„Die Hells Angels transportieren ihre Kutten in Louis-Vuitton-Koffern“ – Autor Hans-Christian Dany im Interview

Foto: Donnie Londie

Die Bomberjacke ist mehr als ein leerer Signifikant im Speicher der Subkulturen. Von den Skinheads getragen, vom Jeans Team besungen und in der High Fashion resignifiziert nähert sich der Künstler Hans-Christian Dany anhand dieses Objektes in seinem bei Edition Nautilus erscheinenden Buch MA1. Mode und Uniform mit einer Mischung aus autobiographischen (Mode-)Erinnerungen, (alltags-)soziologischem Essay und Zeitdiagnostik der Mode. SPEX sprach mit Dany über pubertäres Nach-Punk-Gefühl, unmodisches Verhalten und Fake-Gucci.

Hans-Christian Dany, nach Büchern über Speed, Kybernetik oder die Kontrollgesellschaft widmen Sie sich nun dem Thema der Mode. Warum dient Ihnen dazu ausgerechnet die paramilitärische Bomberjacke als roter Faden?
Weil sich an ihr gut die Verwobenheit von Mode, Subkultur und Krieg erzählen lässt. Die Bomberjacke MA-1 brach in den späten Fünfzigerjahren mit der kantigen Symmetrie der bisher bekannten Uniformen. Ihr Look sah mehr nach Freizeit als nach disziplinierender Arbeitskleidung aus. Durch den Verzicht auf Rangabzeichen führte sie flache Hierarchien bei der US-Army ein und bereitete den Netzwerkkrieg des atomaren Zeitalters vor. Zehn Jahre später eignen sich Skinheads und Black Panthers die Bomberjacke an, indem sie sie zu einem subkulturellen Code umdeuten. In der Mode taucht sie erstmals Ende der Siebzigerjahre auf und seitdem immer wieder.

Nicht nur die für viele trotz diverser Modehypes immer noch anrüchige Bomberjacke, sondern auch unverdächtige Klassiker wie Trenchcoat, Dufflecoat, Barbour-Jacke, Parka, Cargohose und Safari-Jacken zeigen, dass auch außerhalb der Subkulturen viele Stilelemente ihren Ursprung in militärischen Uniformen haben. Warum fühlen sich die Leute darin so wohl?
Uniformen bündeln die Ideale des industrialisierten Lebens, sind praktisch und ökonomisch. Uniformen verpanzern ihre Träger_innen, formen eine schützende zweite Haut. Sie symbolisieren Zugehörigkeit, was sie in einer auf Vereinzelung gebauten Gesellschaft attraktiv macht. Nicht wenige zivile Uniformträger_innen fühlen sich wohl auch so, als bewegten sie sich im Krieg. Eine Befindlichkeit, die in vielen westlichen Staaten gar nicht mehr so falsch ist, da die traditionelle Aufgabe des Militärs, sich schützend vor die Zivilbevölkerung zu stellen, ausgelagert wurde. Der Bomberpilot steuert jetzt im Bunker eine Drohne fern. Die „Risikolast ist transferiert“ worden, wie Strategietheoretiker der US-Army es formulieren. Passant_innen bilden das Ersatzziel. Der Uniform-Boom in den vergangenen Jahren scheint dieser Zwangsrekrutierung Ausdruck zu verleihen.

„Uniformen bündeln die Ideale des industrialisierten Lebens, sind praktisch und ökonomisch. Sie verpanzern ihre Träger_innen“

Vor zehn Jahren haben Sie zum ersten Mal eine Bomberjacke gekauft. Warum gerade zu einer Zeit, als es keinen modischen Hype um sie gab?
Während der ersten zivilen Aneignung der Bomberjacke 1966 kam ich gerade erst auf die Welt. Bei der zweiten Welle – um 1980 – hätte ich gerne eine Bomberjacke gehabt. Die war für einen Vierzehnjährigen aber zu teuer. Ich hätte meine Eltern um Geld bitten müssen, was zu meinem pubertären Nach-Punk-Gefühl nicht passte. Statt meine Mutter zu fragen, habe ich lieber auf sie verzichtet. Während der dritten Rückkehr der Bomberjacke in den Neunzigerjahren erschien mir ihre Breitschultrigkeit zu männlich, da ich gerne feminin wirken wollte, um meine Männlichkeit zu „dekonstruieren“. So kam ich erst 2008 zu meiner ersten Bomberjacke, da ich mich als junger Vater auf dem Spielplatz unwohl fühlte und nach einer nun wieder männlicheren Haut für meine Verunsicherung suchte. Dieses unmodische Verhalten bot sich als Einstieg ein, weil jede Mode ja mit einem Widerspruch gegen die herrschende Annahme, was Mode sei, beginnt.

Ihr Buch trägt den Untertitel „Mode und Uniform“, doch die einheitlichen Looks von Subkulturen sind seit Jahrzehnten auf dem Rückzug. Worin besteht für Sie das Faszinierende des Uniformen genau jetzt?
Durch den Anstieg der Überwachung und die zunehmende Verwertung von Subjektivität in der Kontrollgesellschaft hört abweichendes Verhalten auf, ein heiteres Spiel zu sein, sobald es nachgeahmt wird. Einen Style zu erfinden, wird schnell zur unbezahlten Vorarbeit für eine Warenform. Modisches Verhalten ist zudem Teil der andauernden Bewerbungssituation geworden. Ich zeige mich zeitgemäß und offen, woraus potentielle Arbeitgeber_innen schließen können, dass ich bereit bin, mich flexibel mit der Arbeitsanforderung zu entwickeln. Überwachung wiederum interessiert sich vor allem für Abweichungen. Ich rücke mich in die Aufmerksamkeit der Polizei, wenn ich mich nicht entsprechend der Norm verhalte. Normcore, ein Trend der bewussten Unauffälligkeit, formt unter anderem den Versuch, gemeinsam unter den Radar zu tauchen.

