Die Vergessenen live: Schamoni & Orchester interpretierten am Deutschen Theater

Rocko Schamoni und das Orchester Mirage bei einem Probentermin   Foto: Kerstin Behrendt

Kitsch oder Subversion, wo würden Rocko Schamoni und das Orchester Mirage mit ihren Interpretationen der »Vergessenen« wohl landen? In Berlin gelang am Wochenende ein bestechender Abend mit den »schönsten deutschsprachigen Popsongs«.

Woran erkennt man eigentlich, dass ein Abend mehr wird, als ein gewöhnlicher? Wenn auf einer prächtigen Theaterbühne eine Big Band bereitsteht? Ein gutes Vorzeichen. Wenn diese als Einklang einen bekannten Filmscore des Atmosphären-Großmeisters Ennio Morricone vorträgt? Noch besser. Ersteres bietet die Möglichkeit und Zweiteres die entsprechende Fallhöhe, um grandios zu triumphieren – oder eben zu scheitern. Rocko Schamoni und seine Mitmusiker nehmen an diesem Samstagabend beide Herausforderungen an.

Warum auch nicht, schließlich steht das Gastspiel von King Schamoni und dem Orchester Mirage unter guten Vorzeichen: Die letztjährige Crowdfunding-Kampagne zur Finanzierung des Projekts war ein voller Erfolg, der Zielbetrag wurde in kurzer Zeit sogar überschritten. Viele dieser Unterstützer sitzen nun in freudiger Erwartung im längst ausverkauften Deutschen Theater, wo Schamoni seine »Vergessenen« vorführt.

Die Mission: Der Tausendsassa der deutschen Kulturlandschaft hat sich in den letzten Monaten in den Regalen von Plattenläden und auf Flohmärkten die Finger schmutzig gemacht, und rund 500 mehr oder weniger übersehene Stücke der jüngeren hiesigen Musikgeschichte emporgehoben. Die finale Auswahl fiel am Ende auf zwanzig Hits von Künstlern, »die sich in ihrem Leben eher widerborstig benommen haben«, wie es der 48-Jährige selbst ausdrückt.

Dass sich dabei in der Inszenierung mit Schützenhilfe eines 16-köpfigen Orchesters ein interessantes Spannungsfeld auftut, wird schon deutlich, als Schamoni zu den abebbenden Klängen Morricones die Bühne betritt und in bester Crooner-Manier, eine Hand stets in der Hosetasche, die ersten Songs zu schmettern beginnt.

Maches nimmt in der elaborierten Darbietung durch das Orchester aberwitzige Formen an, wie beispielsweise die Schamonische Swing-Version des Saal 2-Minihits »Rom«: »Deine Liebe endet am fleißigen Zwölf-Finger-Darm«. Andere Songs lässt das musikalische Breitband zur charmanten Homage werden; Romy Schneiders herzerweichendes Duett aus dem Film Die Dinge des Lebens ist so ein Fall. »C‘est la vie!«, heißt es darin, während sich Schamoni und Co-Sängerin Rica Blunck nach einem tiefschürfenden Zwiegespräch über verflossene Liebe jeweils eine Zigarette anzünden. Der blaue Rauch steht wie der Geist vergangener Leidenschaft über der Bühne, während die Band zu einem orchestralen Gewittersturm anhebt, wie ihn nur ein Lied über Liebe und Verlust hervorbringen kann.

Ein Song hingegen wirkt einfach nur betrunken – und ist darin das wahre Highlight des Abends. Sein Urheber: Manfred Krug. Der Duisburger Schauspieler generierte sich Ende der Siebziger auf der Länge eines Album als eine von der Eckkneipe gegerbten Version eines Serge Gainsbourg mit Ruhrpott-Charme. Von diesem Langspieler mit dem betörend einfachen Titel Da bist du ja gibt Schamonis Mirage Orchester nun den Titel »Früh war der Tag erwacht« zum Besten. Was in der Version der »Vergessenen« auffällt: Wo Krugs etwas beinlahmer Soul mit seinen kleinbürgerlichen Texten über an die Haustür geschriebenen Frauennamen noch wie ein Relikt der alten Bundesrepublik wirkt, kommen an diesem Abend die kleinen Spitzen im Subtext zum Vorschein. Es wirkt, als hätte Krug damals unter dem Deckmantel vorbildlichen Spießertums eben jenes ad absurdum führen wollen.

Damit ist er Rocko Schamonis heutiger Darbietung gar nicht unähnlich. Dass jemand, der mit einem achtköpfigen Streicher- und Bläserorchester auftritt, keine Angst vor Kitsch hat, versteht sich von selbst. Und so überrascht es kaum, dass man diesen an allen Ecken und Enden wiederfindet. Allerdings wird der gezeigte Pathos in Kombination mit den vielen Sollbruchstellen des Sets zu einem beinahe subversiven Element. Ein jeder der siebzehn Songs trägt nämlich eine gewisse Ambivalenz in sich. Sei es in der Biografie der Künstler, sei es auf textlicher Ebene. Am deutlichsten wird dies während des gebügelt und gestärkten Covers von Jeans Teams »Im Zelt«, als Schamoni es schafft, das Publikum zum Aufstehen, Tanzen und Mitsingen zu bewegen. »Kein Gott, kein Staat, keine Arbeit!« aus den Kehlen einer jener notrischen »schweren Hallen« Berlins – ein erhabener Anblick.

Ein weiterer Höhepunkt des Abends: die Lassie Singers. Anfang der Neunziger spielte die Gruppe aus Kreuzberg je nach Gusto eine Art Post-NDW- oder Proto-Hambuger-Schule-Sound. Während Schamoni also den Song »Ist das wieder so eine Phase« als den seiner Meinung nach besten Song über Depression und Phlegma ankündigt, betritt Christiane Rösinger, ihrerseits neben der leider verstorbenen Almut Klotz Co-Texterin der Lassie Singers, die Bühne, um das Stück mit etwas hölzernem Charme selbst zu singen. Kein Wunder, schließlich hat Rösinger die Nummer nach eigenem Bekunden seit zwanzig Jahren nicht mehr gegeben, was den Auftritt jedoch noch sympathischer macht. Stand eben noch die kopfkratzende Frage im Raum, warum solche wunderbaren Bands überhaupt bei einer Veranstaltung mit dem Titel »Die Vergessenen« stattfinden müssen – die Zuschreibung , ob empirisch haltbar oder nicht, bleibt schließlich unverdient –, so gibt Rösinger so ihre ganz eigene Antwort.

Während man schlussendlich nach »Morgenlicht« von Ton Steine Scherben sowie einiger Zugaben aus Schamonis eigenem Reportoire in die Berliner Nacht entlassen wird, verstärkt sich das Gefühl, dass Rocko Schamoni nicht nur treffsicherer Autor, zweifellos guter Sänger und geborener Performer ist, sondern ganz einfach einer der besten Unterhalter, die dieses eigentümliche Land heute zu bieten hat – allein schon, weil er uns an Manfred Krug erinnert hat.

 

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