Die Gegenkultur tanzen – erste Edition des Balance Festival for Club Culture / Feature

Umfang

Utopie? Ein neues Festival in Leipzig stellt die Frage nach widerständigen Potenzialen der Clubkultur. Balance Festival for Club Culture will mit einem diversen Programm aus Club, Konzerten und Diskussion abseits der repetitiven Schleife der Musikindustrie überzeugen und mit Artists wie Aïsha Devi, Atom™, Umfang, Schwefelgelb, DJ Stingray, Rui Ho, Ikonika oder Shygirl genreübergreifend und fernab des kommerzialisierten Mainstreams die Möglichkeiten zeitgenössischer Clubmusik aufzeigen. Ein Blick voraus und viele Stimmen.

Es wäre ein Fehler, so zu tun, als sei Rave emotionslos, schrieb vor wenigen Jahren der Kulturtheoretiker Mark Fisher in seinem Roman Gespenster meines Lebens, in dem er dem Zerfall der modernen Kulturindustrie nachspürte. „Rave ist eine Musik voller Affekte“, so Fisher. „Ohne dass diese mit romantischen Gefühlen oder Introspektion verknüpft wären.“ Nun ist Rave zwar nicht das einzige Genre, mit der das Balance Festival for Club Culture in wenigen Tagen in Leipzig an den Start geht. Doch es ist ein ähnlicher Referenzrahmen, in dem probiert wird, Affekte zu generieren, die eine Auswirkung haben: Der Club als Raum subversiver Gegenentwürfe.

Wenn es nun heißt, dass es in Leipzig ein neues Festival gibt, dann könnte man sich ohne viel Aufwand an dem popkulturellen Vokabular der Feuilletons und Kulturseiten deutscher wie internationaler Tageszeitungen und Magazine bedienen. Ganz unironisch könnte man vom allseits gepriesenen Hype um die Stadt und ihre Subkultur sprechen, dabei das immerwährende Hypezig-Wortspiel bis zur Unendlichkeit weiterspinnen und dabei nebenbei noch erwähnen, dass die Stadt das neue Berlin ist – oder vielmehr so, wie Berlin in den Neunzigern – mit Freiraum, Underground, Techno.

„Moderne Clubkultur ist eine Brutstätte neuer Ideen. Sie bietet das Potenzial für sozialen Wandel einer ganzen Gesellschaft.“
Kyle van Horn

So simpel diese Erzählung ist, so weit läuft sie am Status Quo vorbei. Das Balance Festival for Club Culture will in seiner ersten Edition vom 31. Mai bis 3. Juni 2018 jedoch genau hier anknüpfen. Ausgangspunkt: Clubkultur ist zunehmend zu einem hoch referenziellen und definierten sozialen Bezugspunkt für Massenkultur insgesamt geworden. Wenn man von der These eines kulturellen Erschöpfungssyndroms durch eine zunehmende Kapitalisierung der Musikindustrie Mark Fishers ausgeht, dann ist das Festival gewissermaßen der Versuch, aus dieser repetitiven Schleife, sich in den letzten Jahren zwischen Trompetentechno und Airhorn-EDM bewegte, auszubrechen. 

Mit Artists wie Aïsha Devi, Atom™, Umfang, Schwefelgelb, DJ Stingray, Rui Ho oder Shygirl bietet das Programm in seiner Ganzheit aus Clubnächten, Artist Talks, Ausstellungen und Konzerten eine Alternative zum Techno-Kapitalismus, bei dem Ibiza als Marktplatz fungiert und eine Gage als Jahresgehalt ausreicht. An vier Tagen wird in unterschiedlichen Spielstätten Leipzigs ein Programm präsentiert, das nicht nur einen Mix aus moderner Clubmusik, experimentellen Genrebreaks und eindrucksvollen Live-Acts bietet, sondern mit diversen Talks, die sich mit der Wechselwirkung zwischen Clubkultur und Gesellschaft beschäftigen, auch kluge Debatten forciert und dem Ganzen durch die Ausstellung I Dance Alone des serbischen Künstlers Bogomir Doringer eine ästhetische Rahmung gibt.

I Dance Alone / Foto: Bogomir Doringer

Clubkultur als Gegenkultur zur Normgesellschaft

 „Klar gibt es auch andere Festivals, die sich auf Clubkultur fokussieren“, sagt Xaver Thiem. Er ist einer derjenigen, die das Festivalkonzept entwickelt haben. „Da geht es aber meistens vor allem um Party“, meint er weiter. „Darüber wollen wir hinausgehen und auch inhaltlich die Fülle an Clubkultur aufzeigen, die weitaus mehr als Techno ist und unterschiedliche Werte transportiert.“ Als Mitbegründer des kollektiv organisierten Institut fuer Zukunft kommt er aus einer Szene, die von DIY und der Suche nach alternativen Gesellschaftskonzepten geprägt ist. „Der Club als sozialer Ort ist für mich immer die Suche nach dem Unbekannten, dem Anderen, dem Neuen gewesen. Ob musikalisch mit nicht kategorisierbaren Künstlern und Künstlerinnen oder sozial mit Menschen, ob in Situationen oder Momenten“, sagt er.

Gemeinsam mit dem Booker Jordan Davidson und dem Kurator Kyle van Horn hat Thiem das Konzept über zwei Jahre hinweg entwickelt. In diesen zwei Jahren veranstalteten sie mehrere Prolog-Events, bei denen sie Kollektive aus Prag, Kopenhagen, Großbritannien, Portugal und Kiev, die eine ähnliche Philosophie von Clubkultur verfolgen und musikalisch wie organisatorisch mit ähnlichen Ideen in die Gesellschaft wirken zu Showcases im Institut fuer Zukunft einluden. Auch Davidson und van Horn kommen aus einem clubkulturellen Kontext, der vor allem davon geprägt ist, gemeinschaftlich eigene Ideen umzusetzen. Alle drei haben bereits viel Erfahrung in der Organisation von Events – Davidson als Begründer der schwulen Partyreihe Herrensauna, van Horn als Kurator der Reihe Cry Baby für Contemporary Club Music und Thiem als Host der queer- und female-focused-Reihe LEVEL im Institut fuer Zukunft.

Mit Balance wurde gewissermaßen ein Konzept geschaffen, das die Manifestation der Suche nach dem utopischen Potenzial von Clubkultur bietet. „Moderne Clubkultur ist eine Brutstätte neuer Ideen und Verhaltensweisen, die sich aus einer Gegenkultur entwickeln. Sie bietet das Potenzial für sozialen Wandel einer ganzen Gesellschaft“, sagt Kyle van Horn. „Der Anspruch war schon immer ein anderes Konzept von Gesellschaft. Auf die ein oder andere Art und Weise haben wir das in der Clubkultur als Raum des freien Ausdrucks und einem Ausleben von temporärer Utopie gefunden“, ergänzt Thiem. „Das sind kleine Lichtblicke, die zeigen, dass es auch anders geht als die Durchflexibilisierung und Selbstdisziplinierung der Kulturindustrie es vormacht. Dass es ein solidarisches Miteinander geben kann.“ Nicht zuletzt deshalb ist es dezidiertes Ziel des Festivals, einen Gegenentwurf zu kommerzieller Clubkultur zu kreieren und so Räume zu schaffen, in denen Menschen sich gemeinsam ausprobieren, Normen umdefiniert werden und Ideen erwachsen können.

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