In den Subkulturen wie auch der Bohème der letzten beiden Jahrhunderte kam es vom Dandy bis zu den Mods immer wieder zu Verweigerung gegen die gesellschaftlich verordnete Kleiderordnung für Arme. Auch im Hip-Hop spielen seit Beginn Mode und Brands eine große Rolle. Die in Wien lebende Rapperin Ebow sagte neulich im Gespräch mit Spex, sie trage gern Fake-Gucci um sich damit gegen oben zu empowern. Haben sich die Unterschiede zwischen High Fashion und Streetwear mittlerweile eingeebnet?
Die Ausbreitung von Luxus-Artikeln, aber auch deren Zeichen, wie 0815-T-Shirts mit den Logos teurer Marken oder Anschein, wie den Fakes die „türkisch Gucci“ genannt werden, sehe ich als Teil des neoliberalen Versprechens und Eifers, alle hätten Zugang und dürften teilhaben. Damit wird nicht nur der Konsum beschleunigt, sondern auch eine Illusion von Freiheit und Beteiligung vorgegaukelt, während die tatsächliche Ungleichheit wächst. Was einmal als Ermächtigung im Hip-Hop angefangen hat, mögen manche Zeichenmanipulationen auch weiterhin faszinierend wirken, gehört mittlerweile zum psycho-sozialen Stress des Überlebens in der Kontrollgesellschaft, bei dem sich alle ständig vorzuführen sollen. Dass sich junge Männer heute wieder so intensiv für Mode interessieren, hat auch mit der Angst zu tun, nicht gut genug für die Arbeitswelt auszusehen. Wer mit der Mode geht, führt sich fast zwangsläufig als flexible Arbeitskraft vor, von der man erwarten kann, dass sie den nächsten Innovations-Schub des Unternehmens mitgehen wird.

„soziale Ungleichheit hebt sich wohl kaum auf, wenn in der First Class des Flugzeugs so viele Jogginganzüge wie bei Aldi zu sehen sind.“

Das heißt, die Klassen sind gar nicht durchlässiger geworden?
Mir scheint, das Gefüge der feinen Unterschiede ist komplexer, raffinierter und widersprüchlicher geworden, während sich die Klassengesellschaft deutlich schärfer zeichnet. Die Hells Angels transportieren ihre Kutten mittlerweile in Louis-Vuitton-Koffern, die für die wirklich Reichen aber schon lange zu prollig sind. Und soziale Ungleichheit hebt sich wohl kaum auf, wenn in der First Class des Flugzeugs so viele Jogginganzüge wie bei Aldi zu sehen sind.

Sie schreiben, dass in der Kontrollgesellschaft, die auf Identifikation angelegten Momente der Jugendkulturen immer stärker als Steuerungsinstrumente vereinnahmt werden. „Wer dem Wunsch nachgibt, als Teil einer kollektiven Identität erkannt zu werden, gibt sich zu erkennen und wird dadurch steuerbarer“. Der Begriff der Identität habe sich dadurch erweitert. Generell lässt sich beobachten, dass die jugendliche Sozialisierung heute weniger über Identifikation läuft, sondern vielmehr über das coole Spiel. Sehen Sie in dieser Abkehr von Identifikation und Hinwendung zum Spielerischen etwas Emanzipatorisches?
Das coole Spiel gibt es. Ihm steht viel uniformes Verhalten entgegen, bei dem es sich aber auch teilweise wiederum um ein cooles Spiel handelt. Da sich viele der traditionellen Gemeinschaften aufgelöst haben, wird Kleidung verstärkt als Möglichkeit genutzt, sich zu einer Gemeinschaft zu bekennen. Meinetwegen der „Gucci Gang“, die Lil Pump beschwört, oder den fast vergötternden Hymnen, die russische Bands wie Face auf Gosha Rubchinskiy singen. Die Gucci-Gangs sind Teil einer komplex fragmentierten Gucci-Nation. Es gibt die Klasse derer, die von Kopf bis Fuß echtes Gucci tragen, wobei sie sich noch in altes und neues Gucci unterscheiden. Andere wiederum veredeln ihr Bekleidung von Primark durch ein teures Original Gucci-Cap. Eine weitere Gruppe trägt Fake-Gucci, mal mit und mal ohne Vorsatz. Andere schreiben mit einem Edding Gucci auf ihre Vans oder kaufen einen gewöhnlichen Schuh, der jetzt noch mehr kostet als ein Gucci Schuh, auf den jemand, der als gerade als fancy gilt, Gucci getaggt hat. All das kann in viele Richtungen ironisch gebrochen werden. Die Mehrheit zieht sich aber, beobachte ich zumindest, gegenwärtig gerne unauffällig an oder zumindest uniform im eigenen Milieu. Und möglicherweise liegt darin auch ein befreiendes Moment, sich von der andauernden Unterscheidung zu verabschieden, jener postmodernen Distinktion, dem kuratierten Lebensstil, die zum Konsumbefehl verkommen ist. Mode kann viel mehr sein als derartiges Shopping und das erfindet sich möglicherweise gerade neu.

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