Die Wahrheit Über Die Kolonien Und Den Osten

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AKTION: Voina Gruppe Why Kill and steal the chicken? The tale about how the cunt fed Voina!, 2010.

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   In Berlin findet vom 27. April bis 1. Juli 2012 die 7. BERLIN BIENNALE statt – organisiert vom KW Institute for Contemporary Art gefördert durch die Kulturstiftung des Bundes. Kuratiert wird die Ausstellung von Artur Żmijewski. Der polnische Künstler, Fotograf, Regisseur und Art Director des Magazins Krytyka Polityczna nahm an der documenta 12 teil und machte u.a. 1998 mit der Fotoreihe An Eye for an Eye auf sich aufmerksam, in der er nackte Menschen mit fehlenden Gliedmaßen, teilweise ausgefüllt von »gesunden« Menschen, zeigte. Für den Film The Game of Tag ließ er ein Jahr später eine Gruppe nackter Erwachsener in einem als Gaskammer eines Konzentrationslagers erscheinenden Raum Fangen spielen.

   Die motivische Parallele zur russischen KünstlerInnengruppe Voina (Krieg), die jetzt als assozierte Kuratoren der Biennale vorgestellt wurden, ist also gegeben. Seit ihrer Gründung anno 2007 kreiert die Gruppe stetig Überschneidungen von Kunstaktion und politischem Protest. 2008 inszenierten sie in einem Moskauer Supermarkt einen Lynchmord an drei illegalen asiatischen  Einwanderern und zwei Homosexuellen. 2009 schlichen sie einige Mitglieder in die Gerichtsverhandlung gegen den Kunstkurator Andrej Jerofejew und unterbrachen mit einem Auftritt als Punkband Cock in the Ass die Sitzung. Am bekanntesten sind aber sicherlich ihre Aktionen Fuck for the Heir Medvedev's Little Bear! (2008), eine Sexorgie in einem Museum am Vortag der Präsidentschaftswahlen, Why Kill and steal the chicken? The tale about how the cunt fed Voina! (2010 – Foto oben), bei der ein ganze Hühnchen in der Vagina einer Aktivistin aus einem Markt entwendet wurde, und Dick Captured by KGB (2010), ein auf eine St. Petersburger Klappbrücke gemalter, überdimensionaler Penis. Nachdem sie 2010 mehrere Polizeiautos in Moskau auf den Kopf drehten (The Palace Revolution) wurden einige Mitglieder von der Polizei verhaftet oder werden noch immer gesucht.

   Żmijewski über die Aufgabe von Voina: »Wir gehen nicht davon aus, dass die Gruppe Voina als herkömmliche KuratorInnen agieren werden. Vielleicht werden sie an die Türen von Ateliers klopfen, aber sicher nicht, um Kunstwerke auszuwählen, sondern um uns an das Ethos der KünstlerInnen zu erinnern.«

  Ebenfalls als assozierte Kuratorin wurde die Polin Joanna Warsza vorgestellt. Die Mitgründerin der Laura Palmer Foundation agierte in ihrem bisherigen Projekten als Kuratorin ebenfalls vorrangig im öffentlichen Raum und beleuchtete die Situation der vietnamesischen Gemeinde Warschaus, israelische Jugenddelegationen in Polen oder das post-sowjetische Architektur-Erbe im Kaukasus. Ihre Arbeiten organisierte sie u.a. mit dem Theater Hebbel am Ufer, dem AICA Armenien oder der Biennale de Belleville zusammen und gab 2009 den Reader Stadium X – A Place That Never Was heraus, der sich mit dem urbanen Mikrokosmos des mittlerweile abgerissenen Stadion Dziesięciolecias in Warschau auseinandersetzte. Gemeinsam mit Krzysztof Wodiczko leitet sie ein Seminar zu Konflikt, Trauma und Kunst an der Warschauer Hochschule für Sozialpsychologie sowie eines zur Performativität in der zeitgenössischen Kultur.

 

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  In Hamburg eröffnet die Galerie Conradi heute um 19 Uhr ihre neue Ausstellung DIE WAHRHEIT ÜBER DIE KOLONiEN (01). Insgesamt 16 Künstler zeigen hier bis zum 14. Januar ihre Werke. Vertreten ist u.a. das Medienkünstlerduo AIDS-3D, Teilnehmer der 2009er Biennale in Venedig, deren Arbeit die »Kombination von High-Tech-Euphorie mit einem Low-Tech-Ansatz und der Faszination für okkulte Theorien« kennzeichnet, wie Dominikus Müller und Kito Nedo in der  Spex #324 schrieben. Gezeigt werden weiterhin Illustrationen von Daniel Richter, Werke des verstorbenen Loop-Pioniers Peter Roehr und das Coverartwork des Napalm Death-Albums From Enslavement to Obliteration, dass der Spex-Autor Mark Sikora entwarf.

  David Lieske, leitender Teil des Labels Dial und in Hamburg ebenfalls als Künstler vertreten, eröffnet zudem am 13. Dezember, gemeinsam mit Dial-Partner Peter Kersten die Galerie Mathew in Berlin. In den ehemaligen Räumlichkeiten der Galerie Rene Block in der Schaperstrasse 12 wird das Label so für ein paar Monate greifbar wird (Spex berichtete). Das Gezeigte stammt u.a. aus den Händen von Sergej Jensen (Interview in der Spex #334).

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