Das Jahrzehnt ist fast vorbei, das Album so langsam aber sicher tot. Bevor es soweit ist, gehen wir aber noch einmal all in: Hier sind sie, die 200 SPEX-Alben der letzten Dekade. Heute: Platz 100 bis 51. 

Die Plätze 200-151 sind hier zu finden, zu den Plätzen 150-101 geht es hier.

100. Soap&Skin Narrow (Play It Again Sam), 2012

In Österreich sind sie anscheinend sehr gut darin, emotionale Ausnahmezustände in Kunst zu verwandeln: Ingeborg Bachmann, Michael Haneke, Sabine Derflinger … 2009 gesellte sich dann Anja Plaschg alias Soap&Skin mit morbiden Moritaten dazu. Ihr zweites Album Narrow entstand nach dem plötzlichen Tod ihres Vaters. Es ist so kraftvoll wie sein Vorgänger, niemals zu intim und dafür sehr poetisch. (af)

Reinschauen: Boat Turns Toward The Port

99. Perfume Genius Too Bright (Matador), 2014

Mike Hadreas ist im Leben viel Schlimmes widerfahren: Mobbing, Misshandlungen, Krankheit und Drogensucht. Anstatt klein beizugeben, hat er seine Erlebnisse in anmutiger, sakraler Musik transzendiert. Too Bright ist so etwas wie seine dritte rituelle Reinigung und „Queen“ eine tröstende Hymne für alle, die sich ausgeschlossen und verloren fühlen. (af)

Reinschauen: Queen

98. John Maus We Must Become The Pitiless Censors Of Ourselves (Upset The Rhythm), 2011

Eine ganze Saison lang drehte sich noch jedes verdammte Konzertpausenfüllergespräch darum, wie schwitzig-saucool John Maus‘ Live-Auftritte doch bitte seien und überhaupt, dieses neue Album mit dem Badiou-Titel und den Joy-Division-auf-Amphetaminen-Songs drauf, schön gehört? Hat’s sich gehalten? Erstaunlicherweise ja. Nur Maus selbst ist derweil ziemlich abgeschmiert. Tja. (kc)

Reinschauen: Believer

97. Altın Gün On (Les Disques Bongo Joe), 2018

Gaye Su Akyol und Derya Yıldırım hier, Reissues von untergegangenen Bands wie der Grup Doğuş dort: Anatolischer Pop und Rock lebte im Bandformat wieder auf und kaum eine andere Gruppe verstand es derart meisterhaft, alten Formen neues Leben einzuhauchen wie Altın Gün aus … Amsterdam? Passt schon! (kc)

Reinhören: Cemalim

96. Young Thug Barter 6 (300 Entertainment), 2015

Man kann den Einfluss dieses jungen Mannes aus Atlanta auf den Sound des Jahrzehnts gar nicht überschätzen. Nachdem er zuvor auf zehn (!) Mixtapes in vier (!) Jahren Hip-Hop in seine Einzelteile zerlegt hatte, gesellte sich auf Platte Nummer elf sogar noch brillantes Songwriting dazu. (dp)

Reinhören: Dream (feat. Yak Gotti)

95. Hildur Guðnadóttir ‎ Chernobyl (Music From The HBO Miniseries) (Deutsche Grammophone), 2019

Hildur Guðnadóttir hat sich ein gutes Jahrzehnt im Hintergrund beziehungsweise Underground herumgetrieben, bevor ihr Name bei Hollywood-Größen auf der Schnellwahltaste landete. Nachdem sie gemeinsam mit dem 2018 verstorbenen Jóhann Jóhannsson an zahlreichen bahnbrechenden Soundtracks mitwirkte, war 2019 ihre Zeit endlich gekommen. Während ihr Joker-Soundtrack alles machte, was so ein Joker-Soundtrack alles machen musste, machten ihre Kompositionen für Chernobyl, genau, alles richtig. (kc)

Reinhören: Bridge Of Death

94. Molly Nilsson Follow the Light (Dark Skies Association), 2010

Meanwhile in Berlin: Molly Nilsson legt in verlässlichen Abständen ein Album nach den anderen ab und etabliert sich als die coolste Sau von ganz Neukölln. Weiter so! (kc)

Reinschauen: Last Forever

93. Lorde Melodrama (Universal), 2017

Der erste große Pop-Star der Generation Z legte nach ihrem Megahit „Royals“ eine Album-als-Konzeptplatte vor, die vom struggle einer jungen Frau erzählt und immer dann genau den richtigen Haken schlägt, wenn man sich gerade im Schönklang der Pop-Wolken eingekuschelt hat. „Homemade d-d-d-dynamite“, indeed. (jd)

