Die Musik der Zukunft hat keine Hautfarbe

Spex #317 liegt seit dem 24. Oktober am Kiosk. Max Dax gibt im Editorial einen Überblick über die Themen der aktuellen Ausgabe.

 

Mohamed Bourouissa

Bild: »L’impasse« von Mohamed Bourouissa

(© 2008 Galerie Les Filles Du Calvaire)

Mit diesem Heft erhöht die Spex zum ersten Mal seit sechs Jahren ihren Kioskpreis – auf jetzt fünf Euro. Der Grund für diesen Schritt liegt in der Kostenexplosion im Allgemeinen und den seit Jahren steigenden Papierpreisen im Besonderen. Bis zuletzt haben wir dies nicht an die Leser weitergegeben. Wir haben daher auch jetzt versucht, den Heftpreis so moderat wie möglich anzuheben und hoffen auf Nachsicht bei unseren Lesern.

Denn bekanntlich hängt alles mit allem zusammen. Das haben schon vor uns slawische Kulturtheoretiker herausbekommen. Schon lange geht es in Spex um mehr als ›nur‹ Musik. Es geht, richtig: um ›alles‹. Um Würde, um Selbstverständnisse, um Vorurteile, um das Überwinden von Vorurteilen, um Kontextualisierung, um den Wunsch, selbst in Nebensätzen Erkenntnis zu generieren, wohlgemerkt: in Zeiten, in denen wir uns, das reden wir uns jeden Tag aufs Neue ein, längst gewöhnt haben an den Umstand, dass unsere Zeiten so schnell sind wie keine anderen zuvor.

Im großen Spex-Gespräch ab Seite 46 erzählt Oasis-Mastermind Noel Gallagher, wie die Erinnerung an die jüngste Vergangenheit, als digitale Patterns noch weitgehend unbekannt waren, und die Vergewisserung, dass wir in der Gegenwart leben, einander bedingen. »Es mag wie ein Widerspruch klingen, aber das Internet bedeutet de facto den Tod der Identität. Und den Tod des Urteilsvermögens, weil alle Meinungen in allen Abstufungen nebeneinander stehen«, beklagt sich Gallagher. Das Internet sei zwar toll, aber es sei auch schade, dass es zugleich das (vorläufige) Ende der Jugendkultur, wie wir sie kannten, bedeute. Jugendkultur im Sinne eines Wunsches nach unbedingter Unterscheidung. Schließlich geht es seit einigen Jahrzehnten in der westlichen Welt um die Feinheiten der Distinktion – und um oppositionelle Positionen.

 

Spex #317 – TV On The Radio
Spex #317, ab dem 24. Oktober am Kiosk.

In unserer Titelgeschichte schreibt Jan Kedves ab Seite 62, dass die Band der Stunde, TV On The Radio aus Williamsburg, Brooklyn, als »Ausdruck einer Hoffnung auf eine Zukunft zu verstehen sei, in der kulturschaffende Afroamerikaner nicht mehr gezwungen sein werden, sich auf ihre ›Blackness‹ zu beziehen beziehungsweise sich an ihr abarbeiten zu müssen«. Das Etikett ›Black Music‹ ist heute gottseidank überholt, weil es eine stilistische Limitierung darstellt und Unterschiede betont, die längst ihre Bedeutung verloren haben sollten.

Doch machen wir uns nichts vor: Ob US-Wahlkampf – siehe Seite 130 –, die Frage nach der Relevanz des politischen Liedes – siehe unser Vorspiel mit Matthew Herbert ab Seite 42 – oder Tim Stüttgens Artikel über das neue, ›safe for work porn‹-Video von Flying Lotus ab Seite 126 – entscheidend ist, dass versucht wird, Verknüpfungen herzustellen zu anderen, parallelen Phänomenen. So liefert Miriam Dagan in ihrem Stück über »Waltz With Bashir« (ab Seite 112) die nötigen Hintergründe, um diesen Animationsfilm über den Libanonkrieg von 1982 besser verstehen zu können. Ab Seite 92 schreibt Thomas Schönberger über Mohamed Bourouissa, einen der Shooting-Stars der jungen französischen Kunstszene. Dessen Bilder inszenieren die Gewalt der Banlieue hochartifiziell – ähnlich den Bildern David Lynchs oder Gregory Crewdsons.

In Glasgow besuchte Martin Hossbach (ab Seite 100) Bill Drummond, den Gründer von The KLF, auch bekannt für eine Kunstaktion, in der der Schotte 1.000.000 Pfund verbrannte. Vor fünf Jahren rief er den ›No Music Day‹ aus, der seitdem jedes Jahr am 21. November stattfindet – ein Tag der Stille, an dem iPods ausgeschaltet und Chöre stumm bleiben sollen. Auf spex.de wer den wir einige Tage vor dem No Music Day zudem einen Brief Drummonds an unsere Leser veröffentlichen. Und für diese Spex gestaltete Drummond den Aufruf zur Ruhe in deutscher Sprache. Auch wir möchten in eigener Sache zu etwas aufrufen, und zwar dazu, möglichst zahlreich am diesjährigen Spex-Leserpoll teilzunehmen. Eine Vorstellung der Gewinne, die unter allen Teilnehmern verlost werden, findet sich hier.

Max Dax

PS: Am 28. Oktober startet das erste »Spex Mixtape« auf dem ausgezeichneten Internet-Radiosender ByteFM, auf dem neben Tobias Rapp, Tino Hanekamp und Christoph Twickel auch viele andere Spex-Autoren zu hören sind. Immer am letzten Dienstag des Monats stellt die Spex-Redaktion dort ab Mitternacht die »20 besonderen Songs« der aktuellen Ausgabe vor.

Anm. d. Red.: Weitere Informationen zum Spex Mixtape sowie Byte FM folgen in Kürze auf Spex.de.

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