Die Goldenen Zitronen Übriggebliebene ausgereifte Haltungen / Material

Mit seinem Dokumentarfilm »Übriggebliebene ausgereifte Haltungen« gelingt Peter Ott ein Spagat, der sich ausdauernd zwischen klassischer Rockumentary und rotziger Bild- und Ton-Collage dehnt. Bis es knackt. Und dieses Knacken mischt sich auf das Schönste mit der Musik seines Gegenstandes, den Goldenen Zitronen.

    »Wie denn sonst, wenn nicht über Abgrenzungen, positioniert man sich?«, sprach Ted Gaier vor ziemlich genau einem Jahr in Spex #312 zur »Suche nach einer eigenen Kunstsprache«. Nichts anderes gilt auch für die Suche nach einer eigenen Filmsprache. Schon mit ihrem gemeinsamen Spielfilm »Hölle Hamburg« waren Gaier und der Filmemacher Peter Ott fündig geworden. Gaier dazu, im Interview mit dem Kinomagazin Choices: »Mich interessiert emotionale Einfühlung nicht. Ich finde es gerade richtig, einem die ganze Brüchigkeit einer Thematik vor die Füße zu knallen«.

    Abgrenzungen und Brüchigkeit hat Peter Ott dementsprechend zu den Grundprinzipien seines Films über die Geschichte der Goldenen Zitronen gemacht. Er funktioniert zwar auch nicht anders, als andere Dokumentarfilme: es gibt aktuelle Interviews mit Zitronen und Zeitzeugen, die mit historischen Filmmaterialien zusammengeschnitten werden. Ja, noch nicht mal auf den Offkommentar wird konsequent verzichtet, der vergleichbare Projekte von Dolezal und Rossacher, den Guido Knopps des Rockumentary-Genres, stets selbstentlarvend die Narrenkrone aufsetzte. Hier spricht Ott selbst, geradezu in Dogma-Manier live aus dem Kamera-Off. Es sind eigentlich keine Kommentare sondern Otts ins Unreine gesprochene Fragen, kleine Hinweise und Anweisungen, die jede andere Doku dem seriösen Anschein geopfert hätte. Hier sorgen sie für ein Extra an Authentizität, und tapfer exerzierte Selbstironie.

    Es ist eben meistens nicht die Form, die den Unterschied macht, sondern die Haltung, mit der man sich dieser Form bedient. Da wackelt manchmal die Kamera, als hätte Ott vergessen, sie auszuschalten. Die Orte der Interviews scheinen bisweilen nach den Kriterien lautest möglicher Nebengeräusche und möglichst ungünstiger Lichtverhältnisse gewählt zu sein. So nimmt die Video-Kamera im Nachtsichtmodus wohl Fabsi Fabian in einer dunklen Clubecke auf. Er gibt anekdotisch zum Besten, dass »Am Tag als Thomas Anders starb« sicher in die Charts gekommen wäre, wenn sich die Produktion der Single nicht durch das eigenhändige Aufkleben der »100% Hippie-Scheiße«-Sticker eklatant verlangsamt hätte. Er schreit fast in die Kamera, denn im Hintergrund dröhnt ein Konzert.
 
    Mit solchen, sehr atmosphärischen Kniffen wird der Zuschauer, ganz im Sinne nicht stattfindender Einfühlung, weniger zur Identifikation mit dem Objekt der Bebachtung angeregt, sondern zum Beobachter selbst, quasi zum Teil von Otts Team, das in der Regel lediglich aus ihm selbst, seiner Kamera und einem Mikro bestanden haben dürfte. Weder Anmut noch Mühe wurden hingegen bei den aktuellen Interviews mit Ted Gaier und Schorsch Kamerun gescheut, die ein ergrauter Herr namens Eckart Holl in bravouröser Doppelrolle auf billigen Gartenmöbeln vom Blatt liest. Das erinnert nicht von Ungefähr an jene dekonstruktivistische Gastmoderation von Fast Forward, bei der die leibhaftigen Herren Gaier und Kamerun mit Melissa Logan ein Interview vom Blatt lasen, das Benjamin von Stuckrad-Barre mit Herbert Grönemeyer geführt hatte. (Siehe Bonusscheibe der »Material«-DVD-Edition, auf der sich auch andere allerliebste TV-Schnipsel, Live-Mitschnitte und Videos zum Hauptfilm verhalten, wie eine Werkausgabe zur gesammelten Sekundärliteratur).

    Die möglicherweise größte Leistung von »Übriggebliebene ausgereifte Haltungen« ist aber, dass Ott während seiner chronologisch gehaltenen Reise durch 24 Jahre Band- und Landgeschichte immer wieder flashartig vorgreift auf die Gegenwart, in der im Studio an neuem Zitronen-Material gearbeitet wird. So entgeht er elegant jeder Abgestandenheit und retrospektiven Besserwisserei und macht klar: Die Zitronen wachsen weiter.

LABEL: Buback

VERTRIEB: Indigo

VÖ: 07.11.2008

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