Das Jahrzehnt ist fast vorbei, das Album so langsam aber sicher tot. Bevor es soweit ist, gehen wir aber noch einmal all in: Hier sind sie, die 200 SPEX-Alben der letzten Dekade. Heute: Platz 200 bis 151. 

Stehen fünf Menschen vor einer Excel-Tabelle und schreien sich an. Nein, das ist nicht die Kreuzberger Neuauflage von Stromberg, sondern knallharter Musikjournalismus. Ein Trost nach zwei Stunden Feilschen, Grummeln, Seufzen, Wimmern und Lachen: Es wird vermutlich das letzte Mal sein, dass wir unsere Kleinhirne dermaßen zum Überkochen bringen. Denn wenn sich zwischen 2010 und 2019 eines herauskristallisierte, dann die langsame Auflösung eines Formats, das irgendwann mal aus der physischen Begrenzung der Vinyl-LP entstanden war. Gibt es nicht mehr, so einfach ist das. Oder zumindest nicht mehr lange. Das könnte Anlass zum Jammern sein, und ist es für viele sicherlich auch. Sollte es aber nicht. Denn erstens war es noch nie eine gute Idee, Fortschritt aufhalten zu wollen. Und zweitens, ganz simpel, geht ja nicht die Musik verloren, sondern nur eine gewohnte, zugegebenermaßen heimelige Darreichungsform.

Zuerst die (vergleichsweise) billigen Plätze: Die SPEX-Dekaden-Alben 200 bis 151 (Bild: SPEX).

Bevor wir euch aber im Jahr 2029 die Liste der 200 besten holografischen Werbeeinblendung aus dem Braincast-Segment mit Schwerpunkt True Cyber Crime vorstellen, hier die letzten 200 ihrer Art: Alben, die ein Jahrzehnt das heißt uns, euch, die Welt da draußen oder auch nur die Szene daheim maßgeblich mitgeprägt haben. Ab jetzt alle zwei Werktage, solange der Vorrat reicht. Also, bis wir damit durch sind. Alles klar? Nein? Egal, geht los:

200. The 1975 – I Like It When You Sleep, For You Are So Beautiful Yet So Unaware Of It (Polydor), 2016

Klingt so als hätte ein Supercomputer alles, was bei Spotify gut läuft, rausgefiltert und in eine knappe Stunde Musik gepackt. Richtig, ziemlich zeitgeistig also. (dp)

Reinschauen: „Love Me

199. Thom Yorke – Tomorrow’s Modern Boxes (Landgrab), 2014

Joa, besser als alles, was Radiohead in diesem Jahrzehnt gemacht haben. (jd)

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Reinhören: „A Brain In A Bottle

198. Tame Impala – Innerspeaker (Modular), 2010

Die Innung der internationalen Hersteller_innen psychoaktiver Substanzen möchte an dieser Stelle Kevin Parker für das (kurze) Hippies-Revival danken. (dp)

Reinschauen: Lucidity

197. Bonny BearBonny Bear, Bonny Bear (Jagjaguwar), 2011

Was wären wir nach diesem Jahrzehnt ohne Bon Iver? Unzählige Feuilletontexte über weinerliche Männer in Holzfällerhemden ärmer. (jd)

Reinschauen: Holocene

196. Darkside – Psychic (Matador), 2013

Nicolas Jaar und Dave Harrington hatten auf ihre jeweils eigene Art ein gutes Jahrzehnt, ihre gemeinsame LP als Darkside war ein unerwartetes Highlight für beide. (kc)

Reinhören: Golden Arrow

195. Messer – Jalousie (Trocadero), 2016

Wenn Romanautoren Post-Punk machen. Der Soundtrack zum Roman Noir. (jh)

Reinschauen: Der Staub zwischen den Planeten

194. Kid Kopphausen – I (Trocadero), 2012

Trifft ein Liedermacher aus dem Prekariat auf einen Liedermacher aus dem Adelsstand. Anstatt aber mit den Gitarren aufeinander loszugehen, wandern sie händchenhaltend an den Arsch der Welt, um von dort die letzten Sonnenstrahlen mitzubringen. (af)

Reinschauen: Das Leichteste der Welt

193. Caribou – Swim (City Slang), 2010

Das Album, mit dem House zur Proto-Instagram-Filter-Tapete wurde. Ihr wisst schon, für Leute, die „eigentlich keine elektronische Musik hören.” (dp)

