„Die Straßen in Dortmund leben noch!” – Schorsch Kamerun im Interview

Schorsch Kamerun und die kids of Dortmund. Foto: Vladimir Wegener

Ein Hektar Ruhrpott to sell! Schorsch Kamerun – Theaterregisseur, Clubbetreiber, Autor und Sänger der Goldenen Zitronen – simuliert in seinem neuen Theaterstück die Gentrifizierung der Dortmunder Nordstadt, die von manchen als No-Go-Gegend verschrien ist. Im Rahmen der Ruhrtriennale erörtert Nordstadt Phantasien eher kryptisch, wie man das Viertel aufhübschen und welche Vor- und Nachteile das mit sich führen könnte. Was kommt? Nordstadt für alle oder eine bald nicht mehr bezahlbare, sowieso nur behauptete realness? SPEX-Autor Philipp Kressmann sprach mit Kamerun über dessen Arbeit in Dortmund, nerviges cornern und so etwas wie die Dialektik der Gentrifizierung.

Schorsch Kamerun, Ihr neues Stück spielt in der Dortmunder Nordstadt. Wie haben Sie den Kiez dort empfunden?
Die Nordstadt hat medial den Ruf eines Problemviertels. Wobei sie in Wahrheit sehr unterschiedlich ist, sich dreiteilen lässt. Mit unserem Stück bewegen wir uns konkret in der Hafenregion. Diese Gegend hat durchaus Merkmale, die dazu taugen könnten, den Bereich von außen aufzuwerten. Es gibt auch bereits Investorennachfragen und die Stadt plant die vorhandenen Hafen-Rauheiten offensiv zu labeln. So wird mit einer Art Promenade die Kreativklasse angelockt. Kulturpolitische Macher wollen dort befördernde Scharniere sein, unterschiedlichste Profis kümmern sich nach ihren jeweiligen Vorstellungen. Ich bin da eher skeptisch. Wir haben schon zu oft erlebt, dass inszenierte Lebendigkeit schiefgeht. Entweder solche Orte werden zu öden Touri-Arealen, oder alles Existierende wird nahezu verdrängt. In Hamburg gibt es nur noch letzte Inseln, um die man streiten kann: Gängeviertel, Rote Flora, Golden Pudel Club, „Viva la Bernie“, die Esso-Häuser sind da die bekannteren Orte. In der Dortmunder Nordstadt dagegen existiert noch eine, um mit Walter Benjamin zu sprechen, poröse Urbanität. Es gibt noch Lücken, wo sich eine kleine Sub- und Nachbarschaftskultur pflegt, die möglicherweise gar nicht „entdeckt werden“ will. Nur jetzt kommt unser Projekt und dann ist es natürlich vorbei….

„Wir haben schon zu oft erlebt, dass inszenierte Lebendigkeit schiefgeht.“

Stimmt. Ihr Projekt spricht euphorisch von einer „urbanen Goldgräberstimmung“. Dortmund ist Revier und Fußballstadt. Wenn Sie die Perspektive eines Investors einnehmen müssten: Wo liegt dort das Potenzial zum Aufwerten?
Ganz einfach, die Straßen dort leben noch! Und das auch noch mit wenig Ökonomisierungspermanenz. So habe ich einen Inhaber von einem Musikgeschäft kennengelernt, der begreift seinen Laden als lose Begegnungsstätte. Er kennt die bereits aufgewerteten Kieze gut, hat dort selbst gelebt: Berlin, Köln, München. Der ist extra in die Dortmunder Nordstadt gezogen, weil er da noch Geschichten erlebt. Noch wird man dort in Ruhe gelassen, sagt er. Zudem sind die Mieten momentan noch gering. Andererseits gibt es eben die bekannten Zutaten, die zu Verkaufsstrategien werden könnten: Schöne alte Häuser, Wasser, „echte Menschen“. Schon meldet der Authentizitätsticker höchsten Ausschlag! Hier ließe sich möglicherweise Industrie, brachliegende Natur und wuchernde Urbanität auf ein Neues hinter eine gewinnbringende Simulationsglasscheibe sperren. Das Viertel wirbt schon in der ganzen Stadt als „Echt Nordstadt“. Dahinter steckt natürlich auch eine verständliche Sehnsucht, von der wir uns alle immer wieder ansprechen lassen. Nur wirkt zum Beispiel unser heutiges St. Pauli zunehmend wie ein Filmset mit angekarrten Studiobesuchern und dafür übervollen Touristenbetten. Das ehemals Antibürgerliche wurde also zur Marke. Die Straßenkatzen wurden zu Katze-Musicaldarstellern. Und so lässt sich der Beginn dieses Umkippens auch ganz gut datieren, nämlich als Cats auf der Reeperbahn eröffnete.

