Die Straße

Die StraßeDieses Buch ist das schlimmste Buch, die Anti-Bibel, und findet eine neue Sprache für die Beschreibung der Apokalypse.  »Die Straße« von Cormac McCarthy erzählt in einer grotesken Reduktion, in einer ans Unwahrscheinliche grenzenden Wortknappheit vom Schlimmsten. Es ist gerade deshalb Literatur, die physisch wirkt.

 Zittern, Kopfschütteln, Atem anhalten, Tränen vergießen, Augen zusammen kneifen, all diese körperlichen Reaktionen löst dieser Text aus. All das sind freilich Effekte, er ist nicht darauf angelegt. Funktionen sind dieser völlig neuen Art von Erzählung sowieso fremd. Er interessiert sich nur für seine Inhalte, und das sind der Tod, ein Vater, und ein Sohn.

  Vater und Sohn ziehen durch ein wüstes Land. Der Tod hat dort das Sagen. Er bestimmt das soziale Setting. Denn in »Die Straße« ist der Tod vor allem das Nicht-Leben und das, was früher einmal Leben war. Die Sonne ist kaum wahrzunehmen. Der Schnee ist schwarz, weil die Erde rundum verkohlt ist. Es gibt keine Wärme. Vater und Sohn frieren ständig. Ein Feuer am Flackern zu halten, das ist ihnen von ihrem Leben geblieben. In dieser matten Umwelt, die McCarthy schlimmer zu schildern imstande ist, als irgendjemand das schwärzeste Schwarz zu beschreiben vermochte, wirkt es daher zunächst wie eine schrille Explosion der Farben, als die Richtung beschrieben wird. Als überhaupt der Gedanke erwähnt wir, dass das Umherirren der beiden eine Richtung haben könnte. Es gab einen nukleraen Schlag. Soviel ist den Erinnerungsfetzen des Vaters zu entnehmen. Sie sind hineingestreut in das Mäandern von Vater und Sohn, die beide keine Namen tragen.

  Dieser Schlag hat beinahe alles Leben im Land vernichtet, und Vater und Sohn laufen die Straße entlang. Das Ziel ist tatsächlich das Meer. Erst als sie nach unfassbaren Torturen am Strand angelangen, wissen sie auch nicht weiter. Das Meer ist natürlich längst nicht mehr blau. Es ist schwarz. Doch das bereitet McCarthy, der im texanischen El Paso lebende Autor, sorgsam vor. Alles wichtige, was er zu diesem Buch gesagt hat, war seine Äußerung, sich mit dem Tod beschäftigen zu müssen. Das genügt. Den Rest erledigt das Buch. Vater und Sohn wandern in Lumpen gewickelt. Es gibt die Zwei-Einigkeit von Tag und Nacht; Tag bedeutet weiter, weiter, weiter auf der Straße, Nacht bedeutet runter von der Straße, Feuer an, wenn möglich etwas essen, schlafen. Es gibt dazu die Zwei-Einigkeit von Gut und Böse. Von Blut-Sekten ist die Rede.

  McCarthy hat bereits vor gut zehn Jahren mit seinem Western »Die Abendröte im Westen«  einen erwähnenswert guten Roman über die Abwesenheit von Moral geschrieben. In »Die Straße« ist das Leben so gut wie abwesend, und Vater und Sohn leben in einer derart feindlichen Umwelt, dass ihre rudimentären Letztreflexe an Liebe der Erzählung so etwas wie, nein Hoffnung nicht, vielleicht eine Perspektive für spätere Generationen zu geben vermögen. Die Bibel schildert die Apokalypse mit Wucht. »Die Straße« injuziert die Apokalypse.

 Dies unterscheidet hier die Guten von den Bösen: die Guten sind die, die ihre Kinder nicht essen.

»Die Straße« von Cormac McCarthy ist bereits erschienen (Rowohlt Verlag), ebenso wie das von Christian Brückner gelesene Hörbuch (Parlando Verlag). 

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