Das Jahrzehnt ist fast vorbei, das Album so langsam aber sicher tot. Bevor es soweit ist, gehen wir aber noch einmal all in: Hier sind sie, die 200 SPEX-Alben der letzten Dekade. Heute: Platz 50 bis 21.

Die Plätze 200-151 sind hier zu finden, zu den Plätzen 150-101 geht es hier. Und die Alben Nr. 100 bis 51 liegen hinter diesem Klick.

50. Future DS2 (Epic), 2015

Mit DS2 schwor Future seinen frühen Pop-Versuchen ab – und wurde damit zum Megastar. Allerdings zu einem der ersten, die ungeschönt vertonten, was in den USA aus Jahrzehnten erwachsen ist: Eine nihilistische Generation, die nicht mehr von einer besseren Welt träumen kann und will. Und die reale nur sediert erträgt: „Percocet, Molly, Percocet”. (dp)

Reinhören: Thought It Was A Drought

49. Janelle Monáe The ArchAndroid (Bad Boy), 2010

Janelle Monáe tritt auf The ArchAndroid als messianische Schwarze Superheldin der Zukunft die Tür zu einem neuen und hoffentlich besseren Jahrzehnt ein. Den musikalischen Ritt durch diverse Genres zelebriert sie als neuer Pop-Star des Black Female Empowerment. (jh)

Reinschauen: Cold War

48. Caterina Barbieri Ecstatic Computation (Editions Mego), 2019

Es war ein Hardware-Jahrzehnt, eine Analogdekade – trotz oder besser noch gerade weil sich alles andere sonst im Stream auflöste. Modular-Synthesizer wurden zu Kult- und Fetischobjekten, mit denen ziemlich viele Menschen sehr, sehr vielen Krach produzierten. Nur selten kam gute Musik dabei heraus. Anders bei Caterina Barbieri, die mit Ecstatic Computation Überlegungen zu Technologie und Spiritualität verknüpfte, vor allem aber: komponierte, komponierte, komponierte. Auch wenn die Formstrenge über die ganzen Trance-Momente nie in den Vordergrund gerät, versteht sich, und die erlösende Kickdrum nie einsetzt. Ein Meisterwerk, voller sich ständig neu kalibrierender Suspense. (kc)

Reinhören: Fantas

47. Skepta Konnichiwa (Boy Better Know), 2016

Ich muss hier echt jede verdammte Grime-Platte besprechen, oder? Nun gut. 2016 kloppte Skepta die Gucci-Leibchen zugunsten des bewährten schwarzen Trainingsanzugs in die bin und rappte fortan wieder zu staubtrockenen Biiiep-Bööööp-Didelüüü-Beats über die bittere Realität auf den Straßen des Vereinigten Königreichs. Eine Neuerfindung, die für die britische Szene mindestens so wichtig war wie für ihn selbst. (dp)

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Reinschauen: Man

46. Equiknoxx Colón Man (DDS), 2017

Von „Despacito“ hin zu, urgs, Tropical House und Ed Sheeran: Der Sound des Jahrzehnts wurde von Reggaeton und Dancehall geprägt. Hörbar wurde das aber weitgehend im Blockbuster-Bereich oder in den Sets von DJs, deren Aktivitäten in der Kategorie Deconstructed Club Music verschubladet wurden. Equiknoxx allerdings wurden im Underground zum breiten Konsens. Drei Alben legte das jamaikanische Kollektiv um Gavsborg und Time Cow vor und eines war geiler als das andere. Am geilsten aber war unbestritten Colón Man. Dubbig, witzig, tanzbar, Industrial-affin genug für die bleiche Kellercrowd: Noch bevor Equiknoxx mit Eternal Children endgültig mit Every-und-Anything-Goes-Crossover den Schulterschluss selbst mit Pop suchten, bot ihre zweite LP schon mehr als die Diskografien der meisten anderen. (kc)

