»Die Realität ist die beste Medizin« – Autor Matt Haig im Interview

Foto: Clive Doyle

Matt Haig wurde 1975 in Sheffield, Großbritannien geboren. Er veröffentlichte bisher acht Romane, sein letzter Ich und die Menschen wurde 2014 in Deutschland von dtv verlegt. In ihm erzählt er die Geschichte eines Außerirdischen, der im Auftrag seines Planeten auf die Erde kommt, um die verhasste, unterentwickelte Spezies Mensch vor ihrer neuesten Erkenntnis zu bewahren. Der Alien schlüpft in den Körper des Mathematikprofessors Andrew Martins, der an der Cambridge Univeristy gerade das Primzahlen-Mysterium gelöst hat. Der neue Andrew Martins soll nun auf der Erde herausfinden, wer von der Lösung weiß – und diese Menschen eliminieren. Eine trockene, aber immer liebevoller werdende Betrachtung des menschlichen Daseins beginnt: Von sozialen Normen und der Routine des Alltags, von Erdnussbutter und Weißwein, vom Alkohol und vom Kater, von der Sterblichkeit und der Liebe. Nach seinem achten Roman leidet Matt Haig nun am Zweiten-Buch-Syndrom – warum? Ein Interview über Angst, Humor, das Alien in uns und Schreiben als Depressions-Therapie.

Ich und die Menschen ist Ihr achter Roman. Gleichzeitig ist es auch die erste Geschichte, die Sie je erzählen wollten.
Matt Haig:
Ja. Ich hatte vor vielen Jahren diese Idee, eine Geschichte über die Menschen zu schreiben, in der unsere Welt von außen betrachtet wird, wie in einem Naturdokumentarfilm. Ich hatte als Kind nie vor, Schriftsteller zu werden. Erst als ich an Depressionen erkrankte, entdeckte ich das Lesen und Schreiben für mich und irgendwie kam damals diese Idee aus mir heraus. Irgendwann dachte ich dann: Der Erzähler muss ein Außerirdischer sein.

Sie schrieben aber erstmal acht andere Romane. Wie ging es in der Zwischenzeit weiter mit dieser Geschichte?
M.H.: Ich wollte sie eine Weile zur Seite legen, aus zwei Gründen: Mein Herausgeber war sehr deutlich darin, dass es kein Science-Fiction-Roman werden sollte. Er wollte etwas Ernsteres. Ich dachte mir: Man muss bei Farm der Tiere auch nicht daran glauben, dass Pferde sprechen können, um das Buch gut zu finden. Aber gut, es kann eine Art Fabel werden. Der Protagonist könnte genauso gut ein Verrückter sein, der einen Nervenzusammenbruch erleidet. Aber für mich ist eigentlich klar, dass es Science-Fiction ist.

Und was war der zweite Grund?
M.H.: Ich hatte Angst. Die Geschichte hatte ich mir während meiner Depression ausgedacht und damals fühlte ich mich selbst wie der Außerirdische. Depression macht dich zum Alien, vor dir selbst, vor deinen Mitmenschen. Ich hatte Angst, dass beim Schreiben dieses Gefühl wiederkommt. Und dann passierte genau das Gegenteil: Ich hatte Spaß beim Schreiben und es wurde irgendwie ein witziges Buch. Humor ist eben einer der Abwehrmechanismen gegen Depression.

Werden Sie nach dieser Geschichte überhaupt weiter schreiben können?
M.H.: Es ist schwierig, ich finde es wirklich schwierig. Ich arbeite zur Zeit an drei Romanen und ich werde immer schreiben, weil ich nichts anderes machen kann. Aber dieses nächste Buch steht mir wirklich bevor. In England gibt es den Ausdruck des Zweiten-Roman-Syndroms. Vor dem zweiten Roman ist man auf einmal blockiert.

Wegen der hohen Erwartungen?
M.H.: Ja, auf eine seltsame Art und Weise ist das erste Buch immer das Einfachste. Du weißt nicht, ob irgendjemand es lesen wird, wer es lesen wird, und es interessiert auch niemanden. Komisch eigentlich, aber nach einem erfolgreichen Buch weiterzumachen, ist sehr viel schwieriger als nach einem weniger erfolgreichen. Nach einem Misserfolg hast du diesen Drang, das Urteil zu korrigieren, etwas zu beweisen. Meine Schreibblockaden kommen immer dann, wenn ich höre: Oh, das war richtig gut. Dann habe ich Angst, es so nicht wieder hinzubekommen. Ideen habe ich zwar immer, ich weiß nur nie, wie sie ankommen werden.

