Die durch die Hölle gehen

In seinem bravourösen Regiedebüt »13 Tzameti« imaginiert der georgisch-französische Regisseur Géla Babluani den Kampf der Klassen in seiner brutalstmöglichen Zuspitzung als organisiertes russisches Roulette. Der Wert des Lebens wird als letztes Kapital der Besitzlosen zum Spekulationsobjekt eines unheimlichen Marktes.

13 Tzameti Szenenbilder
Im Kreis aufgestellt, hält jeder seinem Vordermann die gespannte Waffe an den Hinterkopf. Alle starren in die Mitte, auf eine nackte Glühbirne. In ruhiger Fahrt zirkelt die Kamera aus dem Inneren des Kreises langsam die Todeskandidaten ab.

Szenenbilder: © 2009 ATMEDIEN

Der Film ist in Schwarzweiß, er spielt im französischen Nirgendwo, also eigentlich überall, wo man mit Euros bezahlen kann. Männer mit Migrationshintergrund flüstern tonlos, als sprächen sie nur mit sich selbst. Eine Frau erhebt die Stimme. Aber ihr Ruf ist von jener fast hysterischen Färbung, die klarstellt: Ich glaube nicht mehr an die Wirkung meiner Worte, eure Lethargie ist auch die meine, denn hier wird sich nie etwas ändern, an diesem trostlosen Ort, an unserer Armut, an meinem Leben. Da wundert es kaum, dass der einzige Mann, von dem es hieß, er hätte eine Arbeit in Aussicht, noch dazu eine gut bezahlte, tot in der Badewanne liegt. Der junge Sébastien (George Babluani) übernimmt den Job des Toten, und schon befindet er sich in einem albtraumhaften Szenarium, Widerstand zwecklos. Er ist der letzte von 13 Männern, allesamt Spielfi guren in einem improvisierten Casino. In einem nach strengen Regeln so akkurat wie pervers vollzogenen Ritual drehen die 13 an ihren Revolvern. Das Geräusch mischt sich mit dem Rattern der Geldzählmaschine aus dem Nebenraum, wo die Wetten entgegengenommen werden. Im Kreis aufgestellt, hält jeder seinem Vordermann die gespannte Waffe an den Hinterkopf. Alle starren in die Mitte, auf eine nackte Glühbirne. In ruhiger Fahrt zirkelt die Kamera aus dem Inneren des Kreises langsam die Todeskandidaten ab. Gegenschnitt. Das Licht wird umkreist, leuchtet auf. Schüsse fallen, Körper gehen zu Boden. Sébastien hat nicht abgedrückt, zögert beim ersten Mal noch. Er wird sich dran gewöhnen.

    25 Jahre jung war Géla Babluani, als er vor vier Jahren »13 Tzameti«, seinen ersten Langfilm drehte. ›Tzameti‹ heißt in der Sprache von Babluanis Eltern und seiner eigenen Jugend nichts anderes als ›13‹. Die Familie zog Ende der neunziger Jahre aus dem politisch instabilen Georgien nach Paris. Babluani fühlte sich von »einem Ort der Gewalt« in die »so genannte Zivilisation« geworfen. Zwei Jahre später begann er, sein kulturelles Wechselbad in Form eines Drehbuchs aufzuschreiben. Der Film und die Familie als Konstante: George Babluani, der Hauptdarsteller von »13 Tzameti«, ist der jüngere Bruder des Regisseurs. Und ihr gemeinsamer Vater Temur war schon zu Sowjetzeiten ein populärer Schauspieler, ist heute Autorenfilmer und wurde als Produzent 1996 für den Oscar nominiert.

    Die Protagonisten, Orte und Handlungen von »13 Tzameti« schlagen eine Brücke zwischen der Melancholie des charakteristischver zweifelten osteuropäischen Kinos der Nachwende und der Ästhetik des französischen Kunst kinos. Doch eine weitere Parallele drängt sich auf: 2005, also zeitgleich mit Babluani, hat Eli Roth in seinem von Quentin Tarantino koproduziertem Horrorfilm »Hostel« einen Ort des Grauens im ehemaligen sozialistischen Feindesland, der heutigen Slowakei angesiedelt. In diesem quasi rechtsfreien Raum wurden ahnungslose, betont hedonistische Backpacker aus dem Westen gekidnappt, um von solventen Sadisten nach Lust und Laune zu Tode gefoltert zu werden.

    Aus Roths »Hostel« führt nur die übliche Heldendramaturgie. Dagegen fasziniert, wie Babluani den Zuschauer gnadenlos ins Innere seiner cleveren Filmkonstruktion zwingt. Während die dreizehn Akteure mit jeder Rouletterunde dezimiert werden, verwandelt sich die zugespitzte faschismuskritische Metapher in eine konkrete Situation persönlicher Verantwortung: Am Ende stehen sich nur noch zwei Überlebende im Duell gegenüber. Ob Sébastien, der als einziger menschliche Regungen zeigt, diese kontrolliert einsetzt, um sich einen Vorteil zu verschaffen, oder ihnen ausgeliefert ist, ob er vom Spiel für seine Intelligenz oder für seine Schwäche belohnt wird, bleibt offen. Als Held wird er diesen Film jedoch mit Sicherheit nicht verlassen.

»13 Tzameti« Frankreich 2005, Regie: Géla Babluani, mit Georg Babluani, Pascal Bongard, Aurélien Recoing, u. a. 90 Min, DVD (ATMedien / Al!ve) VÖ: 21. Mai

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