»Die Republikaner bekommen den Wahnsinn, den sie immer wollten« – White Wine im Interview / Album-Vorabstream

Joe Haege, ja der MenomenaDodos-Mann, war des Soloprojekts müde und hat sein Projekt White Wine kurzerhand um Fritz Brückner und Christian Kuhr erweitert. Als Trio veröffentlicht man am kommenden Freitag das Album Who Cares What The Laser Says. Warum Freunde der Zeitkapsel-Musik es nicht und Freunde der Zerstreuung es unbedingt kaufen sollten, die Welt eine Nischenangelegenheit geworden und Portland mehr Leipzig ist, als gedacht, verrät Haege im SPEX-Interview. Die tägliche Dosis Trump gibt’s natürlich auch. Zudem streamen wir das komplette Album vorab. 

SPEX: Joe Haege, Sie wohnen seit anderthalb Jahren in Leipzig. Verfolgen Sie trotzdem den amerikanischen Wahlkampf?
Haege: Ich verfolge ihn und finde es pretty fucking insane. Die Republikaner bekommen den Wahnsinn, den sie schon immer wollten. Ich glaube das Extreme liegt in der Natur des Menschen. Aber man muss es ständig hinterfragen. Und versuchen, es zu unterdrücken.

In Deutschland gibt es auch eine extreme Partei. Die große Frage lautet hier: Soll man mit ihren Wählern reden oder sie ausschließen?
Meine Eltern werden Trump wählen, da vermeide ich das Thema. Ich schicke ihnen manchmal Anti-Trump-Videos. Aber eigentlich muss man mit ihnen reden. Die große Tragik des digitalen Zeitalters ist unsere Sucht nach konformen Informationen: Jeder will nur das hören, was ihm in den Kram passt. Die Welt ist eine Nischenangelegenheit geworden, weil jeder von uns seine eigene hat.

Das Stadtmotto »Keep Portland weird« klingt heute auch wie ein Ruf nach mehr Nische — weil die Normalos ausgegrenzt werden.
Das war aber nicht immer so. Der Slogan stammt aus der Reagan-Ära. Damals gab es nur zwei Welten: Die konventionelle und die andere. Ich gehörte zu der anderen. Doch der Zwiespalt zwischen Konvention und Andersartigkeit ist in den letzten 20 Jahren vielfältiger geworden. Die Normalos werden nicht mehr von unten angepiekst, ihnen wird heute von oben auf den Kopf gespuckt. Die Rebellen von damals sind heute die Snobs des digitalen Zeitalters, die ihre eigene Nische einfordern.

Auch in Ihrer neuen Heimat Leipzig haben viele Menschen Angst, dass ihnen ihre Nische genommen wird.
Für mich war es immer unglaublich, wie viel Portland und Leipzig gemeinsam haben. Die größte Parallele ist dieses Paradoxon: Die elitäre Angst, die Coolness könnte uncoole Menschen anziehen — und dadurch selbst uncool werden. Ich werde ja selbst verdächtigt: Der Ami kommt nur wegen Hypezig nach Leipzig.

Ist das unverständlich?
Es ist verständlich. Als die Stadtplaner nach Portland kamen wurde es ungemütlich. Deshalb lohnt es sich misstrauisch zu sein. Andererseits ist es ja nicht so, als würden die Bewohner ihre Stadt und deren Vorzüge tatsächlich besitzen. Aber es gibt eine Art Besitz-Revival, wie auch die Rückkehr der Schallplatte zeigt. Aber warum ist das so, warum wollen wir wieder besitzen?

Um Zeit zu konservieren und Erinnerungen festzuhalten?
Dann dürfte es sich nicht lohnen, das White-Wine-Album Who Cares What The Laser Says zu kaufen. Die Platte ist alles andere als eine Zeitkapsel. Es wurde aufgenommen, während Fritz (Brückner) das Studio baute und ist eher ein Dokument der Zerstreuung.

Ist der Umbau auf dem Album zu hören?
Nicht alles war immer an Ort und Stelle, dadurch haben wir viel an Mixern und Verstärkern rumgespielt – viele intuitive Sound-Experimente. Unsere Maschinen sind ohnehin schon halbwegs verrückt: Wir haben einen Soundguru, der früher Sicherheitsexperte in einem Atomkraftwerk war und heute unser Equipment bastelt. Dadurch klingen die Songs ziemlich unterschiedlich. Ich finde es großartig, wie sehr manche Platten aus einem Guss sind. Meine sind es aber nie.

Bereut man intuitive Entscheidungen eher, wenn sie einmal auf Platte gepresst wurden?
Dieses Gefühl, etwas Intuitives konserviert zu haben, ist beängstigend. Und es zieht oft Reue nach sich. Dann finde ich Fehler und die entstammen meistens der seltsamen Person, die ich eigentlich bin, aber immer zu verstecken versuche. Nicht immer gelingt das: Mein Gehirn fühlt sich dabei an, als würde ein riesiges Parlament darin tagen, das jedes mal darüber entscheidet, ob der Weirdo raus darf.

Was sagen die extremen Parteien?
Go weirder, go weirder! Leider kann ich sie nicht rausschmeißen, das liegt im Wesen des Parlaments. Ob ich will oder nicht: Ich muss mit ihnen reden.

White Wine live
05.05. Karlsruhe – KoHi
06.05. Nürnberg – Hemdendienst
10.05. Mainz – Schon Schön
24.05. Halle/Salle – Hühnermanhattan
25.05. Dresden – Scheune
26.05. Hamburg – Übel&Gefährlich
27.05. Neustrelitz – Immergut Festival
28.05. Erfurt – Kalif Storch
04.06. Berlin – Torstraßen Festival
16.06. Leipzig – Conne Island
18.06. München – Milla
19.06. Erlangen – E-Werk

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