Reinschören: Waterfalls In Ocho Rios

45. Courtney Barnett Sometimes I Sit And Think, And Sometimes I Just Sit (Milk!), 2015

Dank Courtney Barnett kann Musikerin mittlerweile Slackerattitüde mit gesellschaftskritischen Texten kombinieren. Danke dafür! (jh)

Zum SPEX-Feature oder zum SPEX-Gespräch mit Laura Marling

Reinschauen: Pedestrian At Best

44. Yves Tumor Serpent Music (PAN), 2016

Erst machte er Schlangenmusik, häutete sich einmal, gospelte auf Ambient-Sounds, warf noch eine Epidermis ab und kam schließlich bei Britpop an: Yves Tumors Karriere ist … speziell, aber er selbst wohl deswegen die perfekte Allegorie für ein Jahrzehnt, in dem Ready-Made-Funk-Klangtapeten, Post-Punk, Björk im China-Restaurant und Techno mit Wisper-Vocals keine Gegensätze darstellten, sondern nahezu verpflichtend zusammengedacht wurden. Und weil Sean Bowie einer der ersten war, die das kapiert hatten, ist Serpent Music heute noch ein großes Werk. (kc)

Reinhören: The Feeling When You Walk Away

43. Dean Blunt Black Metal (Rough Trade), 2014

Der Scam regierte und niemand scammte besser als Dean Blunt. Ob im Verband mit Inga Copeland alias Lolina unter dem Namen Hype Williams oder als Teil von beziehungsweise unter dem Namen Babyfather: Was auch immer Blunt auch tat, rief Verunsicherung hervor. Meint der das Pink-Floyd-Sample ernst? Die abgedunkelten Drum’n’Bass-Shows, bei denen es nicht sicher ist, ob er da wirklich auf der Bühne steht oder ob das überhaupt seine Musik ist? Sein surreales Trickstertum perfektionierte Blunt auf The Redeemer und noch konziser auf Black Metal. Unaufrichtige Musik ging niemals näher als hier. (kc)

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Reinhören: 50 Cent

42. Run The Jewels Run The Jewels 2 (Mass Appeal), 2014

Auch mal genug von dem ganzen Mist? El-P und Killer Mike haben da eine Idee: Alle Regler auf Stufe zwölf, Anschnallgurte ausbauen und einfach mal durch elf Songs bleifußen, die allesamt durchgehen wie ein Golf auf Kerosin. Nein, furioser war kein Rap-Album in diesem Jahrzehnt. Disclaimer: nichts für fuckboys. (dp)

Reinschauen: Close Your Eyes (And Count To F**k) (feat. Zack de la Rocha)

41. Jenny Hval Apocalypse, girl (Sacred Bones), 2015

„You say I’m free now, that battle is over, and feminism is over and socialism’s over. Yeah, I say I can consume what I want now!“ Mit ihrem Album Apocalypse, girl feierte Jenny Hval nicht nur den internationalen Durchbruch, sondern auch ihr Debüt als Teilzeitprophetin. Kurzer Rewind: 2015 schien die Welt noch in Ordnung, nur ihr nicht. Auf Albumlänge ließ Hval deshalb das Kleinteilige hinter sich und widmet sich den ganz großen Themen, darunter auch der kulturellen Hegemonie des kapitalistischen Realismus und seiner Tendenz, komplett ins Surreale und Endzeitliche abzudriften. Kein Einknicken vor dem drohenden Untergang indes. Sondern das, was eine Apokalypse laut Wörterbuch in ihrer Nebenbedeutung auch ist: eine Offenbarung. (kc)

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Reinschauen: That Battle Is Over

40. CocoRosie Grey Oceans (Sub Pop), 2010

Können wir uns bitte darauf einigen, im neuen Jahrzehnt alle Formulierungen wie „feenhaft“, „elfengleich“ und das ganze gottverdammt sexistische Manic-Pixie-Dreamgirl-Trope zur Beschreibung von Musik wie der von CocoRosie ein für allemal in den journalistischen Giftschrank zu sperren? Danke. (jd)