Das Stück beginnt: Die Zuschauer verfolgen das Geschehen über Kopfhörer in einem anfangs noch verhüllten Glasbaukasten, in dem mehrere Monitore montiert sind. Diese zeigen das Geschehen auf der gegenüberliegenden Seite der Feldherrnstraße, auf der sich versteckte Kameras befinden. Ein Kiosk mitsamt Besuchern und spielenden Kindern steht im Fokus, gefühlt alles hier verläuft kontingent. Immer wieder torkeln Passanten ins Bild, man weiß nicht, wer zur Crew gehört. Dialogisch mit einbezogen werden die Anwohner aber nicht: Sie können mittanzen oder es eben bleiben lassen – womit wir direkt beim eigentlichen Problem wären. Links neben dem Glaskasten gibt es Live-Musik von Kamerun mit Off the Radar. Man selbst ertappt sich dabei, die Szenerie nach Verwertbarkeit zu scannen. Dann tritt ein schwarz gekleideter Mann auf, der feierlich mit dem Aufwertungsprozedere beginnt. Die Leute wüssten gar nicht, auf was für einem Goldschatz sie hier wohnen, urteilt er über die schäbig charmante Straße. Diese stünde für ungekünstelte Authentizität, ferner sogar Diversität, mit anderen Worten: „Das ist sowas von nice!“

„Ich zerschneide ganze Geschichten und versuche dann, ein neues Narrativ herzustellen“

Nordstadt Phantasien ist kein klassisches Theaterstück, sondern nennt sich eine „musiktheatrale Simulation“ einer Gentrifizierung, die nicht im Theater stattfindet, sondern draußen spielt. Was hat es damit auf sich?
Ganz grundsätzlich lässt sich bei unserem Stück der Zufall nicht vermeiden. Das Set und die Bühne sind eine weiterlaufende Ladenzeile, türkischer Supermarkt, irakischer Kiosk, rumänisches Cafe und Spielsalon – mit, sagen wir, anderen Verkaufsinteressen. Dabei habe ich schon viele unlenkbare Stadtprojekte gemacht. In Frankfurt sind dabei mal Besucher vom WM-Public Viewing durch unseren Abend gerannt. Ich sehe das Stück als einen größeren Collage-Ausschnitt. Die Musik, die Texte, die Auftritte und die Lieder speisen sich aus lokal dokumentierten Stimmen, Kritiken oder Begehrlichkeiten. Fast alle Mitmachenden kommen von dort. Doku-Theater ist es aber nicht. Das Stück hat eine deutlich artifizielle Setzung, alleine schon durch die darübergelegte Musik. Ein Schauspieler wird zu einem klar erkennbaren, wenn auch gebrochenen Investoren-Blick und es gibt auch eine klassische Textinterpretation. Ich glaube, alles hat mit meiner Neigung zu Überschichtung und cut up zu tun. Ich zerschneide ganze Geschichten und versuche dann, ein neues Narrativ herzustellen, selten als durchlaufende Geschichte, weil ich die Gegenwart generell als „herausgerissen“ empfinde. Ich hoffe mit einer beschleunigten Parallelität und durch Biografie-Zerschneidungen aktuelle Entfremdungen zeigen zu können. Der Anspruch ist aber nie komplette Wahrheit oder gemeinter Vorschlag. Dazu bin ich selbst viel zu verwirrt. Ich setze vielmehr auf Gesammeltes und hoffe, Widersprüchen näher zu kommen, allgemeinen und den eigenen. Das erzählt dann auch von Wut, aber diese ist eher melancholisch, seltener brüllend.

Eine klassische Medienstadt ist Dortmund nicht. Zumindest im Vergleich zu Städten wie Köln oder Berlin.
Die Leute, die zum Beispiel den Club „Rekorder“ betreiben, wo im Anschluss des Stücks als „Club Kohleausstieg“ eine Konzertreihe stattfindet, sind nicht verwöhnt. Sie werden nicht auf irgendeine Promenade gezerrt oder ständig ausgefragt – aber die wollen das auch nicht. Das empfinde ich als sehr erholsam in Dortmund. Deshalb kommen auch gerade viele zurück aus Berlin oder Hamburg. Und zwar, weil sie einfach spüren, dass sie hier noch etwas erleben, was sie auch mit gestalten können, dass sie weniger ständig prasselnde, meist fertige Angebote annehmen oder ablehnen müssen. Der Scheinwerfer ist nicht ständig drauf gerichtet, das Mikrofon nicht immer an. Und so lässt sich eben noch unökonomischer ausprobieren. Wer dagegen in einem der angesagten, durchgesetzten Kieze etwas eröffnen will, kommt nicht mehr ohne Business-Plan aus, weil man nicht mehr das generieren kann, was monatlich aufgeworfen werden muss an Superkosten. Und das ist dann der Tod eines jeden Experiments.

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