Die Ziellinie gerät in Sicht, Endspurt ist angesagt. Bevor irgendwer kommt, das Putzlicht anknipst und die Scherben wegfegt, geben wir mit den 200 SPEX-Alben der letzten Dekade nochmal Gas. Heute: Platz 20 bis 11.

Die Plätze 200-151 sind hier zu finden, zu den Plätzen 150-101 geht es hier. Und die Alben Nr. 100 bis 51 liegen hinter diesem Klick und die Nummern 50 bis 21 hinter diesem.

20. Ja, Panik Libertatia (Staatsakt), 2014

Bei Ja, Panik ist ja immer wieder erstaunlich, wie sehr ihre Musik einem aus der Seele spricht. Und dann ist diese Burgenländer und Berliner Truppe rund um Andreas Spechtl nicht nur supermusikalisch, sondern auch noch superklug und supersympathisch. Aber seien wir mal ehrlich, Leute, beziehungsweise verehrte Spexianer_innen, eine Prise Reinhard Mey und Peter Maffay (oder wie die alten Schlagerbarden alle heißen) ist auch dabei, sowie eine guter Schuss Glutamat, das ja auch irgendwie süchtig macht. Doch das soll jetzt besser nicht weiter ausgeführt werden, weil man damit noch einen Shitstorm verursacht. Schließlich sind Ja, Panik nach Tocotronic everybody’s darling numero due.  

Nein, Ja, Panik sind überhaupt nicht wie Mey und Maffay, sondern cool. Also: überhaupt nicht Deutschland und überhaupt nicht Österreich, sondern universell geil, queer, neonfarben, schräg, underground, anarchisch, antikapitalistisch – Anglizaner_innen halt. Und wie klingt das jetzt auf ihrem fünften Album Libertatia? Nach einem einzigen Ohrwurm, der nach hinten allerdings immer widerborstiger wird, sodass er einem nicht mehr ganz so schön durch die Ohren schlüpft. Aber trotzdem ist er lange nicht so diskurslastig wie sonst, sondern für Ja, Panik geradezu glücksbärchismäßig, poppig, rockig, erbaulich, sehnsüchtig, energetisch – eine einzige große Geste halt. 

Diese Boys – später kam eine Frau dazu, yeah! – sind Philosophen im Musikergewand. Und haben uns laut Arno Raffeiner in ihren ersten drei Alben durch ein Triptychon aus Geld, Angst und Trauer geführt. Libertatia aber errettete uns 2014 aus dieser Okay-dann-mache-ich-gar-nichts-mehr-außer-Gauloises-rauchen-Stimmung und brachte uns auf Endorphin-Kurs. Ja, die Welt ist schlecht und geht bald unter, aber ein bisschen solidarity, peace, love and butterfly kann, bis es so weit ist, nicht schaden. Und eventuell kann eine ich-bau’-mir-die-Welt-wie-sie-mir-gefällt-Einstellung das Leben erträglicher machen. Deshalb heißt diese Platte auch wie eine Piratenkolonie auf Madagaskar, die es vielleicht gar nicht gegeben hat – aber eine gute Geschichte reicht ja auch. Jedenfalls sollen da alle, selbst Frauen und People of Color, total happy und in Frieden miteinander gelebt haben, erzählt man sich.  

Okay, so sehr wie das Musikvideo zu „Alles hin, hin, hin“ von The Angst And The Money knallt Libertatia nicht. Wem ist dieser Satz nicht in Erinnerung geblieben: „In diesem Sinn versteht die Gruppe Ja, Panik die allgemeine Verdummung, ja diese Riesenauflage des Stumpfsinns, der alle und alles heimsucht, als die gemeinste und tödlichste Waffe der allmächtigen Liaison von Penis und Kapital.“ Dafür schenkt sie uns aber mindestens eine Aktivismushymne: „Ich wünsch’ mich dahin zurück wo es nach vorne geht / Ich habe back to the future die Uhr gedreht / Space is the place, der die Flüchtigen liebt / Ganz wie jeder Anfang in Trümmern liegt“. Da hat man fast das Gefühl, dass Ja, Panik den aktuellen Boom sozialer Bewegungen vorhergesehen haben. Also, ihr Greta Thunbergs, greift zu, sonst reißt sich jemand anderes diese auf Revolution gebürsteten Songs unter den Nagel und tanzt den Synthesizermelodien über den Regenbogen hinterher ins Libertatia-Land. (af)

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Reinschauen: Libertatia

19. Kanye West My Beautiful Dark Twisted Fantasy (Roc-A-Fella), 2010

Was man nach einem Jahrzehnt voller Twitter-Tiraden, Donald-Trump-Endorsements mit MAGA-Käppchen, Laptop-Listening-Partys in Basketballstadien und Gospelopern gerne vergisst: Es gab mal eine Zeit im Leben und Schaffen von Kanye West, als seine eigene Stimme noch nicht die wichtigste war.