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Reinschauen: Lemonade

39. Drake Nothing Was The Same (Cash Money), 2013

Uff, zack. Uff, zack. Uff, zack. „Just hold on, we’re going home / Just hold on, we’re going home / It’s hard to do these things alone / Just hold on, we’re going home“. Uff, zack. Uff, zack. Uff, zack. Und das Jahrzehnt gehörte Drake. (jd)

Reinschauen: Too Much (feat. Sampha)

38. Savages Silence Yourself (Matador), 2013

Der spröde Funk von Gang Of Four, die weltabgewandten Gesten Joy Divisions, die manische Dramatik Suicides und die Goth-Euphorie von Siouxsie und ihren Banshees: Vom Typografie-Porn auf dem Cover hin zu jedem einzelnen Snare-Sound trug alles, wirklich jede kleinste Kleinigkeit, an Silence Yourself kompensiertes cooles Wissen in sich. Savages taten einfach so, als hätte nie jemand das Internet erfunden oder zumindest Simon Reynolds nie Retromania geschrieben und fuck, es hat funktioniert. Und warum? Weil es bei guter Rockmusik eben manchmal doch scheißegal ist, ob das Konzept stimmt. Solange es ordentlich scheppert. Und das Scheppern zumindest haben Savages selbst erfunden. (kc)

Reinschauen: Shut Up

37. St. Vincent St. Vincent (Loma Vista), 2014

Die Hohepriesterin der intelligenten Rockmusik: St. Vincent kombiniert schlau das Beste aus Rock und Pop mit fetten Bässen. Die Meisterin spielt dabei selbstverständlich auf ihrer eigens entworfenen ultraleichten E-Gitarre. (jh)

Reinschauen: Digital Witness

36. Clams Casino Instrumental Mixtape 1-3 (Selbstveröffentlichung), 2011-2013

Wissen wir: Das vergangene Jahrzehnt war fest in Hip-Hop-Hand. Was nur eben nicht heißt, dass innerhalb des Genres Einigkeit geherrscht hätte. Wo Trap die 808s rollen ließ, zeigte sich ein anderer und ebenso erfolgreicher Strang verträumter, sphärischer und noch kodeinbetäubter. Beides schloß einander nicht aus, wie Future, Fetty Wap oder andere bewiesen. Doch bleibt Cloud Rap bis heute ein spezifisches Phänomen, das grob gesagt auf eine einzelne Person zurückgeführt werden kann. Clams Casino legte mit seinen Produktionen für A$AP Rocky und andere den Grundstein des Genres-Slash-Phänomens und stieß vermutlich dabei noch die Typa-Beat-Sucht einer ganzen Generation an. Schlierige Samples, warme Pads, hintergründige Drums: Das Template war simpel, schnell kopierbar und unterschied sich in seinen Grundzutaten nur unwesentlich vom Chillwave- und Hypnagogic-Sound der Zeit. Hip-Hop ließ sich plötzlich zuhause als Ambient hören. So oder so – ohne Clams Casino hätte das Jahrzehnt komplett anders geklungen. (kc)

Reinhören: I’m God

35. Oneohtrix Point Never Returnal (Editions Mego), 2010

Jace Clayton schrieb in seinem überragenden Buch Uproot. Travels In 21-st Century Music And Digital Culture, dass das 21. Jahrhundert als Zeit des großen Vergessens ins kulturelle Gedächtnis eingehen würde. Vermutlich übernahmen auch deshalb die Archivar_innen die Führung. Oneohtrix Point Never hat über zehn Jahre lang eine steile Karriere hingelegt, nirgendwo aber schimmerte die Cyber-Mediathek von Daniel Lopatin so schön wie auf Returnal. (kc)

Reinhören: Returnal

34. Kendrick Lamar DAMN (Top Dawg Entertainment), 2017

Um den Kollegen Cornils zu paraphrasieren: Kendrick Lamar hat sich mit Good Kid, m.A.A.d. City als begnadeter Geschichtenerzähler etabliert und diese Geschichten mit To Pimp A Butterfly politisiert. Und DAMN? Brachte beidem die radikale Reduktion. Und Lamar den Pulitzer. Tja. (dp)