Reinschauen: Sun

192. Mac DeMarco – Salad Days (Captured Tracks), 2014

Was man der beliebtesten Zahnlücke der Musikwelt lassen muss: Mit Salad Days hat er dem digitalen Slackertum einen Soundtrack verpasst. (dp)

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Reinhören: Chamber of Reflection

191. The XX – Coexist (Young Turks), 2012

Wer denkt bei The xx noch an ein paar Küsschen am Ende einer WhatsApp-Nachricht? (af)

Reinhören: Angels

190. Nicolas Jaar – Space Is Only Noise (Circus Company), 2011

So geil kann so wenig sein: Auf Space Is Only Noise machen die Leerstellen die beste Musik und Nicolas Jaar konnte die Emo-Deep-House-Karriere endlich an den Nagel hängen. Profitiert haben davon: alle. (kc)

Reinhören: Space Is Only Noise

189. Billie Eilish – When We All Fall Asleep, Where Do We Go? (Darkroom), 2019

Kurz vor Dekadenschluss noch eine Thinkpiece-Welle. In der Betreffzeile sowas wie: Der Soundtrack der Gen Z! Genres sind over! Grunge ist zurück! Oder doch Goth? Arme Billie Eilish. Und wer waren eigentlich nochmal Van Halen? (kc)

Reinschauen: Bury A Friend

188. Carly Rae Jepsen – E•MO•TION (Interscope), 2015

Weil Sätze wie „I really really really really really really like you” dieses Jahrzehnt ein bisschen erträglicher gemacht haben. (jd)

Reinhören: E•MO•TION

187. Mutter – Text und Musik (Clouds Hill), 2014

Auf Text und Musik gab es genau das, was der Titel versprach, mehr nicht. Und genau deshalb war es eines der elegantesten Spätwerke des Jahrzehnts. (dp)

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Reinschauen: Wer hat schon Lust so zu leben

186. Die Nerven – Fun (This Charming Man), 2014

Machten die Sache kurz vor Gitarren-Abpfiff mit einem schönen Schlenzer doch nochmal spannend. (dp)

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Reinschauen: Eine Minute schweben

185. My Bloody Valentine – MBV (MBV), 2013

My Bloody Valentine klangen 2013 genauso wie 1991, aber hat’s wen gestört? Nur den internationalen Verband besorgter Ohrenärzt_innen. (kc)

Reinhören: Only Tomorrow

184. Beastie Boys – Hot Sauce Committee Part Two (Capitol), 2011

Hot Sauce Committee Part Two zeigte eindrucksvoll, dass diese Band auch noch ein geiles Feieralbum hinlegen konnte, als der fight for your right to party bei den Mitgliedern längst an der Tür zur New Yorker Eigentumswohnung aufgehört hatte. R.I.P., Adam Yauch! (dp)

Reinschauen: Too Many Rappers

183. Alabama Shakes – Sound & Color (ATO), 2015

Allein die Stimme von Brittany Howard rechtfertigt einen Platz auf dieser Liste. So viel malocht hat in diesem Jahrzehnt kaum eine_r. (jd)

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Reinschauen: Sound & Color

182. Chromatics – Kill For Love (Italians Do It Better), 2012

Sonnenbrillen des Nachts, tagsüber die Jalousien runter: Mit Kill For Love lieferten Chromatics mit ein paar Jahren Verspätung das beste aller Zehner-but-Achtziger-Alben ab. (kc)

Reinschauen: Kill For Love

181. War On Drugs – Lost In The Dream (Secretly Canadian), 2014

Hat noch jemand einen Bruce-Springsteen-Kalauer parat? Nee? Gut, wir nämlich auch nicht. Next! (kc)

Reinschauen: Red Eyes

180. Altar Of Plagues – Teethed Glory And Injury (Profound Lore), 2013

Deafheaven, Liturgy, Wolves In The Throne: Black Metal wurde Karottenjeans-kompatibel, den spannendsten Entwurf legte aber James Kelley alias Wife mit seiner Band Altar Of Plagues vor. (kc)

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Reinschauen: God Alone

179. The Notwist – Close To The Glass (City Slang), 2014

Ein zweites Neon Golden werden wir nie zu hören bekommen und nichts könnte mehr für The Notwist sprechen. Bitte weiter so! Bussi, eure SPEX. (kc)

Reinhören: Close To The Glass

178. Protomartyr – The Agent Intellect (Hardly Art), 2015

The Agent Intellect ist irgendwie wie The Wire, nur in Detroit und selbstverständlich nicht halb so gut. Trotzdem: Gewalt, soziale Kälte, leise Hoffnung, laute Enttäuschung und die politische Quittung einer miserablen Sozialpolitik wurden lange nicht mehr so gut in ein einziges Rock-Album gepackt. (dp)

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Reinhören: Why Does It Shake?

