Die Heiterkeit – »Gestern hast du gesagt, ich bin Hans Albers«

Foto: Christoph Mack

Es ist ein großer Wurf. Das am Freitag erschienene dritte Album der Gruppe Die Heiterkeit erzählt in ganzen 20 Liedern von Pop und Tod und der unendlichen Beschissenheit der Dinge. SPEX begleitete die in Hamburg gegründete, mittlerweile in Berlin wohnhafte Band bei der Entstehung des Werks und lernte, wie das Gegenteil von Bauchnabelpulerei geht, wie die beste Nüsschenmischung der Stadt bei schlechten Vibes hilft und wie man Liebe nicht verhandelt, sondern verhandlicht – die komplette Geschichte aus SPEX N° 368.

Die neuen Lieder heißen »Vanillebär«, »Blasenschwäche« und »Innerlich verkeimt«. Das kommt überraschend. Aber so steht es auf einer indiebehördlich-offiziell aussehenden Song-Abarbeite-Liste, die im Tonstudio Chez Chérie an einer Wand klebt, komplett mit gezeichneten Piktogrammen, die den jeweiligen Vollendungsgrad signalisieren. Dieser neue grobe Konkretismus verwundert, bestand Monterey, das letzte Album der Gruppe Die Heiterkeit von 2014, doch vor allem aus in flüssigen Bernstein gegossenen Skribbel-Szenen und stimmungsbasierten Vagheiten: Alltagsmüdheit, in zähe Goldmelancholie gedrückt. Gleich mal nachfragen, Sängerin, Gitarristin und Songschreiberin Stella Sommer kommt gerade im Chez Chérie an, ein bisschen nach verrutschter Onassis-Schwippschwägerin aussehend, große Sonnenbrille, augenscheinlich etwas zermürbt vom Ausgang, aber doch schon wieder mit diesem ernsten Blick, der randalierende argentinische Doggen und »Kuck nicht so böse, lächel doch mal!«-Dämlacke in Sekundenschnelle zur Räson bringen kann.

Es ist Tag drei von gut zwei Wochen in Moses Schneiders Neuköllner Studio, ein neues Album wird aufgenommen. Die trottelig benamsten Lieder an der Wand sind allerdings nur ein Überbleibsel eines Vornutzers. Die Heiterkeit werfen, das merkt man nach wenigen gesungenen Zeilen der neuen Lieder, in ihren Texten weiterhin Nebelkerzen als Fernlicht. »Schlechte Vibes, schlechte Vibes«, singen Bassistin Rabea Erradi und Keyboarderin Sonja Deffner engelsgleich im zweistimmigen Mädchenchor, Sommer macht dazu »dödödödödö-dö-dö«. Es ist fast lindenbergisch. Das Schlagzeug dazu spielt Philipp Wulf von Messer, seit Sommer 2015 Teil der Band.

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Es gibt viele Mädchenchöre auf Pop & Tod I + II, dem neuen Heiterkeit-Album, das Anfang Juni erscheint. Und auch sonst findet sich darauf vieles, was man sich an musikalischen Schnörkeln und Stilmitteln so vorstellen kann, denn es ist, wie der Name andeutet, ein Doppelalbum mit 20 Liedern. In einem Anwurf von sachlichem Größenwahn wollte die Band ursprünglich sogar 30 Songs aufnehmen, erzählt Sommer, nachdem das Lied mit den schlechten Vibes aufgenommen ist. Im Pausengespräch geht es außerdem um die beste Nüsschenmischung, die man sich beim Spezereienladen ein paar Häuser weiter zusammenstellen lassen kann. Rabea Erradi glaubt: eine gemischte Tüte mit Käsecashews und Rauchmandeln. Es ist ein interessanter Knabberconnaisseursdiskurs, gut denkbar, dass jemand wie AnnenMayKantereit (paradoxerweise die einzige deutsche Band, die sich fast rein auf Heiterkeit reimt) sofort ein Lied aus dem Geplapper schreiben würde. Darüber, dass sie beim Nusshändler immer die Käsecashews will, er aber lieber die Rauchmandeln, weil er doch gegen Käse allergisch ist.

Die Heiterkeit macht genau das Gegenteil, das ist das Seltene und Besondere an dieser Band, das Hervorstechende aus all der kleinkrämerischen Bauchnabelpulerei und den komischen Versuchen, Alltagsmist einfach roségold anzustreichen. Statt das Alltägliche künstlich mit Bedeutung aufzuladen, wie es die Posen-Euphoriker tun, banalisiert ihre Musik das Hohe, Übergroße, ohne es dabei zu trivialisieren.