Jetzt leiden Sie also nach Ihrem achten Buch am Zweiten-Buch-Synrdom?
M.H.: Ja. Bei mir ist es das Neunte-Buch-Syndrom.

Sprechende Hunde, Vampire, jetzt ein Alien – Was hat es eigentlich mit der Außenseiter-Perspektive Ihrer Erzähler auf sich?
M.H.: Ich finde es einfacher, die Menschen von diesem Blickwinkel aus zu beobachten. Es ist wie mit einem Bild: Wenn du dich direkt davorstellst, siehst du es nicht richtig. Mich interessieren ja Vampire und Aliens überhaupt nicht. Hunde mag ich ganz gerne, aber ich habe kein Interesse daran, ein Buch über Hunde zu schreiben. Ich möchte über Menschen schreiben, und das gelingt mir von Außen am besten.

Sie haben vorhin gesagt, Sie haben nach Ihrer Depression angefangen zu schreiben. Wie kam das?
M.H.: Als ich 24 war, hatte ich zum ersten Mal Angstzustände. Die nächsten drei Jahre zog sich meine Depression, gemischt mit Panikattacken hin – mal mehr, mal weniger schlimm. Die ersten sechs Monate waren die schlimmsten, ich hatte Gedankenschleifen, denen ich nicht entkommen konnte. Ich war nie wahnhaft, ich wusste immer, wer ich bin, aber es war einfach ein konstanter, unglaublich intensiver psychologischer Schmerz.

Wie sind Sie da herausgekommen?
M.H.: Ersteinmal durch das Vergehen der Zeit. Wenn du depressiv bist, denkst du, alles wird immer nur noch schlimmer werden. Und dann werden manche Dinge besser, manche schlechter, so ist das Leben. Die Realität war für mich die beste Medizin. Das Leben hat mich am Ende aufgemuntert, weil ich nur noch das Schlimmste erwartete und es im Endeffekt doch besser kam. Und dann hat mich mein Umkreis sehr unterstützt. Ich war in einer liebevollen Beziehung und letztendlich hat meine damalige Freundin, die heute meine Frau ist, gesagt: So, setz dich an den Schreibtisch und fang an zu schreiben.

Das Schreiben war also die Rettung?
M.H.: Das Schreiben hat meinen Verstand gerettet, ja. Ich konnte auf einmal eine Zukunft für mich sehen. Als ich anfing, Reaktionen auf mein Schreiben zu bekommen, und von Verlagen veröffentlicht zu werden, habe ich viel Selbstvertrauen und Selbstachtung zurückgewonnen.

War denn diese depressive Phase für Sie nötig, um zum Schreiben zu kommen?
M.H.: Ja, auf jeden Fall. Viele Menschen hassen die Idee, dass man gequält sein muss, um kreativ zu sein. Es ist natürlich ein Klischee. Außerdem ist es bevormundend gegenüber denen, die krank sind, aber nicht kreativ und denen, die kreativ, aber nicht krank sind. Aber in meiner persönlichen Erfahrung hat es geholfen. Kreativität hat mit Neugier zu tun und wenn wir Angst vor Dingen haben, lernen wir neugierig zu sein.

Sie haben mal gesagt, Autoren sollten nicht zu Buchmessen gehen, so wie Hühner nicht zu Nando’s (AdR: Britische Fried-Chicken-Kette) gehen sollten.
M.H.: Nicht nur Buchmessen, sondern das ganze Drumherum. Es zerstört den Spaß an der Sache, wenn man zu viel über den Markt nachdenkt.

Lesen Sie die Rezensionen Ihrer Bücher?
M.H.: Ja. Ich sollte nicht (lacht). Es ist furchtbar, ich lese alles: Amazon-Bewertungen, Zeitungsartikel. Ich gebe meinen Namen bei Google ein. Ich kann nicht aufhören, obwohl ich weiß, dass es mir nicht gut tut. Das ist wohl meine Sucht-Persönlichkeit. Es ist schrecklich ungesund.

