Die Goldenen Zitronen »Flogging A Dead Frog« / Review

Den Zitronen geht es offenbar um eine Neupositionierung ihrer selbst. Das ist nachvollziehbar nach all den Jahren, andererseits ist ihnen der Schritt vom Funpunk zum Diskurs-Antirock doch beispiellos gelungen – oder?

Dass sein Zeug immer psychedelischer klänge, je älter er werde, sagte Helge Schneider in einem Interview anlässlich seines 60. Geburtstags. Auch wenn man sich etwas verrenken muss, um weitere Parallelen zwischen Schneider und den Goldenen Zitronen zu finden (obwohl …), kann man den Hang zur Psychedelik bei den Zitronen ebenfalls seit einer Weile beobachten. Vor allem bei Liveauftritten, wenn sie ihre silberfarbenen Magierumhänge schwingen und sich in ausschweifendem Krautgedaddel verlieren, während sich im Publikum garantiert ein minderjähriger Bierdosenpunk blamiert und nach »Für immer Punk« verlangt, was bei der Band verlässlich für schlechte Laune sorgt. Aber das ist eine tausendmal erzählte Geschichte.

Neu ist dagegen, dass die Goldenen Zitronen im 32. Jahr ihres Bestehens und nach elf Studioalben mit Flogging A Dead Frog eine Platte veröffentlichen, die kein Best-of ist und keine Werkschau, aber auch kein Album mit ausschließlich neuen Songs. Den Zitronen geht es offenbar um eine Neupositionierung ihrer selbst. Das ist nachvollziehbar nach all den Jahren, andererseits ist ihnen der Schritt vom Funpunk zum Diskurs-Antirock doch beispiellos gelungen – oder? Aber es ist nur zu begrüßen, wenn Selbstzweifel statt Großkotzigkeit das Selbstverständnis einer Band prägen.

Auf Flogging A Dead Frog sind englischsprachige Neubearbeitungen wichtiger Songs zu hören, etwa »If I Were A Sneaker«, das in sozusagen internationalem Gewand und zum jetzigen Zeitpunkt nochmals an Brisanz und Bedeutung gewinnt. »Fan Without Fan« identifiziert man erst allmählich als Modifikation von »Wer hier« vom jüngsten Album Who’s Bad. Die Band spielt mit ihrem eigenen Material, hat aber spürbar am meisten Spaß an den rein instrumentalen Stücken, die zeigen, dass die Zitronen mehr waren und sind als Produzenten politischer Parolen. Die mit ihnen gealterten Fans werden über die entfesselte Psychedelisierung und Krautisierung staunen, just listen to »Cause I’m Freezing« or »The Investor«. Tune in und drop out oder so.

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