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Reinschauen: Humble

33. Torres Three Futures (4AD), 2017

So virtuos wie Mackenzie Scott verbog dem alten Onkel Rockmusik in diesem Jahrzehnt keine_r die Penisverlängerung Gitarre – und die verknöcherten Geschlechterrollen gleich mit. (jd)

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Reinschauen: Three Futures

32. Erykah Badu But You Caint Use My Phone (Control Freaq), 2015


(jd)

Reinschauen: Hello (feat. André 3000)

31. Mount Eerie A Crow Looked At Me (P.W. Elverum & Sun, Ltd.), 2017

Phil Elverum hatte immer schon ein Problem mit der Realität. Auf Clear Moon sang er 2012 vom Miteinander von „mountains and websites“ und brachte damit die Folk-Aporie des 21. Jahrhunderts besser auf den Punkt als es Bonny Bear im Autotune-Fieber je vermochte. Dann kam ein zweites Problem mit der Realität hinzu: Seine Frau Geneviève Castrée verstarb im Jahr 2016. Zwei ganze Alben lang widmete sich Mount Eerie einer Form von Trauerarbeit, die dem Kübler-Ross-Modell auf der Metaebene begegnete. A Crow Looked At Me stellte den doppelt unmöglichen Versuch dar, die Unmittelbarkeit des Todes zu vermitteln und dann auch noch über Vermittelbarkeit überhaupt zu schreiben. „Death is real / Someone’s there and then they’re not / And it’s not for singing about / It’s not for making into art / When real death enters the house / All poetry is dumb“. Bevor Only Now daran scheiterte, die Scherben aufzufegen, sagte A Crow Looked At Me alles, was zu der Sache hätte gesagt werden können. (kc)

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Reinschauen: Ravens

30. Grimes Visions (4AD), 2012

Claire Boucher and a friend tried to sail down the Mississippi River on a DIY houseboat loaded with live chickens and 20 pounds of potatoes“, „Grimes and Elon Musk Attend the 2018 Met Gala Together“. Es liegen keine zehn Jahre zwischen diesen beiden Pitchfork-News und doch sind sie ein Indikator für Grimes’ weirden Werdegang, der sie in kürzester Zeit aus der Komfortzone des Schlafzimmerstudios auf die Titelseiten internationaler Magazine hievte. Was war passiert? Um den Jahrzehntwechsel herum wurden Nicht-Genres wie Chillwave oder Seapunk virulent, ihre Logik war eine rekombinatorische beziehungsweise kuratorische – verkürzt gesagt musikalische Tumblr-Accounts, die sich mal hier, mal dort bedienten und sich nicht an einem bestimmten Stil orientierten, sondern vielmehr eine ästhetische Grundstimmung anpeilten. Mit Visions exerzierte Boucher das alles auf Albumformat in seiner reinsten Form durch und ließ sich dennoch unmöglich unter dem einen oder anderen Buzzword ablegen. Dass sie dazu noch wusste, wie sich Songs schreiben lassen, war ebenso hilfreich: „Genesis“, „Oblivion“ – astreine Pop-Hits. Während die barocke Fingerübung Art Angels in seiner Überkandideltheit nicht gut gealtert ist, lässt sich von Visions genau das Gegenteil sagen: Sieben Jahre später bleibt es weiterhin der zukunftsweisende Leuchtturm einer Zeit, in der Pop sich als Projekt langsam zu Tode siegte. (kc)

Reinschauen: Oblivion

29. Tirzah Devotion (Domino), 2018

Gerade in R’n’B-Kreisen war das Jahrzehnt von einer nicht immer leicht zu ertragenden Sehnsucht nach lupenreiner 360-Grad-Mischpult-für-den-Gegenwert-einer-Wohnung-in-Kreuzberg-Perfektion geprägt. Tirzah machte das Gegenteil. Und bewies mit Devotion, dass man keine 25 studierten Tontechniker_innen braucht, um ein Herz zu berühren. (dp)

Reinschauen: Devotion (feat. Coby Sey)

