Die Geträumten – Filmfeature zum Kinostart

Jetzt rauchen, bitte: Laurence Rupp und Anja Plaschg - Filmstill aus Die Geträumten

Ingeborg Bachmann und Paul Celan kämpften mit Worten um ihre Liebe. Aus ihren Briefen hat die österreichische Regisseurin Ruth Beckermann nun einen Film gemacht. Darin tasten sich Anja Plaschg und Laurence Rupp mit zarter Unsicherheit heran an die Geschichte eines verunmöglichten Paars.

„Bete drum, daß wir die Worte finden“, schreibt Ingeborg Bachmann im November 1959 in einem Brief an Paul Celan. Und schickt per Telegramm hinterher: „Lass uns die Worte finden.“ Wie die Liebe ist auch die Sprache keine leichte Sache für die beiden Lyriker, deren Biografien so schwer miteinander verträglich sind – Bachmann, die Tochter eines frühen österreichischen NSDAP-Mitglieds, Celan, ein Jude aus Czernowitz, der seine Eltern in einem Konzentrationslager verlor. Der fast 20 Jahre umfassende Briefwechsel (1948–1967, unter dem Titel Herzzeit bei Suhrkamp erschienen) des bis auf zwei kurze Liebesphasen verunmöglichten Paares ist schmerzhaft zu lesen: immer heftig im Ton, dabei abwechselnd sehnsüchtig, glückselig, zweifelnd, vorwurfsvoll, bitter.

In Ruth Beckermanns Film Die Geträumten trifft das Paar Bachmann/Celan auf ein anderes, gegenwärtiges. Im Wiener Funkhaus lesen die Musikerin Anja Plaschg alias Soap&Skin und der Schauspieler Laurence Rupp aus der Korrespondenz vor. Die ruhige, wie mit dem Text atmende Kamera ist mal ganz nah dran an den Gesichtern, die sprechend oder zuhörend gezeigt werden: Man registriert jede Regung, jeden feuchten Schimmer in den Augen. In den Totalen treten die Schauspieler mit dem Raum in Beziehung, die Aufmerksamkeit verlagert sich von der Beschreibung einer radikalen Binnensicht zum Dialogischen.

diegetrn%cc%83umten_filmstills_4

Ruth Beckermann verschränkt in ihrem Film unterschiedlichste Ebenen: die Erzählung einer komplizierten Liebe und Freundschaft, den Blick auf das Sprachmaterial, seine Präsenz, seinen Klang und das Dokument der Vortragssituation selbst – einschließlich seines Making-ofs. So sieht man in den Aufnahmepausen Plaschg und Rupp rauchen, in eine Orchesterprobe schleichen und über die Motive eines nicht abgeschickten Briefes reflektieren.

Nicht zuletzt ist Die Geträumten auch ein Film über verschiedene Weisen des Textzugangs: Rupp schauspielert beim Lesen, Plaschg wirkt mitunter fast durchlässig für die Briefe. Sie lässt sich mitreißen und umhauen, manchmal ist es ihr auch zu viel: »Jetzt aufhören, bitte.«

Die Geträumten
Österreich 2016
Regie: Ruth Beckermann
Mit Anja Plaschg, Laurence Rupp u. a.

Dieser Beitrag ist wie viele weitere Musik- und Filmfeatures in SPEX No. 371 erschienen. Hier geht’s zum Heft, das versandkostenfrei online bestellt werden kann.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.