In Ihrem Panel bei 100 Jahre Copyright sprechen Sie über jamaikanische Soundsysteme und marginalisierte Gemeinden, die ein grundlegend anderes Verständnis von Copyright haben als die westliche Welt. Was macht die Unterschiede so fundamental?
Europa hat nicht mehr Regeln oder Jamaika weniger, aber in Europa wird eher auf formelles Recht gesetzt, sichtbar für Außenseiter und durchgesetzt vom Staat oder der Technologie. Es stimmt aber, dass jamaikanische Popmusik ganz anders geregelt wird als die in Europa. Jamaikanische Popmusik misst der Zirkulation von musikalischen Elementen einen viel größeren Wert bei: Rhythmen, Basslinien, Samples, Phrasierungen. Das sind Dinge, die formelles Recht regulieren würde. In diesem Prozess kommt dann immer Geld ins Spiel. In jamaikanischer Popmusik hatte niemals jemand den Gedanken, dass es nötig und möglich sei, die Wiederverwendung von Musik zu regulieren oder zu limitieren. Nicht der kreative Prozess hatte einen dekolonialisierenden Effekt, sondern die generelle Abgrenzung in der Art, wie sie Musik machen. Statt stumpf Geld einzutreiben, stellten Sänger_innen sich dort selbst zur Verfügung, um specials und jingles aufzunehmen – persönliche Performances auf Nachfrage. Musiker_innen und Produzenten_innen kontrollierten ihre Instrumente und Skills oder Studios selbst. Anstatt also ein Copyright zu besitzen, bekamen sie Geld für’s Spielen. Die weitere Zirkulation ihres Materials ließ sie dann ihre Raten erhöhen. Jamaikanische Popmusik ist in ihrer dekolonialisierenden und befreienden Wirkung also eher futuristisch als rückständig. Wir sollten dankbar dafür sein, dass ein solch freier Markt noch besteht und Bemühungen antreiben, diesen mit sinnvollem Copyright noch besser zu machen.

Wenn in der Produktion so viel über Urheberrecht und formelles Gesetz nachgedacht werden muss, ist dann der Live-Auftritt nicht in einer Art totale Autonomie?
Totale Autonomie ist wohl nie möglich. Und wenn, dann kommt sie von einer gesunden Beziehung zu anderen Leuten, dem eigenen Körper, einer ausreichenden Versorgung mit Ressourcen und einer physischen Sicherheit, einem leben ohne Angst. Manche Performer_innen fühlen sich sicher sehr frei, wenn sie auftreten und das Gefühl ist sehr wichtig. Wenn ich als DJ auftrete, fühle ich mich in den besten Momenten auch befreit. Nicht weil ich allein bin, sondern weil ich im wunderbaren wortlosen Dialog mit tanzenden Leuten stehe und weil ich sie kenne und von ihnen gekannt werde. Das ist aber dann sehr fragil. Ein schleimiger Promoter, Polizisten, die die Party sprengen, eine fehlende Verbindung mit uns den Besucher_innen und schon ist diese Stimmung weg. Auch wenn live manchmal die Lasten abzufallen scheinen, die bei der Aufnahme bestehen, befinden sich Künstler_innen auch bei einer Performance unter großem Druck.

bis jetzt konnte mir niemand auch nur einen Beweis vorlegen, dass home taping der Musik wirklich geschadet hätte.

Mit dem Internet hat sich eine ganz neue Ebene, eine neue riesige Gemeinschaft in die Welt des Copyrights eingeschlichen. Nun ist es auf den ersten Blick schwierig festzustellen, ob das Regulierungen effektiver oder noch unmöglicher macht. Wie sieht es in der Realität aus?
Das Internet und Netzwerkgemeinschaften haben der Regierung und Unternehmen die Macht gegeben, noch strenger zu regulieren. Früher konnte niemand sehen, welchen Song du wie lang hörst, ob du ihn kopierst oder einem Freund schickst. Plattenfirmen haben damit geworben, dass home taping die Musik töte, die Werbung in Magazine gepackt und gehofft, dass Leute davon beeinflusst würden. Aber sie konnten sich nicht das Regal jeder Person anschauen und sie beobachten, während sie Musik hört. Jetzt kann so ein Verhalten in Echtzeit überwacht werden, zu Hause und in Gemeinschaften. Ich möchte nicht, dass der Staat uns immer sehen kann und wir so denken müssen, wie ein Unternehmen, um zu überleben. Und bis jetzt konnte mir niemand auch nur einen Beweis vorlegen, dass home taping der Musik wirklich geschadet hätte.

Und wie sieht dann die Perspektive für Copyright aus in einer digitalisierten Welt?
Ich glaube, die Digitalisierung hat ein neues Licht auf eine alte Wahrheit geworfen. Copyright ist für die meisten Leute von geringem Wert, besonders für machtlose Menschen. Wenn Leute sich organisieren, können sie einen größeren Einfluss darauf nehmen, was mit ihrer Musik passiert. Gegen gut organisierte Unternehmen haben sie dann aber trotzdem wenige Chancen. Ich finde es toll, wenn Künstler_innen von ihrer Kunst leben können. Aber ich bin auch davon überzeugt, dass ein systematischer Wandel dazu führen könnte, dass mehr Künstler_innen von ihrer Kunst leben könnten. Im Endeffekt sollten Künstler_innen ja nicht vom Copyright abhängig sein, um Leben zu können. Genau so wenig wie Minenarbeiter_innen, Lehrer_innen oder Flüchtende das sein sollten. Copyright kann ein paar Künstler_innen materiell bereichern, aber wenn sich die Platten nicht gut genug verkaufen, rettet das auch niemanden. Künstler_innen dürfen ihr Leiden nicht als separat betrachten, sie müssen sich für generelle Arbeits- und Sozialrechte engagieren, dann ist auch die Stimme lauter, das Kollektiv größer. Natürlich gibt es Sorgen, die Künstler_innen eher haben. Wenn es um Missbrauch von kreativem Eigentum, um credits geht, dann können Teile des Copyrights da sicher hilfreich sein. Urheberrecht bevorteilt häufig Männer und lässt Frauen, auch aus oben genannten Gründen, außen vor. Interessant wäre es, wenn der Gender-Begriff eine ähnliche Liberalisierung erfahren würde wie die Popmusik der kolonialisierten Gemeinschaften. Das könnte unser Verständnis der Zukunft der Musik nachhaltig verändern – und uns als große Gemeinschaft näher an einen gesunden Status quo heranbringen.

100 Jahre Copyright
18. – 21-10. Berlin – HKW

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