28. Anohni Hopelessness (Secretly Canadian), 2016

Hätten wir doch alle mal eher auf Anohni gehört. Sie begründete nämlich schon 2016 mit „4 Degrees“ das Genre Klimakrisen-Pop: „I wanna burn the sky / I wanna burn the breeze / I wanna see the animals die in the trees / Oh let’s go, let’s go / It’s only four degrees“. Der Rest ist Drohnenkrieg, Überwachungsstaat und gewalttätige Männer. Und vielleicht das Protestalbum des Jahrzehnts. (jd)

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Reinschauen: Drone Bomb Me

27. Cardi B Invasion of Privacy (Atlantic), 2018

Von einem Job als Tänzerin in einem Nachtclub innerhalb weniger Jahre über ein Reality-TV-Format an die Spitze der Charts. Hut ab, Cardi! Und dann? Dreschte die Rapperin aus der Bronx mit ihrer Brandrede von einem Debüt den letzten Zweifler_innen die Ja-Abers aus den Köpfen. Selten war ein Grammy verdienter und noch seltener ein Blockbuster-Album unterhaltsamer. Oder hat jemand schonmal so elegant die eigene Oberweite mit Beyoncé und Jay-Zs Zwillingen verglichen? Eben. (dp)

Reinschauen: Bodak Yellow

26. Holly Herndon Platform (4AD), 2015

Kurz vor Toresschluss holte Simon Reynolds noch einen Hammer raus und erklärte die Zehnerjahre zur Dekade der „Conceptronica“. Eine Kategorie für Musik, die sich in der Theorie wie ein Bewerbungsschreiben fürs MOMA liest und in der Praxis nun wirklich überhaupt nicht in die Waden geht. Holly Herndons Platform ließe sich gut und gerne in diesen zurechtkonstruierten Trend einordnen, wenn die in Berlin lebende US-Amerikanerin das Ganze nicht so verdammt pop angegangen wäre. Das tat sie in zweierlei Hinsicht: Auf populistische Art werden dringende tagesaktuelle Fragen nach einem Leben unter staatlicher und kapitalistischer Überwachung gestellt, in populäre Formen gepackt und schließlich noch das Pop-Thema überhaupt ergründet, Intimität. Herndon fragt nach den Bindungen zwischen Mensch und Maschine, der Vermittlung zwischen Menschen durch Maschinen und wie die Maschinenmenschen der Zukunft beziehungsweise die Zukunft der Maschinenmenschen aussehen könnten. Umso konsequenter, dass das ASMR-Skits ebenso beinhaltet wie fragilen Splitterpop mit Basslines, die auf jedem Floor ein Zuhause fänden. Und dass Platform als positiver Gegenentwurf zum Plattformkapitalismus einen Plattformkommunalismus predigt, der später auf PROTO ausdifferenziert wurde. Noch aber hinkt die Welt Herndons Visionen hinterher. Solange das weiterhin der Fall bleibt, ist Platform das zeitgenössischste Alben mit einem halben Jahrzehnt auf dem Buckel, das sich nur denken ließe. (kc)

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Reinschauen: Home

25. Abra Rose (Selbstveröffentlichung), 2015

Von einem Tag auf den anderen waren plötzlich Awful da und versprachen, von ihrer Homebase Atlanta her das Feld von hinten aufzurollen. Father, Lord Narf, Slug Christ: Awful war post-racial, post-Genre, post-Bierernstigkeit, immer online und doch auf jeder Block-Party am keg zu finden. Mittlerweile scheint Schicht im Schacht zu sein und vielleicht mag das daran liegen, dass nicht wenige der DIY-Acts auf dem Labelkollektiv mittlerweile über sich und ihre Wurzeln im Awful-Camp hinausgewachsen sind. Case in point: Abra, die 2015 mit BLQ Velvet und schließlich mit Rose als Darkwave Duchess der Clique reüssierte. „Roses“ bot die beste Frankie-Knuckles-Bassline des 21. Jahrhunderts, „Fruit“ das atmosphärischste Video und die schönste Hook im R’n’B-Game und der Rest der Platte Lyrics, die zwischen Eros und Thanatos hin und her pendelten, als würde jemand vor Ablauf der Jahreskarte den Kredit nochmal ausreizen wollen. Die Zutaten von Abras Musik waren denkbar simpel und griffen Freestyle-House ebenso auf wie zeitgenössischen Rap und Neunziger-R’n’B, der zu jener Zeit zum monolithischen Referenzrahmen wurde. Doch Abra war anders: existenzialistischer, dringender, dabei doch unbeschwerter und experimenteller in ihrer Selbstdarstellung. (kc)

