»Die Kommune« – Filmfeature zum Kinostart

Achtung: (fast) kein Hippie-Bashing! Mit seinem jüngsten Film Die Kommune hat Thomas Vinterberg sein bisher persönlichstes Werk geschaffen. Ab morgen im Kino.

Thomas Vinterberg sprengt in seinen Filmen gern konservative Gesellschaftsstrukturen, manchmal mit dem filmischen Holzhammer. Hinter der Fassade betulicher Familientradition steht totgeschwiegener Missbrauch (Das Fest); Mitglieder einer gemütlichen Dorfgemeinde verwandeln sich in einen mordlustigen Lynchmob (Die Jagd); ein amerikanisches Kleinstädtchen beherbergt ausschließlich irre Waffenfetischisten (Dear Wendy). In seinem neuen Film porträtiert Vinterberg das Leben in einer Kommune im Dänemark der Sechzigerjahre. Wie nimmt er sich des Entwurfs einer alternativen, anti-konservativen Lebensweise an? Haut er dem Publikum mit der üblichen zynischen Unerbittlichkeit Acid-Exzesse und Gruppensex um die Ohren?

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Im Gegenteil: Die Kommune ist Vinterbergs behutsamster und persönlichster Film. Selbst in einer Kommune aufgewachsen, hat er offensichtlich kein Interesse an Schock und Schwarz-Weiß-Malerei, sondern an Nuancen. Nicht alles funktioniert in der vom Ehepaar Erik und Anna gegründeten Gemeinschaft, manches geht sogar furchtbar schief. Der Film betont aber vor allem die Relevanz des Versuchs, sich den normativen Erwartungen an familiäres Zusammenleben entgegenzustellen, selbst wenn dieser scheitert. Durch die Perspektive von Erik und Annas Tochter Freja wird die spannende Dialektik zwischen individueller Freiheit und kollektiver Solidarität deutlich: Dass Freja mit vielen verschiedenen Bezugspersonen aufwächst, erscheint als klare Bereicherung. Aber ist der Einzug von Papas Geliebter in die Kommune wirklich eine gute Idee?

Es ist ein wenig schade, dass Vinterberg diese Beziehungsgeschichte so sehr in den Vordergrund rückt, die Figuren der anderen Mitbewohner gäben auch eine Menge Stoff ab. Das wird in einer Szene deutlich, in der die Wohngemeinschaft ihre komplizierte Bierabrechnungsliste diskutiert – so ergreifend, humorvoll und präzise beobachtet hat man das bei Vinterberg noch nicht gesehen.

Die Kommune
Dänemark 2016
Regie: Thomas Vinterberg
Mit Ulrich Thomsen, Trine Dyrholm, Helene Reingaard Neumann u. a.

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in der Printausgabe SPEX N° 368 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

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