Warum ist es denn so schrecklich?
M.H.: Es hier und da mal zu tun, ist ja nicht schlimm. Aber die Gefahr ist, dass man sein Leben damit verbringt, sich zu fragen, was bestimmte Menschen von einem selbst und von den eigenen Büchern halten. Im Endeffekt kannst du daran nichts ändern, du kannst einen Eindruck nicht korrigieren. Als Autor schreibst du das Buch, das Lesen musst den den Anderen schon selbst überlassen.

Sie sind sehr aktiv auf Twitter.
M.H.: Ja, das Schreiben als Beruf ist ziemlich einsam. Ich sitze den ganzen Tag alleine am Computer, und dann ist da das Internet als Fluchtort. Ich verbringe viel zu viel Zeit auf Twitter, schaue immer wieder nach, ob jemand auf meine Posts geantwortet hat. Ich beschränke mich zur Zeit auf drei Tweets am Tag. Das ist fast so schwer, wie mit dem Rauchen aufzuhören.

Haben Sie manchmal Angst, dass das Schreiben einerseits Ihre Rettung, andererseits möglicherweise auch Ihren Ruin bedeuten könnte?
M.H.: Der schwierigste Teil am Literaturbetrieb ist es, veröffentlicht zu bleiben. Ich weiß zwar, dass ich weiter schreiben würde, selbst, wenn ich nicht mehr verlegt werde. Aber es gibt einen konstanten Druck, den ich von Seiten der Verleger spüre. Ich frage mich immer, was sie von mir denken. Mein englischer Verleger und ich gehen immer freundlich miteinander um, aber ich habe ständig diesen Zweifel: Ist es Freundschaft oder Business? Und dieses Gefühl bekommt man bei Buchmessen eben auch: Man fühlt sich unwichtig, wie eine Handelsware. Und selbst, wenn die Verleger sehr nett zu einem sind, beschleicht einen diese Paranoia: Es ist eben nur ein Betrieb.

Sie haben öffentlich über Ihre depressive Phase berichtet, Ihr nächstes Buch Reasons to stay alive handelt auch davon. Wird es ein persönlicher Bericht oder eine eher wissenschaftliche Untersuchung von Depression?
M.H.: Es geht vor allem um meine persönliche Erfahrung, aber auch um historische Beispiele depressiver Persönlichkeiten. Ich bin etwas besorgt, weil ich Selbsthilfebücher immer gehasst habe. Sie fühlen sich irgendwie falsch und künstlich an. Es soll zwar eine Art Selbsthilfebuch werden, aber alles, was darin steht, glaube ich zu Hundert Prozent. Dinge, die zu optimistisch waren, habe ich rigoros rausgestrichen. Das Buch soll einen Ansatz bieten, der Depression nicht zu glauben.

Wenn es denn ein Selbsthilfebuch ist, richtet es sich mehr an Sie selbst oder an Ihre Leser?
M.H.: An beide Seiten, wirklich. Ich wurde von einer Frau, die ich ein Paar Mal getroffen habe, gebeten, dieses Buch zu schreiben. Sie arbeitet in den Medien und hat selber lange an Depression gelitten. Ich dachte früher, ein Autor sollte einfach Geschichten erzählen und nicht versuchen, das Leben der Menschen zu verändern. Aber ich habe mal einen Blogeintrag über meine Krankheit geschrieben. Er war nicht sonderlich gut geschrieben, hat aber die meisten Reaktionen von allen hervorgerufen. Als ich das sah, habe ich meine Meinung geändert. Was ist falsch daran, etwas zu tun, das Anderen helfen kann.

Sie haben auch mal als Journalist gearbeitet und später gesagt, darin seien sie schlecht, weil Sie ständig Dinge erfunden haben. Was bedeutet das Schreiben für Sie?
M.H.: Schreiben bedeutet für mich Freiheit und das ist mein Problem am Journalismus: Man muss an einer Version der Wahrheit festhalten, die Realität genannt wird. Ich glaube, die Wahrheit ist sehr wichtig, aber es gibt viele Arten von ihr. Eben auch die fantasievolle Wahrheit. Fiktion passt besser zu mir, weil mich diese Art der Wahrheit am meisten interessiert.

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