“Die Digitalisierung hat ein neues Licht auf eine alte Wahrheit geworfen” – DJ Ripley im Interview zu 100 Jahre Copyright im HKW

Der Versuch, Copyright zu definieren und seinen tatsächlichen Nutzen herauszufinden, ähnelt dem Öffnen der Büchse der Pandora. Zwischen Industrie und Selbstschutz, kommerzieller Abhängigkeit und gemeinschaftlicher Liberalisierung sind Diskussionen programmiert. So auch bei bei 100 Jahre Copyright, einer Veranstaltung, die vom 18. bis zum 21. Oktober im HKW den Begriff des Urheberrechts in die Gegenwart holen will. SPEX sprach mit Prof. Larisa Kingston Mann, die als DJ Ripley auflegt und beim Event sowohl musikalisch als auch diskursiv auftreten wird.  

Larisa Kingston Mann lehrt an der Temple University in Philadelphia, beschäftigt sich in ihrer Forschung besonders mit marginalisierten Gemeinschaften und der damit verbundenen autonomen Entwicklung einer kulturellen und kunstschaffenden Identität.

Hallo Frau Mann. Lassen Sie uns direkt in die Vollen gehen: Was ist Copyright? Was soll Copyright erreichen, und was war der ursprüngliche Nutzen?
Wow, die großen Fragen gleich zu Beginn! Die Antwort darauf hängt stark vom Land oder der Region ab, weil die Geschichte des Copyrights sich überall anders vollzog. An manchen Orten stand die Schriftstellerei im Mittelpunkt von Urheberrecht. Besitztum und Autorenschaft hängen dort sehr eng zusammen. In Frankreich zum Beispiel ist Copyright das „Recht des_der Autoren_Autorin“. In den USA schreibt die Verfassung Urheberrecht als etwas vor, das Fortschritt fördert, ordnet das Recht der Autor_innen unter dem möglichen Fortschritt an. In beiden Fällen, und es gibt selbstverständlich noch mehr, qualifizieren sich nur bestimmte (Kunst)schaffende als Autor_innen, was einen Einfluss darauf hat, wer von Urheberrecht profitieren kann. Bei der ganzen Diskussion darüber, was der theoretische Nutzen eines Rechts ist, sollte man aber nie aus den Augen verlieren, wie es wirklich durchgesetzt wird. Wir sollten einen Blick darauf werfen, wo Copyright gut oder schlecht funktioniert hat. Modernes Copyright dient zu oft nicht den armen Leuten, nicht kolonisierten Menschen und nicht Frauen, sondern mächtigen Unternehmen. Es macht ja auch Sinn. In kolonisierten Ländern war Urheberrecht Teil eines Rechtssystems, das einzig und allein von der Kolonialmacht geschrieben wurde. Niemand schrieb Gesetze, um den versklavten Afrikanern und ihren Ahnen Macht oder Ressourcen zukommen zu lassen.

Es stört mich, wie über Gemeinschaftsgüter gesprochen wird, obwohl nicht alle sie gleichmäßig benutzen oder von ihnen profitieren können.

Ist Musik überhaupt etwas, auf das man einen Besitzanspruch erheben kann? Oder ist es als kommunales Gut zu betrachten?
Viele Leute erheben einen Besitzanspruch auf Musik. Interessant ist, wenn man sich das Ganze näher anschaut, dass nicht jede_r Eigentum gleich definiert. Manche Kunstschaffende haben kein Problem damit, wenn ihr Werk von anderen benutzt wird, erst recht wenn sie benannt werden und erkenntlich ist, dass sie der_die Urheber_in sind. Geistiges Eigentum kann auch eine ganz materielle Definiton haben. Wenn jemand ein Lager voller unveröffentlichter Aufnahmen hat, kann sie niemand kopieren, weil sie niemand kennt. Für mich lautet die Frage also: Wenn jemand geistiges Eigentum auf Musik beansprucht, was meint dieser jemand dann damit, welche Schäden versucht er damit abzuwenden?

Ob nur Schaden von sich selbst abgewendet werden soll, oder auch von einer Gemeinschaft? Ob zum Beispiel das Teilen unterbunden wird?
Zugang zu Musik und die gemeinschaftliche Erfahrung von Musik halte ich für sehr wichtig. Auch da die Frage: Was heißt Teilen wirklich, welche Schäden können dadurch entstehen oder sind dadurch abwendbar? Wenn reiche Menschen ihre Nahrung mit ärmeren Leuten teilen, geht es um Positivität und Ernährung. Was aber, wenn reiche Menschen sich an der Musik armer Menschen bereichern, sie teilen? Befreit das dann die armen Menschen? Ist Teilen dann gut? Ich wollte dem Kulturtourismus weißer, größtenteils reicher Leute nichts beisteuern, die denken, Freude an afrikanischer Kultur zu haben hätte irgendetwas mit altruistischem Teilen zu tun. Viele dieser Leute können nicht mal ein Visum bekommen, um nach Europa zu reisen, aber alle möchten ihre Musik hören. Der Tourismus von heterosexuellen Personen, die sich an Bildern queerer Sexualität bereichern, aber nichts zur liberalen Progressivierung von Gender und Sex beitragen. Wenn bei diesem Akt des Teilens nichts passiert, das die Bedürfnisse der unterdrückten Menschen betrifft, ist es dann überhaupt noch teilen? Es stört mich, wie über Gemeinschaftsgüter gesprochen wird, obwohl nicht alle sie gleichmäßig benutzen oder von ihnen profitieren können.

Wenn Copyright aber so individuell ist, kann es dann überhaupt institutionell funktionieren? Fehlt dann nicht immer die Nuance?
Was die produktiven Möglichkeiten von Regelungen angeht, bin ich sehr zynisch. Ich halte es für sicherer, auf übermäßige Regelungen eher zu verzichten, nicht zu spezifisch zu werden. Es erscheint mir sinniger, den Einfluss von Copyright zu verringern und besonders an den Bedürfnissen von armen Menschen und unterdrückten Minderheiten zu orientieren. Es muss Wege geben, Ungleichheiten in Musikverträgen und in der Gesellschaft anzugehen. Soziale Netze, offene Grenzen und bessere Arbeitsgesetze sind wichtig. Es wäre doch super, wenn der Staat die Macht von Unternehmen einschränken würde und Ressourcen umverteilt. Ich glaube, dass künstlerische Freiheit im Großen und Ganzen besser gefördert werden kann, wenn man soziale Probleme angeht, die alle daran hindern, groß zu denken.

HINTERLASSEN SIE EINE ANTWORT

Please enter your comment!
Please enter your name here

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.