Das neue Jahrzehnt war gerade einmal ein paar Monate alt, da veröffentlichte West sein fünftes Studioalbum My Beautiful Dark Twisted Fantasy. Heute, mit zehn Jahren Abstand, ist klar: Es sollte der Scheideweg in der Karriere des Rappers und Produzenten sein. Auch in den folgenden Jahren gelang es West immer mal wieder, den Hip-Hop ein Stückchen weiter in die Zukunft zu schubsen. Aber nie zuvor und auch nie wieder danach gipfelte Wests Kunst in einem so überbordenden, allumfassenden und gleichzeitig doch hochkonzentrierten Statement. My Beautiful Dark Twisted Fantasy ist die Essenz von Kanye West. Aber was genau ist das eigentlich? Diese Frage führt uns zurück zu der eingangs erwähnten Stimme.

Im vergangenen Jahrzehnt wurden Pop-Kritiker_innen nicht müde zu betonen, dass West vor allem ein großartiger und wegweisender Produzent sei, aber doch bestenfalls nur ein mittelmäßiger Rapper. Das ist richtig. Trifft die Sache aber noch nicht wirklich auf den Punkt. Genauer müsste man sagen: Kanye Wests Genius als Produzent liegt vor allem in seinem Umgang mit der menschlichen Stimme begründet. Sei sie verfremdet, gesampelt oder gefeatured.

Spuren dieses Stimmhandwerks lassen sich schon auf Wests Alben der Nullerjahre finden. Von „Through The Wire“ auf seinem Debüt The College Dropout, das er buchstäblich durch die Drähte seines nach einem Unfall zusammengeflickten Kiefers rappte, bis zu 808s & Heartbreak, mit dem er Autotune wieder popularisierte – und zwar nicht als kosmetische Stimmkorrektur, sondern als Mittel zur drastischen Stimmverfremdung. Mit My Beautiful Dark Twisted Fantasy aber legte West seine Meisterprüfung ab. 

„Can we get much higher?”, fragt eine Frauenstimme gleich zu Beginn. Ein Sample, das West Mike Oldfield entliehen hat und sogleich durch Dopplung und Hall zum Eröffnungschor aufbläst. Stimmen sind hier nie nur Melodie- oder Content-Lieferant_innen, sondern immer auch Rhythmusinstrumente. Manche offensichtlich, wie die „Eyeys“ und „Ohos“ in „Power“, für dessen Hook sich West bei der schwer verzerrten Stimme von Greg Lake und dem Gitarrenriff aus King Crimsons „21st Century Schizoid Man” bedient. Noch öfter aber liegen diese Rhythmusstimmen vergraben in der Unterströmung von Songs wie „Monster“ oder „Lost In The World“.

My Beautiful Dark Twisted Fantasy ist ein paradoxes Album. Ein letztes Mal Rockstar-Rap voller Gitarrensoli und Bombast-Mackerei. Einerseits. Andererseits aber tritt West hier zum letzten Mal in ein Stimmengewirr aus Vergangenheit und Gegenwart zurück. Ein letztes Mal übertrumpft im wilden Ringen der Strippenzieher West den Geltungssüchtigen. Ein letztes Mal duldet West andere Götter neben sich. Nicki Minaj rappt in „Monster“ den verse des Jahrzehnts. Und ganz am Schluss ruft Gil Scott-Herons Stimme: „Who will survive in America?“. Eine wichtigere Frage hat West dann im ganzen Jahrzehnt auch nicht mehr gestellt. (jd)

Reinschauen: Runaway (feat. Pusha T)

