Die tödliche Doris Die unsichtbare LP

Selbstdarstellung, Mythos und tatsächliche Innovationsleistung: Auf Die unsichtbare LP von der elektronisch-poststrukturalistischen Künstlergruppe Die tödliche Doris ist alles voneinander durchdrungen.

Kein Etikettenschwindel: Die unsichtbare LP ist im wörtlichen Sinne unsichtbar, immateriell und erst dann vernehmbar, wenn man die beiden Tödliche-Doris-Alben Unser Debut (1984) und Sechs (1986) gleichzeitig abspielt, das eine über den linken, das andere über den rechten Stereokanal. Die Alben wurden im selben Zeitraum im von Kurt »Pyrolator« Dahlke gegründeten Düsseldorfer Ata-Tak-Studio aufgenommen, sie sind textlich und zeitlich aufeinander abgestimmt und ergänzen sich gegenseitig, funktionieren aber ebenso getrennt voneinander und wurden ursprünglich zeitlich versetzt veröffentlicht. 30 Jahre später erscheinen die Platten nun erstmals in der schon damals zusammengedachten, aber getrennten Form, in einer schlichten, grauen Vinylbox mit einem Poster sowie weiterem Bonusmaterial.

Während Kraftwerk, DAF, Fehlfarben, Pyrolator und andere Düsseldorfer eher für einen kühlen und ernsthaften Sound standen, stellte die Westberliner Künstlergruppe Die tödliche Doris die ironische Variante der deutschen Außenseiteravantgarde der Achtzigerjahre dar. Auf Unser Debut und Sechs wurden unter anderem Feuilletonartikel, Imitationen von Fernsehansagen und Alltagsgespräche wiedergegeben und durch stete Wiederholung und die Veränderung der Satzmelodie langsam zersetzt. Die komplementären Stücke »Südwestwind – The Sound Of Bells« (Unser Debut) und »Windstille« (Sechs) ergänzen sich durch schnellen weiblichen Gesang und kurze Klavierintervalle einerseits und monoton langgezogene Männerstimmen mit stampfendem Beat andererseits. Während die Männer singen: »Du bist fasziniert von Kirchen und Domen«, tönt die Frau: »Die sicherste Adresse ist die Hölle.«

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Zusammengenommen löst sich der Sinngehalt des Textes auf, während durch die Trennung der Alben die Dekonstruktion der Stücke nachvollziehbar bleibt. Songs wie »Noch 14 Vorstellungen« (Unser Debut) beziehungsweise »Eine Frau zur selben Zeit an einem anderen Ort« (Sechs) sind erschreckend aktuell – und würden heute vermutlich im Museum unter dem Label Performance Art laufen. Die tödliche Doris unterwandert mit ihren schrullig-witzigen, aber auch leicht verständlichen Texten eingefahrene Konzepte von U- und E-Musik.

Auch sonst zeigt diese graue Box die Macht des Unsichtbaren und im ideellen Raum miteinander Kombinierten auf. Die tödliche Doris hat als elektronisch-poststrukturalistische Künstlergruppe längst Eingang gefunden in den Popkanon, von Jürgen Teipels Verschwende deine Jugend über Frank Apunkt Schneiders Als die Welt noch unterging bis zu Wolfgang Müllers Subkultur Westberlin 1979–1989. Richtig auseinanderhalten kann man Selbstdarstellung, Mythos und tatsächliche Innovationsleistung nicht mehr. Wie auf Die unsichtbare LP ist alles voneinander durchdrungen.

2 KOMMENTARE

  1. kleine Korrektur einer obigen technischen Fehlinformation:

    Die beiden LP´s werden nicht auf den linken und den rechten Stereokanal gedreht, sondern fungieren beide als Stereotonträger – sowohl einzeln abgespielt als auch zusammen abgespielt.

    Nur bei der 1993er CD-Version der Unsichtbaren LP war es notwendig, jeweils eine LP auf einen Kanal zu legen, da sonst keine Trennung möglich war.

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