Die Krupps »Stahlwerkrequiem« vs. Sumac »What One Becomes« / Doppelreview

Die Krupps und Sumac verbindet ein wirklich außergewöhnlicher metallischer Klang, der so roh und analog ist, dass man sich zurückgebeamt fühlt in vergangene Jahrzehnte.

Sumac heißt eine neue Band von Aaron Turner, der vor einem knappen Jahrzehnt mit Isis die Verbindung von Postrock und Metal zu einem recht großen Ding erhob. Und Sumac vermeiden, was Isis am Schluss so nervtötend machen konnte: das total Ausbalancierte und Streberhafte. Da war noch Druck, aber kein Dreck, niemals brach die Stimme, nirgendwo ein Störgeräusch oder Feedback. Das sollte zwar Doom sein – aber Korn sind ja auch Fans von Cannibal Corpse. Bei Sumac gewinnt meist die allererste Idee, manches steht noch ziemlich seltsam, aber charmant im Raum herum, die Übergänge sind holprig, die Fähigkeiten des tollen Gitarristen Brian Cook von Russian Circles gehen manchmal unter. Aber mächtig klingt es. Und dreckig.

Industrial hat seine Verwurzelung in Arbeitswelt und Alltag eingebüßt.

Verkopfter kommt die Neueinspielung der Stahlwerksinfonie von den Krupps daher. Die Düsseldorfer Band war mal wichtig, versank später jedoch in Neuer Deutscher Härte. Das zum Stahlwerkrequiem umgebaute Album ist ideengeschichtlich interessant und zeigt den Einfluss der Krupps auf Industrial und EBM. Mit Sumac verbindet es ein wirklich außergewöhnlicher metallischer Klang, der so roh und analog ist, dass man sich zurückgebeamt fühlt in vergangene Jahrzehnte, in denen sich Härte noch nicht ganz so einfach herbeiproduzieren ließ. Die ekelhafte Eigenart heutiger harter Musik, Gitarren bloß als Knochenfräsen im violent dancing zu nutzen, wird so konterkariert. Beide Platten stehen zwischen Punk und der Avantgarde von etwas früher, Monotonie ist das Prinzip. Einiges erinnert an Rhys Chatham, den neben Glenn Branca sicherlich einflussreichsten Grenzgänger zwischen Gitarrenminimalismus und Punk, und sein noch immer geil abgehendes Guitar Trio von 1977.

sumac

Was bei Chatham die Gitarre ist, ist bei den Krupps eine nicht zu irritierende Basslinie. Unbestreitbar ist allein: Das, wovon Industrial zu sprechen scheint und was er im Namen trägt, hat seine Verwurzelung in der Arbeitswelt und im Alltag eingebüßt. Hört man Throbbing Gristle in alten Aufnahmen vom Lärm der stampfenden Maschinen berichten, dann ergibt es auch als politische Intervention Sinn, den Terror des Lärms und der zermürbenden Routine an den Fließbändern in Städten in allen Grautönen nachzustellen. Nunmehr, nach Jahrzehnten der Marginalisierung des kleinen Arbeiters an den Fließbändern, erscheint diese Dimension abgekoppelt von der Musik. Sie ist nur noch Traditionspflege, die Quellen verblassen. Und die Kinder werden vielleicht eines Tages fragen, woher das Geräusch kommt.

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