Die unerträgliche Leichtigkeit des Games – Haiyti im Feature & beim Pop-Kultur Berlin

Credit: Tim Bruening

Der Countdown beginnt, hochkarätig. Haiyti steht stellvertretend für eine neue Generation und beim Pop-Kultur 2018 auf der Bühne. Millionen Streams, Major-Kooperationen, artig bedientes Albumformat, sogar mit Luxusvinyl zum Anfassen: Nach Yung Hurn und Rin macht jetzt auch Haiyti auf Musik-Biz-Routine. Schaufelt sich die DIY-Bewegung namens Cloud Rap damit nicht ihr eigenes Grab? Kommt nach den auf Youtube hingerotzten Scheißmichnix-Manifesten die Bankrotterklärung? Haiyti ist das schnuppe. Sie macht keinen Rap, sondern neue Neue Deutsche Welle für Techno-Schmusebärchen. Udo Lindenberg beißt sich irgendwann bestimmt in den Arsch, weil er auf ihrem ersten richtigen Album nicht mit dabei ist.

„Ich hab total doll gefeiert, und ich darf das eigentlich nicht.“ Ronja Zschoche lacht kurz auf, schiebt sich ihre weiß umrandete Brille in die Haare, zieht ihre weiße Oversize-Jacke enger an den Körper und fügt heiser hinzu: „Aber ich weiß nicht, wohin mit dem Druck.“ Die Künstlerin aus Hamburg befindet sich im Hauptquartier von Universal Music in Berlin. Wenige Wochen zuvor hat sie hier als Haiyti einen Major-Vertrag unterschrieben. Eine ausverkaufte Tour mit dem deutschen Dancehall-Star Trettmann hat sie hinter sich, Features auf Tracks mit Coup alias Xatar und Haftbefehl, Frauenarzt oder Money Boy konnte sie verbuchen, lange bevor die großen Plattenfirmen Lunte gerochen hatten. Haiyti verbindet Underground-Ruhm mit der Umarmung durchs Feuilleton, sie wird seit gut einem Jahr als glamouröses Cover- und Trap-It-Girl durch die Medien gereicht. Nur den Böhmermann wimmelt sie bisher konsequent ab. „Das traue ich mich noch nicht“, sagt sie.

„Alle denken, ich scheiß drauf, ich bin Rockstar und mache deswegen keinen Abschluss.“

Erschöpft lässt Zschoche sich auf eine Couch fallen und erzählt mit Raufaserstimme weiter, wie sie nach ihrem letzten Auftritt am Wochenende zwei Tage lang total ziellos durch die Clubs der Stadt geirrt sei, „ganz allein, ohne Freunde, ohne Geld … ganz schlimm war das“. Am Ende sei sie noch „voll junkiemäßig“ in einer Neuköllner Spelunke abgestiegen und habe sich dort mit dem Besitzer angefreundet. Sie lächelt schräg und meint: „Das hat dann wieder Spaß gebracht.“ Gleich die ersten Minuten des Gesprächs klingen somit wie das Set-up eines archetypischen Haiyti-Textes: nahbare Kiezromantik zwischen turn up und Totalabsturz.

Auf den bisherigen EPs, die die Rapperin seit 2015 veröffentlichte, ihren unzähligen Mixtapes, Features und Smartphone-Wackelkamera-Videos stilisiert sie sich gern als Girlboss Gangsta von nebenan, die in double time authentisch anmutende Geschichten von Reeperbahn-Drive-bys im Coupé oder eines vom Leben abgehängten Webcam-Girls erzählte. Zugleich fängt sie mit verletzlichen, um sich selbst kreisenden Einzeilern die Melancholie einer verlorenen Antihelden-Generation ein – der Punk-Slogan „No Future“ als Déjà-vu. Auf Haiytis Debütalbum Montenegro Zero tun sich neue Abgründe auf: die unerträgliche Leichtigkeit und Verlogenheit des fame games. „Jeder hat ein Bild von dir“, kommentiert sie frustriert und nippt an ihrem Zimtschnecken-Tee. „Und jeder hat das falsche Bild.“ Dabei verdankt sie ihren fame nicht einem zufälligen Viralhit, sondern einem kontinuierlichen, Jahre währenden hustle: Angefangen hat der in einer Sozialbauwohnung in Hamburg-Langenhorn mit einer Mutter, die damals als Taxifahrerin gearbeitet hat, und einem Vater, der die Familie für seine kroatische Heimat verlassen hat. Inspiriert vom Dirty-South-Rap im Stile Futures oder Gucci Manes schrieb sie ihre ersten Zeilen mit 14 unter den Pseudonymen Miami, Lil Ovadoze und zuletzt als Robbery. Bis sie sich endlich 2015 mit Anfang 20 als Haiyti erstmals „eingerahmt“ gefühlt habe vom Sound des Produzenten 2Malle.

Haiyti, das ist ein Mittelfinger gegen den Rap-Elitarismus. Ungeschliffenheit vor stilistischer und handwerklicher Perfektion. Eine aus der Not geborene DIY-Ästhetik und nicht zuletzt eine allem inhärente Widerspenstigkeit. Vergleiche zu Punk und das (Tot-)Schlagwort Cloud Rap sind da schnell zur Hand. Zschoche winkt ab: „Das stimmt ja alles einfach gar nicht.“ Sie überlegt kurz: „Na gut, das mit Punk vielleicht ein bisschen.“ Aber viel eher könne sie sich mit der Idee eines Gossen-Reboots der Neuen Deutschen Welle anfreunden, dem marktkonformen Thekenprodukt einer antigesellschaftlichen Haltung. „Ich stehe auf verpackte Produkte“, sagt sie.

1 KOMMENTAR

  1. Eine Modeerscheinung, die von deutschen „Künstlern“ nach dem Vorbild, nein eher nach der Anleitung von internationalen Stars wie Migos, Lil Pump & Travis Scott hingerotzt wird. Will man Entwicklungen im HipHop verstehen und sucht diese im Deutschrap, so ist man immer 1-2 Jahre hinterher.

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