Die Heiterkeit stochert nie im WG-Duschen-Abflusssieb nach brauchbarem Bilderfluff, sie zieht stattdessen die großen Dinge hinab ins Verstaubare. Liebe wird nicht verhandelt, sondern verhandlicht: »Du liebst mich immer noch wie am ersten Tag / Und wenn ich will, lässt das nie mehr nach«, hieß es auf der letzten Platte. Die allgemeine unendliche Beschissenheit der Dinge wird auf die Formel »schlechte Vibes im Universum« zurechtgestutzt. Und der heilige, kreative Schaffensprozess bekommt im neuen Song »Ein Genie bei der Arbeit« einen heilsamen Pompüberzug: »Gott, diese Kammer, Jesus, dieses Loch / Ich weiß nicht, woher es kommt / Ich weiß nur, dass es sterben muss.«

Die Heiterkeit stochert nie im WG-Duschen-Abflusssieb nach brauchbarem Bilderfluff.

Im Spitzweg’schen Poetenstübchen entstehen Sommers Texte allerdings nicht. Genau genommen gibt es sie noch gar nicht, als sie auf dem Studioboden hockend in einem Stapel Knitterpapieren ramscht, um das nächste Lied herauszuziehen. Meist ist eine Strophe da, der Rest fügt sich, sagt sie: »Ich kann mich immer darauf verlassen, dass ich mich am Ende beim Schreiben selbst überlisten werde. Allein durch die nötige Geschwindigkeit, die mich nicht mehr so lange nachdenken lässt. Ich brauche noch eine zweite Strophe? Gut, muss ich halt schnell eine zweite Strophe schreiben.«

»Hier werden die Männer stehen«, sagt Moses Schneider einige Tage später und deutet auf die rechte Seite des Studioraums. »Haben wir extra freigeräumt.« Am Abend wird der große Männerchor aufgenommen, der eigentlich schon auf Monterey zu hören sein sollte. »Aber dann waren wir zu faul, um uns darum zu kümmern«, sagt Sommer. »Machen wir es eben jetzt, dachten wir, ist auch geil.« Also lud Die Heiterkeit befreundete Musiker ein: Kristof Schreuf und Nagel sind gekommen, Maurice Summen von Die Türen, Max »Drangsal« Gruber, der Produzent Markus Ganter und rund ein weiteres Dutzend Chorknaben, die sich in einem schönen evangelischen Halbkreis aufstellen. Sommer singt die tiefe, Erradi die mittlere, Deffner die hohe Stimme vor: »Haben die Kids es nicht einfach gelie-ie-iebt?« Das ist der Satz, der für das Rausschmeißerstück des Albums mehrstimmig eingesungen werden soll. Die Männerstimmen taumeln, eine nach der anderen nehmen sie sich in Schwanke-Umarmung. Immer trittfester, bollerofenwärmer, festlicher klingt das, so gut am Ende, dass Moses Schneider daraus noch eine chorale Klaviatur zum späteren Konservengebrauch extrahieren will: einzelne Aaaah- und Uuuuh-Töne, wie ein Steckbaukasten zu Harmonien zusammenbastelbar.

Rund 40 Minuten braucht es, dann ist der Chor im Kasten. Die Sänger bleiben sitzen, trinken Bier, lassen sich die bisherigen Aufnahmen vorspielen, ganz ruhig und andächtig. Das sieht rührend und ungewohnt aus: Frauen auf der Bühne, der Zuhörerraum voller Männer. Ted Gaier von den Goldenen Zitronen schneit auch noch rein, zu spät zum Singen, aber gerade rechtzeitig für die Andacht.

Es ist sonderbar, aber wahr: Hört man nach längeren Gesprächen mit Stella Sommer am nächsten Tag das Band ab, merkt man plötzlich, dass jeder dritte Satz von Hunden handelt. Von kürzlich kennengelernten Doggenwelpen und von der neuen, aus Labrador und Weimaraner gekreuzten Rasse, die man Weimador oder Labmaraner nennt. Das liegt daran, dass Sommer Hunde liebt und in bester Schopenhauer-Tradition über sie möglicherweise lieber redet als über Musik. Was wiederum gut passt, weil für Sommer Musik eben so funktionieren muss wie diese herrlichen Hundebeziehungen: unmittelbar, niemals erklärungsbedürftig, ohne programmatische Einlassungen, die die Lieder Szene um Szene und Sehne für Sehne sezieren, als seien es Eichhörnchenschenkel im Präparierseminar.

Also kann man das nächste Interview auch gleich auf der Hundewiese in der Berliner Hasenheide führen. Ein genervter Basset steht im Matsch herum, in der Luft hängt die Frage, wie Sommer auf die Idee kam, gleich 30 Lieder für diese Platte zu schreiben. »Mir ist aufgefallen, dass die meisten immer nur über Musik reden, statt sie einfach zu machen. Gerade in Hamburg ist das extrem. Man geht in eine Kneipe, und alle reden darüber, an welcher Platte sie gerade arbeiten, Nur erscheinen diese Platten dann nie.«

Gute zwei Jahre sind seit der Veröffentlichung von Monterey vergangen. Die Band tourte mit dem Album kaum, weil es sich eher mittelmäßig verkaufte. »Wahrscheinlich habe ich dann so viel geschrieben, damit das nicht noch mal passiert«, sagt Sommer. Vermutlich hätten sie es den Menschen zu schwer gemacht, sie überfordert mit der extremen Entschleunigung der Musik, die mehr Stimmung als Botschaft trug. Diese Gefahr bestehe jetzt nicht mehr: »Bei 20 Songs gibt es so viele Fetzen, dass sich jeder etwas rauspicken kann.« Einen Micro-Schnipselohrwurm wie »Distanz als Form von Nähe« zum Beispiel, eine Zeile aus »Im Zwiespalt«, einem Lied über die Menschen, die man mal mochte, aber nun nicht mehr erträgt. Es handelt von Zuneigung aus der Ferne als vielleicht einzig praktikabler Form der Zugewandtheit.