177. Deerhoof – La Isla Bonita (Polyvinyl), 2012

Niemand verzuckert so hübsch Kanten und verschroben rythmischen Noise-Rock wie Deerhoof. Auch nach 20 Jahren Bandgeschichte. (jh)

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Reinhören: Paradise Girls

176. Cat Power – Wanderer (Domino), 2018

Im Grunde floh Cat Power immer schon vor ihren eigenen Songs, konsequenter wie hier hat sie das aber selten getan. (jd)

Reinschauen: Woman (feat. Lana Del Rey)

175. Tyler, The Creator – Goblin (XL), 2011

„I’m not a fucking role model, I’m a 19 year old fucking emotional coaster with pipe dreams“. Und was für eine Achterbahnfahrt dieses Jahrzehnt mit Tyler, The Creator war. (jd)

Reinschauen: Yonkers

174. Daft Punk – Random Access Memories (Columbia), 2013

Keine Platte hat das kollektive gesellschaftliche Versagen, neue Narrative und Visionen für die Zukunft zu finden, besser auf den Punkt gebracht. Die Digitalstrategie der CDU, vertont von Daft Punk, Pharell Williams und anderen Retrofuturisten. (jd)

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Reinhören: Get Lucky (feat. Pharrell Williams & Nile Rodgers)

173. Die Goldenen Zitronen – Who’s Bad? (Buback), 2013

Protestmusik von gealterten, teilweise arrivierten Männern kann nicht gutgehen? Genau, dachte ich auch. Bis Who’s Bad? rauskam. (dp)

Reinschauen: Scheinwerfer und Lautsprecher

172. Tim Hecker – Ravedeath, 1972 (Kranky), 2011

War Ravedeath, 1972 das beste Noise-Album des Jahrzehnts? Vermutlich nicht, wie uns die Zauselfront aus ihren Kellerlöchern zuraunt. Bedeutete es für Tim Hecker nach einem Jahrzehnt Hochleistungskrach im Niedriglohnbereich endlich den verdienten Durchbruch? Jupp. (kc)

Reinhören: The Piano Drop

171. Zugezogen Maskulin – Alles brennt (Buback), 2015

Alles brennt. Jungs, 2015. Wenn ihr gewusst hättet … oder wusstet ihr etwa? Hellsichtiges Album, das Schland samt seiner Schland-Politik und natürlich seiner Schland-Musik die intellektuelle Bräsigkeit mit voller Kraft unter die Nase pfefferte. (dp)

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Reinschauen: Alles brennt

170. Jay-Z & Kanye West – Watch The Throne (Roc-A-Fella), 2011

Ein letztes Mal plustert sich der Bling-Rap auf. Und dann wird im wilden Funkenflug der Maybach zersägt. (jd)

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Reinschauen: Otis (feat. Otis Redding)

169. Lady Gaga – Born This Way (Streamline), 2011

Als Lady Gagas Film A Star Is Born noch nicht geboren war, hatte ihre zweite LP Born This Way längst das Licht der Welt erblickt. Seitdem scheiden sich die Geister: Ist Gaga jetzt die Jeanne d’Arc der Geknechteten oder bloß eine gewiefte Geschäftsfrau vor dem Herrn? (af)

Reinschauen: Born This Way

168. Beach House – Teen Dream (Sub Pop), 2010

Traum-Pop aus einer Zeit, in der wir noch glaubten, wir könnten die Welt von unseren Schlafzimmern aus retten. (jd)

Reinschauen: Silver Soul

167. Childish Gambino – Awaken, My Love (Glassnote), 2016

Das Funkadelic-/Parliament-Album mit dem einen Track, den DJ Sidebar bei Youtube in diesem Jahrzehnt am häufigsten aufgelegt hat. Who’s still listening in December 2019??? (kc)

Reinhören: Redbone

166. Warpaint – Warpaint (Rough Trade), 2014

Ein Funken Hoffnung am Gitarrenhimmel zur Mitte des Jahrzehnts. Warpaint spielten sich mit sphärisch langen Spannungsbögen in unsere Köpfe. (jh)

