Die pure Fläche

In seiner Kolumne »Performance« betrachtet Christoph Braun einmal im Monat Einzelheiten aus der Welt der Aufführungen wie z.B. Film, Theater und Videoclips. Diesmal betrachtet er die »psychologisierten Oberflächen« in Anton Corbijns »Control«.

IanCurtisMauer
Ian Curtis, die kleinbürgerlichen Verhältniss in Macclesfield vermessend. Einfach & eben gekleidet.

Ah, »Control«. Die Kunstpause zwischen dem Kinostart Ende September im englischsprachigen Raum und dem Kinogang der deutschsprachigen Fassung bescherte mir einen schönen Abend zwischen den Jahren ’07 und ’08. Bei slick-moderner Küche, aufgepeppt durch Bier und Flips, schauten wir  uns in kleiner Runde das englischsprachige Original an, als wollten wir uns aufheizen für das Wackeln des großen Screens. Als der Fotograf unter uns meinte, er werde sich jetzt eine Ian Curtis-Frisur schneiden lassen, wurde es wieder ganz deutlich: Mir war wenige Tage noch die Gegenwärtigkeit des Curtis-Styles in einer Jil Sander-Werbekampagne aufgefallen. Diese Begrenztheit im Einsatz von Farben, diese unterschwellige Geometrie. In »Control«, einem Film, der auf ein psychisch motiviertes Ende hinaus läuft und gleichzeitig jegliches Psychologisieren vermeiden möchte, kommt dem Kostüm eine bedeutende Rolle zu. Hier werden tatsächlich die Oberflächen psychologisiert.

TonyWilsonControl
Manchester-Pop-Panorama: Manager Rob Gretton, Joy Division, Tony Wilson (v.l.n.r.)
   Corbjin und sein Kostüm-Designer Julian Day inszenieren Ian Curtis als allmählich zum Stillstand kommende Discokugel. Nachdem erst einmal die Epilepsie diagnostiziert worden ist, geht dem Sänger allmählich die Energie aus. Die ganze Zeit aber bricht er das bunte Licht, das auf ihn fällt. Seine Kleidung besteht aus einfachsten Teilen: Trenchcoat, Polo-Shirt, gerade geschnittene Hosen. Dunkle Farben werden höchstens von Weiß kontrastiert. Der Schwarzweiß-Film ist immer dann am schwarzweissesten, wenn Ian Curtis ins Bild kommt. Er bildet eine pure Fläche. Keine Falte, keine Struktur, alles darf an ihm abrutschen. So wird das Kostüm auch zum Sinnbild des weiteren Verlaufs der Popgeschichte; die schöne Melancholie von Joy Division wurde zum bloßen Signal des Melancholischen, sobald Latex mit der Institutionalisierung von Goth ins Spiel kam. Kein Wunder, kam dieses laute Gummimaterial doch von der anderen Seite her, von Vivienne Westwood und ihrer Inszenierung der Sex Pistols.

TonyWilsonControl
Ehefrau Debbie sportet biederen Landhaus-Stil
    Lediglich die Band bekommt etwas vom Simple & Plain-Chic ihres Sängers ab, doch auch die Nicht-Ians in Joy Division tragen manchmal eine Hemdtasche zuviel. Der Rest ist ein Panorama der Endsiebziger: Ehefrau Debbie muss als biedere Mutter den romantischen Landhausstil repräsentieren, Factory-Gründer Tony Wilson ist schon beim Fernsehen und trägt halt Anzug mit Superfly-Hemd, während Band-Manager Rob Gretton mit seiner übergroßen Brille den Freak-Chic des späteren Madchester vorweg nehmen darf. Ians Geliebte Annik schließlich schreibt für ein Fanzine und darf Basketball-Jacke tragen: Bestimmt war sie schon einmal in New York, dem New Wave-Hotspot ihrer Zeit, so die Suggestion.

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Fanzine-Autorin Annik war mal in N.Y
    Vergleicht man die Kostüme mit den Aufnahmen aus der  Zeit Joy Divisions, dann wird deutlich, dass Kostümbildner Julian Day im Falle Ian Curtis‘ nochmals alles simplifizieren musste. Die Krägen kleiner, die Krawatten schmaler, die Farben monochrom. Kurz nach Joy Division sollte ja auch schon Rei Kawakubo mit ihrer Linie Comme des Garçons das Schwarz als Intellektuellen-Schwarz einführen und ein gutes Jahrzehnt lang auf den Farben Weiß, Grau und eben Schwarz beharren. Mit Sander, Lang, Yamamoto, Chalayan, Slimane, Simons sollte schließlich auch die Idee der puren Fläche in der Zeit nach Joy Division immer wieder neu geschnitten werden. Dabei ist die Sockel-Slickness, der Grundbedarf an extrem reduzierter Kleidung, immer weiter angestiegen. Mit diesem Film wieder ein wenig mehr.

»Control« von Anton Corbijn, seit 10. Januar im Kino.
»Control«, Regie: Anton Corbijn; GB 2007; mit Sam Riley, Samantha Morton, Alexandra Maria Lara, Craig Parkinson, u.a.; Capelight Pictures

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