Trostlieder gibt es auf Pop & Tod I + II, die gleichzeitig leicht und schwer sind, die mit einem in den Keller hinabsteigen und dort die Kerze ausblasen. »Wir wissen es seit Jahren, wir wissen es so lang / Man ist immer allein«, heißt es einmal. Schwerschultrige Lieder gibt es, zu denen man Pferde begraben könnte. Manchmal klingt Sommers Stimme so tief und warm, als würde sie durch schwerste, leicht angegorene Melasse waten. Romantische Chiffren gibt es, und zwar reichlich: weiße Elstern, sieben Berge, ferne Häuser, leere Höfe, kalte Zimmer – als habe Novalis Freiraumanzeigen für Immoscout24 verfasst: »Dort, wo ich wohne / Ist es immer kalt, kalt, kalt.«

Romantische Chiffren gibt es, und zwar reichlich. Als habe Novalis Freiraumanzeigen für Immoscout24 verfasst.

»Über irgendwas muss man ja schreiben«, sagt Sommer. »Wenn ich mir anschaue, was diese ganzen Typenbands so machen, dieses Angry-young-men-Ding, das wirkt für mich oft wie eine Pose: geborgte Wut als Haltung. Ich würde umgekehrt nicht sagen, dass ich eine weibliche Position einnehme – es ist eben meine Position. Wenn Musik sich in einem Haltungskonstrukt verliert, das so längst dagewesen ist, interessiert sie mich auch nicht mehr. Die dreißigste Band, die ein bisschen keck und ein wenig lustig versaut ist, muss ich mir dann auch nicht mehr anhören.«

Am liebsten, sagt Sommer, bevor wieder über Hunde geredet wird, seien ihr Menschen, »die wissen, dass sie smart sind, und sich deshalb auch mit stumpfen Sachen beschäftigen können. Nicht dieses dauernde Rumreiten auf dem eigenen Intellekt. Bei den Goldies liegen im Tourbus immer eine Gala und ein Oldtimer-Magazin, das finde ich voll sympathisch.«

Der nächste Treffpunkt ist nicht leicht zu finden. Kein Wunder, jener Teil des Tempelhofer Flughafenkomplexes, in dem das Candy-Bomber-Studio liegt, gehörte zu Zeiten des Kalten Krieges der CIA. Im Bomber sieht es aus, als habe ihn ein irrer Diktator mit Crooner-Faible eingerichtet – Fünf Freunde und das Schurkenstudio. Dunkle Bürokratievertäfelung, schwere, dackelbraune Vorhänge sperren die Tageszeit aus, auf einem Tisch liegt ein altes Sachbuch über den weißen Hai, ein flackernder Phasenmesser, nun ja, flackert. Hier beherbergt Ingo Krauss die letzte 1956er Telefunken-Vierspur-Bandmaschine, die es in Deutschland gibt. Die Atmosphäre steht für das genaue Gegenteil davon, wie Menschen heute mit Musik umgehen. Alles ist sogar noch eine Spur wohlig-anachronistischer, als die Idee, einfach mal so ein Doppelalbum aufzunehmen. Stella Sommer hockt auf einem Sofa und erzählt, wie am Tag davor die Tür aufging und einfach so Mick Harvey, Daniel Miller von Mute-Records und der Schlagzeuger der Stooges reinkamen, um etwas abzustellen. Dann bittet sie Ingo Krauss, ein bestimmtes Stück »klarer, härter, nicht so plingelig« zu mischen. Ein schnittscharfer Kontrast zu ihrem tiefen Schwelgegesang, dem erst mal alle stumm zuhören.

»You are so Lana Del Rey«, sagt Krauss dann. Und Sommer: »Gestern hast du noch gesagt, ich bin Hans Albers.« Besser kann man die beiden Pole der Heiterkeit wirklich nicht beschreiben.

»Rabea ist ausgestiegen«, schreibt Sommer ein paar Wochen später. Nach den Aufnahmen des Albums stößt Hanitra Wagner als neue Bassistin zur Band. »Bei der Fluktuation an Mitgliedern müsste es ja eher Die Weiterkeit heißen, oder?«, postet jemand Keckes bei Facebook. Vielleicht passt es auch hier: »Distanz als Form von Nähe«, das Schlüsselmantra von Pop & Tod I + II. Müsste man sich auch mal tätowieren lassen. Wenn man nicht zu faul dafür wäre.

Dieser Text ist wie viele andere Features in der Printausgabe SPEX N° 368 erschienen. Das Heft kann hier nach wie vor versandkostenfrei bestellt werden.

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