Reinhören: Love Is To Die

165. Björk – Utopia (One Little Indian), 2017

Utopia ist nicht ohne Vulnicura zu denken, macht sich aber auch ohne Björk-Biografie im Handschuhfach gut als Lebensbegleiter. (kc)

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Reinschauen: Utopia

164. SXTN – Leben am Limit (Jinx Music), 2017

Achtung, misogyne, schlappschwänzige Möchtegern-Gangster: Hier werden Deine-Mutter-Witze mit Deine-Mutter-Witzen gekontert. Frei nach dem Motto: Alter, hast du dich schon mal reden gehört? Danke SXTN, weil manchmal nur auf die Fresse hilft. (af)

Reinschauen: Von Party zu Party

163. Charli XCX – Pop 2 (Asylum), 2017

Kann man schnell als trendschlauen Stromlinien-Pop abfertigen, aber in diesem Von-allem-und-allen-ein-bisschen-Ansatz steckt ein starkes Community-Bewusstsein, das das alte Geben und Nehmen im Pop in eine neue Zeit führt. (jd)

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Reinhören: Backseat (feat. Carly Rae Jepsen)

162. Tune Yards – Whokill (4AD), 2011

Musik, die klingt, als wären fünf Bands gleichzeitig im Proberaum? Hat Merrill Garbus alias Tune-Yards schon 2011 auserzählt. (dp)

Reinschauen: Bizness

161. Cate Le Bon – Reward (Mexican Summer), 2019

Walisische Avantgarde. Cate Le Bon konstruiert nicht nur gerne Gegenstände aus Holz, sondern auch musikalische Räume. (jh)

Reinschauen: Home To You

160. Robyn – Honey (Konichiwa), 2018

Self care trifft Clubmusik, auch acht Jahre nach „Dancing On My Own“. (jh)

Reinschauen: Honey

159. Saba – Care For Me (Selbstveröffentlichung), 2018

Machen wir es kurz: Niemand hat in diesem Jahrzehnt besser und direkter vom guten, alten struggle erzählt als Saba aus Chicago. (dp)

Reinschauen: Life

158. Thundercat – Drunk (Brainfeeder), 2017

Blöd, schlau, lustig, bierernst, vollkommen panne und absolut großartig: Drunk war alles zugleich. Wer kann das schon beaupten? (dp)

Reinhören: Drunk

157. Danny Brown – XXX (Fool’s Gold), 2011

Ganz ehrlich, das Jahrzehnt war ungefähr so, wie XXX klingt: vollkommener Irrsinn, immersiv präsentiert, mit einer sich stetig steigernden Panik im Hintergrund. Und natürlich einer Stimme wie direkt aus dem Ballon gezogen. (dp)

Reinschauen: Monopoly

156. Haim – Days Are Gone (Columbia), 2013

Vier bunte 10″-Singles lang die schönste Fleetwood-Mac-Neuauflage des Jahrzehnts gewesen. (jd)

Reinschauen: If I Could Change Your Mind

155. Vampire Weekend – Modern Vampires Of The City (XL), 2013

Konnte ja eigentlich nur furchtbar werden. Wurde es aber nicht, sondern zum unerwarteten Dauerbrenner für diese Tage, an denen man ein bisschen Schönheit braucht. (dp)

Reinschauen: Diane Young

154. Sleaford Mods – Austerity Dogs (Harbinger Sound), 2013

Scheißepissekotzefuckyou, Sleaford Mods! Wanker! Wanker! Wanker! Wanker! Lagerlagerlager… (kc)

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Reinscheißen: Austerity Dogs (Swearing Only Version)

153. J Hus – Common Sense (Black Butter), 2017

J Hus wurde in Deutschland (zu Unrecht!) kaum beachtet, lieferte aber mit Common Sense ein Album ab, das Grime der Marke Wiley, Dizzee Rascal oder Skepta am konsequentesten in die Zukunft führte. (dp)

Reinschauen: Common Sense

152. Future Islands – Singles (4AD), 2014

„Ey, hast du schon diesen Future-Islands-Auftritt bei Letterman…“ „Ja, Karsten. Ja, habe ich.“ (kc)

Reinschauen: Karsten, bitte.

151, Death Grips – The Money Store (Epic), 2012

Gibt’s Death Grips eigentlich noch oder nicht? Klingt auch mal eine Platte als die andere? Egal: Als sie Nu Metal auf einem Hip-Hop-Beat neuerfanden, fanden’s plötzlich alle geil. Und warum auch nicht? (kc)

Reinschauen: I’ve Seen Footage

Hier geht es zu den Plätzen 150-101.