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Reinschauen: Roses

24. Grouper Ruins (Kranky), 2014

Liz Harris lieferte das Grundrauschen für ein überlautes Jahrzehnt. Dieses begann für Grouper mit dem massiven Doppelpack A I A Dream Loss und A I A Alien Observer und endete mit ihrem Debüt als Nivhek, dazwischen aber passt noch viel mehr in kleinen Dosen. Die kleinste davon lieferte Grid Of Points, die musikalisch direkteste The Man Who Died In His Boat und nur mit Ruins brachte Harris wirklich alles zusammen, was ihren Sound so wichtig und wohltuend machte. Rauschende Field Recordings, Trauerweiden-Piano, geschichtete Vocals: Introspektion mit offenem Flügelfenster, nah dran und doch eine Milchstraßenlänge von der Welt entfernt. In Zeiten, in denen Innehalten keine Option darstellte und Nostalgie als formales Zitat bedient wurde, erinnerte ihre Musik an die suppige Melancholie von nie abgeschlossener Trauerarbeit. Deswegen wird auch Grouper niemals aufhören dürfen, weiterhin Musik zu machen. (kc)

Reinschauen: Holding

23. Sun Kil Moon Benji (Caldo Verde), 2014

Zum Album Benji von Sun Kil Moon hat Ian Cohen bei Pitchfork bereits wirklich alles Wichtige geschrieben, kurz darauf gab uns Laura Snapes im Guardian den definitiven Einblick in das Gebaren der Person Mark Kozelek. Der hat sich seitdem reumütig gezeigt, geschätzt dreißig weitere Alben veröffentlicht und war mit keinem davon ein zweites Mal so eindringlich wie mit Benji. (kc)

Reinschauen: Carissa

22. Princess Nokia 1992 (Selbstveröffentlichung), 2016

„Who that is, hoe? / That girl is a tomboy! / That girl is a tomboy! / That girl is a tomboy!“ Auch ‘ne Art, sich der Welt vorzustellen. Princess Nokia hatte schon zwei Alben auf dem Buckel, als das Mini-LP-Slash-Mixtape 1992 erschien, der definitive Durchbruch aber ging mit „Tomboy“, „Kitana“ und „Brujas“ einher. 1992, das 2017 als Deluxe-Ausgabe mit viel und nicht immer notwendigem Bonusmaterial neu aufgelegt wurde, war aber mehr als nur eine Sammlung von youtubebaren Bangern, sondern erzählte beinahe auf Illmatic-Weise den rapbürgerlichen Bildungsroman für die New Yorker Kohorte der Generation Y nochmal neu. Außerdem: Boom Bap, 808-Gewitter, Soul-Samples, Backpacker-Freestyle zum Abschluss – selten war Rap in den letzten Jahren in kondensierter Form dermaßen breit aufgestellt. Was eben auch für eine MC spricht, deren Flow genauso gut Diamanten schleifen könnte wie er sich mit Spliff auf die Couch lümmelt. That girl is a tomboy und zwar der beste, den wir haben. (kc)

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Reinschauen: Tomboy

21. Snail Mail Lush (Matador), 2018

Wer im Jahr 2018 noch charmante und überzeugende Indie-Songs mit nur drei Gitarrenakkorden machen kann, hat bei uns einen Stein im Brett. (jh)

Reinschauen: Heat Wave

Hier geht es zu Plätzen 20 bis 11.