18. Julia Holter Have You In My Wilderness (Domino), 2015

In der Regel braucht Julia Holter nicht mehr als fünf Zeilen, um eine ganze Welt zu erschaffen. Auf Have You In My Wilderness: „My first thought was / There are so many days of rain / In Mexico City / A good reason to go / You know I love to run away from sun.“ Da ist schon alles drin, jede Stimmung und Stimmungslage, die Holters – je nach Zählweise siebtes – Album durchläuft. Es ist der (vorläufige) Höhepunkt ihrer Karriere, die 2012 mit der Veröffentlichung von Ekstasis erst so richtig ins Rollen geriet und danach nur noch an Geschwindigkeit zunahm. Was eben deshalb merkwürdig ist, weil Holters Musik komplett aus der Zeit gefallen ist. Tragedy befasste sich 2011 mit antiken Tragödien, Loud City Song von 2013 basierte auf einem Musical, das sich Colettes Gigi zum Vorbild genommen hatte und Aviary widmete sich 2018 Ideen und Theorie zum Erinnerungsvermögen. Keine leichte Kost, wenig tagesaktuelle Inhalte.

Was sich manchmal eben auch von der Musik sagen lässt, obwohl die meistens leicht dahinfließt. Doch Holter ist mit allen Avantgarde-Wassern gewaschen, kann die vielleicht komplexesten Rhythmussektionen im Indie-Business vorweisen und klebt nur manchmal schmalzige Streicher über alles, weil’s verdammt nochmal geil klingt. Art Pop? Nein, Autorinnen-Pop, und das buchstäblich. Für Have You In My Wilderness schlug Holter den Henry-James-Weg ein und ließ das (Un-)Bewusste strömen. Heraus kam eine Sammlung von formvollendeten Vignetten, die in Songwriting und Duktus merkwürdig vergilbt klingen, nach ratternden Filmprojektoren, dem Geruch von Whiskey mit Selbstgedrehten und den ganz großen Gefühlen. Wir können dankbar sein, dass Holter uns zu dieser und anderen ihren Welten immer wieder Zutritt gewährt. (kc)

Reinschauen: Feel You

17. Kelela Hallucinogen (Warp), 2015

Mit dem Mixtape Cut 4 Me lotete Kelela im Jahr 2013 die Crossover-Möglichkeiten des futuristischen Clubsounds aus, mit denen Fade To Mind und Night Slugs zuvor den Dancefloor um ein paar wichtige Schattierungen erweitert, wenn nicht sogar nach vorne gebracht hatten. Take Me Apart diente vier Jahre später als introspektive Erkundungstour, die eine vielseitige Identität mithilfe ebenso vielschichtiger Sounds durchleuchtete. Beide hatten ihre Längen – und damit auch ihre Schwächen. 

Anders Hallucinogen, das mit knapp 24 Minuten wenig Langeweile aufkommen ließ und überdies noch sein Konzept in Perfektion ausführte. Nicht, dass dieses wirklich innovativ gewesen wäre. Erzählt wird die Geschichte einer Trennung in chronologisch umgekehrter Reihenfolge. Späte Einsichten („A Message“), Dominanzspiele („Gomenasai“), Selbstaufgabe („Rewind“), Liebestrunkenheit („All The Way Down“), wortlose Ekstase („Hallucinogen“), Verzauberung („The High“) – von hinten wird auf textlicher Ebene ein bekanntes Schema aufgerollt, dessen Facetten sich allerdings auch in den Produktionen widerspiegeln. Bis auf die zwei von Arca produzierten Tracks („A Message“ und das improvisierte Titelstück) stand auf Hallucinogen bei jedem Song jemand anderes hinter den Reglern, um grundverschiedenen Gefühlsregungen eine eigene Klangsprache zu verleihen. 

Nur so entsteht ein kohärentes Ganzes, in dem sich Kelela als Sängerin in ihrer ganzen Tausendsassrigkeit beweisen konnte. Und die nebenbei mit dem Video zu „A Message“ eine geradezu monumentale Verhandlung von Distanz, Intimität und Körperlichkeit im 21. Jahrhundert vorlegte. Überhaupt: In kaum einem Song wurde dermaßen viel über Liebe gesagt wie in den paar Sekunden, die „A Message“ zwischen „ex“ und „girlfriend“ verstreichen lässt. (kc)

Reinschauen: A Message

16. Joanna Newsom – Have One On Me (Drag City), 2010

Ist das nicht die mit der nervigen Stimme und dem ganzen Harfen-Geklimper? Als Joanna-Newsom-Fan hatte man es nicht leicht, ja galt in gewissen Kreisen gar als Sonderling, der auf eine Quietscheente mit Hang zur romantischen Verklärung der Vergangenheit steht. Immerhin ist die Harfe eines der ältesten Saiteninstrumente der Welt und wenn Newsom darauf spielt, stellt sich so ein Gefühl von Sehnsucht nach früher ein, als man noch in Blümchenkleidern in WG-Küchen saß und sich bei billigem Rotwein und Kerzenschein über die One-Night-Stands der letzten Wochen austauschte. Ach, war das schön … Dabei war das gar nicht so schön, wenn man mal ehrlich ist, weil die Typen entweder nicht küssen konnten, viel zu schnell gekommen waren oder einfach bloß so Idioten waren. Doch Spitzfindigkeiten wie diese hüllt Newsom so lange in rosarote Flauschewatte ein, dass sie im Nachhinein vergeben und vergessen sind. 

Ihr drittes Album ist trotzdem ein kleiner Affront. Zum Glück hat die Tierschutzorganisation Peta damals nicht mitbekommen, dass sich die kalifornische Singer-Songwriterin auch in der Rolle der exzentrischen Jägerin und Sammlerin gefällt: Das Cover zeigt, wie sie divenhaft auf einer Chaiselongue räkelt, um sie herum allerhand totes Tier. Ein ausgestopfter Pfau, zwei Hirsche, ein Rehkitz, und dann noch ein Hocker, der mit Leopardenmuster überzogen ist. Have One On Me, heißt die Platte, also, „Trink einen für mich mit!“, vermutlich aber bloß, weil sich ihr Alter Ego auf der Platte so sehr mit Champagner die Kante gegeben hat, dass sie sich im Großwildjägerinnen-Zimmer von ihrem fetten, fetten Kater erholen muss. 

Besonders sympathisch ist das nicht, eher eine kleine Provokation, vielleicht ein in martialische Symbolik verpacktes Aufbäumen gegen zu viel Askese und Genussfeindlichkeit. Newsom trägt auf dem Cover nämlich einen Bob samt Haarband und eines dieser typischen Flatter-Kleider, wie sie die jungen, emanzipierten Frauen in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts getragen haben, die Zigaretten mit Spitze rauchten, Charleston tanzten und in Flüsterbars abhingen, die zumindest in den USA strengstens verboten waren, und damit als Vorreiterinnen eines modernen, emanzipierten Frauenbildes gelten.

Newsom spielt seit ihrer Kindheit Harfe, studierte später Musik und kreatives Schreiben, und ist damit nicht bloß ein Naturtalent, sondern hat auch gelernt, wie es geht. Auch, dass man einen eigenen, unverwechselbaren Sound haben muss, wenn man sich gegen die Konkurrenz behaupten will. Dazu gehört bei ihr, dass sie den Stift nicht halten kann: Ihre Songs sind länger als so manche Kurzgeschichte, manchmal ganze acht Minuten. So ist es auch auf dem 2010 erschienenen Album, das dann auch gleich ein Dreifachalbum ist. Mehr als zwei Stunden Musik sind darauf, die man aber wie eine große Oper auf CD oder ein avantgardistisches Musical (gibt es so etwas überhaupt?) nicht einfach so weghören kann. 

Man muss diese in Folk-Musik gegossenen Langgedichte genießen, eines nach dem anderen, wie Pralinen, von denen man ja auch nicht gleich die ganze Schachtel auf einmal isst. Wobei … Manchmal schon, aber dann hat man Bauchweh. Und so ist es auch bei diesen Songs, die von der genialen Lola Montez handeln, von heißer Liebe und kalter Einsamkeit. Die aber, wie gute Lyrik, in keiner Weise komplett zu entschlüsseln sind. Und die wieder mal so klingen, als würde Newsom zwischendurch an einem Heliumluftballon ziehen, so höhenhell, sehnsuchtsvoll, weinerlich und zitternd ihre Stimme ist. Ja, Newsoms Timbre und Vibrato muss man mögen, so wie man auch Champagnerpralinen mögen muss. Aber wenn man sie mag, kriegt man nicht genug davon. (af)

Reinhören: Have One On Me

15. D’Angelo And The Vanguard ‎– Black Messiah (RCA), 2014

„Es mag Zufall sein, aber der Zufall ist bekanntlich keiner. Die drei Alben der frühen Zehnerjahre, die im SPEX-Universum vielleicht den größten Anspruch darauf erheben können, als musikalisch und politisch richtungsweisend zu gelten, haben allesamt Cover, die in Schwarz-Weiß gehalten sind: Sleaford ModsAusterity Dogs (2013), D’Angelo And The Vanguards Black Messiah (2014) und Kendrick Lamars To Pimp A Butterfly (2015). Ja, Cover, es gibt sie tatsächlich noch. Und es gibt Leute, die mit der Aufgabe ihrer Gestaltung etwas anfangen können oder wollen. In den genannten Fällen erfüllen sie ganz offensichtlich konkrete semiotische Funktionen im Rahmen von mehr oder weniger raffinierten visuellen Kommunikationsstrategien. Unnötig zu betonen, dass der Verzicht auf Farben jenseits des Grauspektrums hier unterschiedliche Ursachen hat. Weshalb dem Folgenden gern ein Hang zur Überinterpretation unterstellt werden darf. Aber die Gemeinsamkeiten oder Verbindungsmöglichkeiten zwischen den Alben reichen ohnehin über die Beobachtung hinaus, dass hier die Schwarz-Weiß-Fotografie vorherrscht. (…)

Für das Cover von D’Angelos drittem Album Black Messiah, das nach einer schier endlosen, vierzehnjährigen Pause/Krise kurz vor Weihnachten 2014, wählte die Grafik- und Kommunikationsagentur Afropunk die edlen Versalien des Fonts „Caslon No. 540“ – statt einer ausdrucksstarken, die Empörung über den institutionellen und alltäglichen Rassismus in den USA unter dem Eindruck der Urteile von Ferguson eindeutig versinnbildlichenden Schrift, wie sie sich D’Angelo angeblich gewünscht hatte. Dazu kommt ein Bildmotiv, dessen Botschaft kaum plakativer, aber auch historisch informierter hätte ausfallen können. Auf dem grobkörnigen Schwarz-Weiß-Still eines Videos, das während D’Angelos nach jahrelanger Auszeit heiß erwartetem ersten Konzert auf dem Afropunk Fest in Brooklyn im August 2014, also drei Monate nach den Riots in Ferguson und fünf Monate nach dem Tod von Eric Garner durch den Würgegriff eines NYPD-Beamten, aufgenommen worden war, sind ausschließlich erhobene schwarze Hände zu sehen, geöffnet oder zur Faust geballt. Die Bezüge zur afroamerikanischen Bürgerrechtsbewegung, insbesondere zur Ästhetik der Black Panthers, ist mehr als offenkundig.

Die New York Times berichtet, dass D’Angelo am liebsten Emory Douglas, den einstigen „Kultusminister“ und Art Director der Panthers, für die Arbeit an dem Cover gewonnen hätte. Aber die Entscheidung, das Album Monate vor dem ursprünglich geplanten Veröffentlichungstermin herauszubringen, weil D’Angelo mit einem selbstbewussten, ästhetisch wie politisch angemessenen Statement zur Lage des schwarzen Amerika rechtzeitig, das heißt: im Moment der intensivsten Debatten um Polizeigewalt, racial profiling, korrupte Justiz, soziale Chancenlosigkeit und den gefängnisindustriellen Komplex, reagieren wollte, wurde diese Idee fallengelassen. Doch dürfte Emory Douglas mit der Entscheidung für dieses Motiv einverstanden sein: Das Bild einer anonymen Vielheit von Händen, die sich der politisch-ästhetischen Erregung der Menge vor der Bühne verdankt, auf der D’Angelo während des Festivals stand, spiegelt die Wut angesichts der Nachrichtenbilder und persönlichen Erfahrungen von Gewalt, Demütigung und Deklassierung. Diese Wut verspricht, so imaginieren und so wollen es der Künstler und seine Designer, in eine neue politische Bewegung umzuschlagen – das Album handele, so D’Angelo, von den Aufständen in Ferguson, Ägypten und von Occupy, „von jedem Ort, an dem eine Gemeinschaft die Nase voll hat und beschließt, etwas zu verändern“. Das Cover von Black Messiah liefert dazu eine visuelle Chiffre für die Vielheit jenes „schwarzen Messias“, den D’Angelo als kollektive Figur eines revolutionären Aufbegehrens entwirft.“ (th)

Zur vollen SPEX-Review von Tom Holert

Reinhören: Really Love

14. Sophia Kennedy – Sophia Kennedy (Pampa), 2017

Es gibt da diesen Spruch, den eigentlich nur alte Leute sagen: „Gut’ Ding will Weile haben“. Doch so ist es bei Sophia Kennedy tatsächlich, die mit ihren jetzt 30 Jahren aber schon ein gutes Stück vorangekommen ist. In Baltimore geboren, zog sie in ihren Zwanzigern von einer Hafenstadt in die andere – nach Hamburg. Und nichts gegen Hamburg, trotzdem fragt man sich schon, warum sie sich ausgerechnet dort niederlassen wollte, wo nur zwei Mal im Jahr die Sonne scheint. Doch geschenkt, denn irgendwie hatte Kennedy den richtigen Riecher.

Denn in Hamburg traf sie auf die Crème de la Crème der Musikszene. 2013 ging es mit einer Single los, die sie zusammen mit dem Schnauzer tragenden Schnuckelchen Carsten „Erobique“ Meyer produziert hat. „Angel Lagoon“ hieß die und man merkte sofort, was für ein großartiges Organ Kennedy hat, wunderte sich aber über dieses schüchterne Mädchen, das im Musikvideo rosa Prickelwasser trinkt und entrückt in die Ferne starrt. Klar, diese Lolitanummer war natürlich gleichzeitig furchtbar ironisch angelegt – Erobique halt. Aber kann man sich ironisch von etwas distanzieren, was noch nicht etabliert ist? Und das war Kennedy bis dato nicht, weshalb der Look und Lyrics wie „Her skin is so soft like a sweater / She has a taste like champagne“ dann doch nach old, old Männerfantasien riechen …

Die besten Sachen entstehen jedenfalls beim Prokrastinieren. So scheint es auch Sophia Kennedy zu gehen, die vermutlich nur deshalb so gute Musik macht, weil sie sich vor dem Filmemachen drückt. 2017 war ihr Erfolgsjahr, da brachte sie mit Helena Ratka als Shari Vari eine gemeinsame EP heraus und dann ihr Solodebüt. Und es ist wirklich gut geworden, woran es allerdings nie einen Zweifel gegeben hatte. Denn Meense Rents und Pampa-Betreiber DJ Koze hatten sie unter ihre Fittiche genommen – und die Fischköppe können ja was. 

Und Kennedy kann erst recht was. Allein ihre Stimme ist ein richtiges Statement: Kräftig, durchdringend, selbstbewusst und auf den Punkt. Schließlich muss man klar und deutlich sein, wenn man nicht stecken bleiben will. Denn die Zeit zwischen Zwanzig und Dreißig ist ja eigentlich total fies, was die Diskrepanz zwischen eigenen Wünschen und Lebensrealität betrifft. Da gibt es diese Verlorenheit, die einen ereilt, wenn theoretisch alles möglich ist, aber praktisch gar nichts, und man dann mit seinen großen Träumen im Kopf an der Fleischtheke steht, um Kohle zu verdienen.

Von diesem Zustand, der zwar noch total fluide, aber von der Tendenz zum bad ending geprägt ist, erzählt Kennedy uns auf ihrem Debüt, wie sie es vielleicht auch ihrem Tagebuch erzählen würde: „Liebes Tagebuch, heute geht es mir so und heute so. Ich verstehe mich selbst nicht, aber das ist okay. Und es ist auch okay, wenn ich die eigene Wohnung nicht verlassen will, weil draußen alles grau und regnerisch ist.“ Da ist es total verständlich, dass sie manchmal Heimweh nach Baltimore hat, wie sie auf der Platte auch singt. Und das weltbeste Stück „Being Special“ lohnt alleine schon für die Zeile „Being lonely makes you special / But being special makes you lonely, too“. Auch spannend, diese selbstbezogene, leicht paranoide Haltung, die außerdem in dem Song steckt. 

Darüber hinaus ist Kennedy von House bis R’n’B ein so musikbegabtes Chamäleon, wie es kaum ein zweites in Deutschland gibt, und bei dem auch die Binse „Form follows function“ passt, weil sie mit Vorliebe in alle möglichen Genrekleider schlüpft. Im Musikvideo von „Being Special“, von einer Frau produziert, trägt sie zwar den Godard-mysteriouswomen-Look, der aber sofort mit einem eisblauen Granita und einer coole Cowboy-Geste konterkariert wird. Später hängt Kennedy dann in knallroter Lacklederhose gelangweilt im Einkaufszentrum herum. Gibt es ein besseres Bild für die lost and scary Zwanziger? Nein, das gibt es nicht. (af)