Reinschauen: Perfect Places

92. Earl Sweatshirt Doris (Columbia), 2013

Beste Selbstdarstellung: „Earl“. Bestes Video: „Grief“. Beste Story: Some Rap Songs. Bestes „Junge, wie hast du das an deiner Plattenfirma vorbeigeschmuggelt“: Feet Of Clay. Bestes Album aber? Genau. Earl Sweatshirts Doris zeigte Thebe Kgositsile drei Jahre nach seinem Debüt und kurz nach dem Peak-Moment des Odd-Wolf-Gang-Hypes als Rapper, der auf Albumlänge einen kratertiefen Abgrund vermessen konnte. (kc)

Reinschauen: Chum

91. Mykki Blanco Mykki (!K7), 2016

Michael David Quattlebaum Jr. ist ein ehemaliger Kunststudent, Gangsta-Rapper, Drag-Queen und Queer-Aktivist. Und damit der lebende Beweis dafür, dass Hip-Hop so mannigfaltig wie das Leben sein kann. Dank seines Debüts Mykki können jetzt auch komplex veranlagte Hörer_innen etwas mit dem Genre anfangen, das ja meistens eher den Möchtegern-Gangstern vorbehalten ist. (af)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Loner (feat. Jean Deaux)

90. Ghostpoet Peanutbutter Blues & Melancholy Jam (Brownswood), 2011

Zwischen Avant-Rap und düsteren Dubstep-Kellern werkelt Ghostpoet am innovativsten Hip-Hop-Entwurf der britischen Hauptstadt. (jh)

Reinschauen: Liines

89. Chino Amobi Airport Music for Black Folk (NON), 2016

Wandtapeten- und Schaumbadmusik war einer der größten Trends des Jahrzehnts, nur einer legte berechtigten und lautstarken Widerspruch ein: Chino Amobis Airport Music For Black Folk arbeitete auf engem Raum konzise heraus, wie wenig Feel-Good-Atmo Schwarzen an den Nicht-Orten dieser Welt möglich ist. Genau, herzlich wenig. (kc)

Reinschauen: Warszawa

88. Stormzy Gang Signs & Prayer (#Merky), 2017

Okay, verzeihen wir ihm einfach mal großmütig den Totalschaden von einem Song zusammen mit Ed Sheeran: Stormzy war im vergangenen Jahrzehnt schlicht das Gesicht einer sich rapide wandelnden britischen Grime-Szene, die längst keinen Widerspruch zwischen Untergrund und Rampenlicht sieht – und diese Bühne mit Herz und Verstand nutzt. In Stormys Fall: gegen Gleichmacherei, Brexit und, ja, die Tories. (dp)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Big For Your Boots

87. Marie Davidson Working Class Woman (Ninja Tune), 2018

Adieu au Dancefloor, Working Class Woman, Karriereende: Marie Davidson bleibt der Welt als Teil von Essaie Pas erhalten, verfasste aber auch zwei Alben als lange Briefe zum kurzen Abschied von Business-Techno und Techno-Business gleichermaßen. Das sollte dem Rest der Dance-Welt zu denken geben. (kc)

Zur SPEX-Review

Reinhören Work It

86. Mike May God Bless Your Hustle (Selbstveröffentlichung), 2017

Schon klar, kennt niemand. Allerdings seit Kurzem seinen Sound: Niemand anderes als Earl Sweatshirt bediente sich für sein jüngstes „Album“ Feet Of Clay fürstlich am wie mit zehn Daumen zusammengeschraubt klingenden Soul-Sample-Sound des New Yorkers. (dp)

Reinschauen: Pigeonfeet

85. Little Simz Grey Area (Age 101 Music), 2019

Simbiatu Ajikawo ist für ihre 25 Jahre schon ganz schön lange im Showgeschäft. Als performance kid gestartet, hat die britische Rapperin unter dem Pseudonym Little Simz später zwei konzept- und metaphernlastige Alben herausgebracht, bevor sie mit ihrer persönlichsten Platte Grey Area endlich bei sich angekommen zu sein scheint. (af)

Zum SPEX-Feature

Reinschauen: Offence

84. Shabazz Palaces Lese Majesty (Sub Pop), 2014

Das Gegenteil von Soundcloud und purple drank: Shabazz Palaces hauten einem mit ihrem Hirnknoten-Rap die irdischen Freuden mit Schmackes um die Ohren und luden stattdessen zu einer langen und beschwerlichen Reise. Wohin? Ach, irgendwohin. Wieso? