eine sehr düstere Stimmung. Und nicht nur dort: die ganze westliche Welt ist im Verfall begriffen. Ich habe mich einfach nur den Umständen angepasst, so könnte man es ausdrücken.

Du bist in England viel herumgekommen; nicht nur als Kind mit deinen Eltern. Aufgewachsen bist du auf dem Land im Norden, dann nach Oxford, später nach London gezogen. Heute lebst du in Bristol. Warum dort?
    Bristol ist einfach toll. Viele Menschen denken bei Bristol ja immer gleich an Portishead und Trip Hop. Die Musikszene steht aber für viel mehr. Für unabhängige Künstler wie mich herrschen dort paradiesische Zustände. Es gibt dort keine Mode, der alle hinterher hecheln, so wie in London. Jeder macht hier was er will. Die Leute machen Musik aus dem einzig wahren Grund: Weil es ihnen Spaß macht. Es gibt keinen Druck, da ist kein Geld, keine A&Rs, keine Rechtsanwälte, keine Major Labels, nichts von alledem. Nur einige kleine Labels, die Stoner Rock oder Psych vertreiben. Oder ein paar Indiepop-Labels. Es ist so eine Szene von Leuten, die dafür hungern, eine stark limitierte 7-Inch zu ergattern. Das mag ich so an Bristol.
 
Apropos Szene. Du scharst immer wieder Musiker um dich, die dann mit der Zeit wieder verschwinden. Ebenso Live: Manchmal hast du sie mit auf der Bühne, dann bist du wieder allein unterwegs. Es scheint, du kannst nicht mit den anderen, aber auch nicht ohne sie …
    Auch wenn ich gerne alleine den Ton angebe, ganz ohne die anderen geht’s halt nicht. Schon gar nicht mehr, seitdem ich mich immer mehr von diesem Singer/Songwriter-Ding wegbewege. Meine Band ist überlebensnotwendig für mich geworden. Ich brauche sie, um meine Ideen umsetzen zu können. Dass das Line-Up wechselt, liegt in der Natur der Sache: Man entwickelt zusammen etwas, reizt das voll aus – und geht wieder getrennte Wege. Wie in einer Beziehung. Das ist doch bei anderen Solokünstlern nicht anders. Ob David Bowie, Scott Walker oder Tom Waits. Sie alle hatten dieses On-Off-Verhältnis zu ihren Mitmusikern.
 
Eines hat sich auf deinem neuen Album nicht geändert: Immer noch verwendest du gerne mehrstimmige Chöre, und zwar indem du deine eigene Stimme loopst. Live machst du das mit einem Loop Pedal. Es ist fast schon so etwas wie ein Markenzeichen von dir geworden.
    Den Vokal-Arrangements galt immer meine größte Liebe und Leidenschaft. Das war schon so, als ich bei Maddy Prior And The Girls (die Band ihrer Mutter, Anm. d. Aut.) spielte. Ich bin aber mit dem Ergebnis auf »Unholy Majesty« Album nicht ganz zufrieden. Ich wollte eigentlich lauter verschiedene Stimmen haben, nicht nur meine. Aber das hat das Budget nicht hergegeben. Die Arrangements wären viel besser, wenn sie von verschiedenen Leuten gesungen worden wären. So bleibt es mein großer Wunsch: Während sich andere irgendwann ein großes Orchester wünschen, wünsche ich mir einen großen Chor. Aber das kommt hoffentlich irgendwann noch!

»Unholy Majesty« von Rose Kemp ist bereits erschienen (One Little Indian / Aurora Borealis Records / RTD). Mitte November ist Rose Kemp gemeinsam mit Woven Hand Live in Köln, Darmstadt, Bielefeld und Düsseldorf zu sehen, alle Termine finden sich hier.

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