Reinschauen: Being Special

13. Anna von Hausswolff Ceremony (City Slang), 2013

Es scheint nur folgerichtig, dass eine aseptisch designte und perfekt ausgeleuchtete Welt sich wieder in modrige Dunkelheit zurückziehen wollte. Anna von Hausswolff hatte bereits im Jahr 2012 mit der LP Singing From The Grave bewiesen, dass sie ein schlechtes Booking für den nächsten Kindergeburtstag sein würde, zementierte das auf Ceremony allerdings mit noch größeren und umso dramatischeren Gesten. Die Orgel dröhnt, die Synthies flirren, die Gitarren röhren, die Drones dräuen und hier oder dort gibt sogar ein vertrackter Rhythmus der ganzen Sache Rückhalt.

Im Zentrum des Ganzen allerdings steht eine Stimme, die Kirchenschiffe zum Beben bringen könnte und nebenbei noch die wilde Mischung aus Gothic-Tropen, Folk-Formen und Metal-Referenzen zu einer ziemlich einzigartigen Melange zusammenführt. Diamanda Galás sei eines ihrer frühesten Vorbilder gewesen, erzählt von Hausswolff gerne und angesichts des mal wuchtigen, mal fragilen Stimmeinsatzes der Schwedin lassen sich im Geiste noch andere und ähnliche Sänger_innen dazuzählen: Kate Bush vielleicht, Scott Walker ganz bestimmt.

Das – ganz wortwörtlich gesprochen – Schöne an von Hausswolffs Musik ist allerdings, dass sich jenseits von Haudrauf-Titeln wie „Deathbed“ oder „Funeral For My Future Children“ noch viel Humor und Hintersinnigkeit verbirgt. Es ist ja nicht alles schlecht auf der sonnenabgewandten Seite des Lebens. (kc)

Reinschauen: Mountains Crave

12. Angel Olsen Burn Your Fire For No Witness (Jagjaguwar), 2014

Mit Burn Your Fire For No Witness gelang Angel Olsen der Sprung von croonender Folk-Bardin zur Rock-Songwriterin mit großer Bandbesetzung. Um dem Prinzip „Unfucktheworld” gerecht zu werden sind hier nun laute Riffs und Akkorde gefragt, verwurzelt im Folk-, Country- und Punk-Rock. Alles wird – easy going – aus der Hüfte geschossen und formte im Gesamten das Bild einer facettenreichen Musikerin, die den Grundstein für ihr weiteres Soloschaffen legte. Hier vermisst man nichts: Weder die bereits bekannte intime Melancholie einer sakralen Songwriter-Ballade noch den hingerotzten Missmut einer Musikerin, die dem Schicksal der zweiten Reihe als Backgroundsängerin (bei Bonnie „Prince” Billy) zum Glück entkommen ist. (jh)

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Reinschauen: Windows

11. Noname Telefone (Selbstveröffentlichung), 2016

Telefone ist eine die Platten, auf die sich alle einigen können und zu der es doch herzlich wenig zu erzählen gibt. Die Fakten: Fatimah Nyeema Warner erklimmt als Rapperin und Poetry Slammerin im Jahr 2010 die Bühnenbretter Chicagos, hat drei Jahre später einen Gastauftritt auf Chance The Rappers Acid Rap, lässt 2016 erst den Zusatz „Gypsy“ aus ihrem Pseudonym fallen und droppt dann noch mehr: Telefone erscheint im Juli, zwei Monate nach Chance The Rappers Coloring Book, auf dem Warner erneut zu hören ist. Gutes Timing also, vor allem weil Sommer ist – und die Wahlkatastrophe im November noch nicht absehbar. 

Drei Jahre hatte Warner an Telefone gearbeitet und darauf dann alles zusammengedacht, was sich nur zusammendenken lässt. Blues-Inflektionen und Beatmaking, Backpacker-Grooves, Bar-Jazz und Barbershop, Humor und Hooklines, Soul und Lauryn-Hill-Zitate, die Traumata Schwarzer Erfahrungswerte und die Hoffnung auf rosigere Zeiten. Eine Frau ruft die Welt an, die bleibt für 33 Minuten am Hörer kleben und drückt danach verschwitzt die Wiederwahltaste. Es gibt einen Grund, warum es zu Telefone herzlich wenig zu erzählen gibt: Weil Noname damit schon selbst alles gesagt hat. (kc)

Reinhören: Telefone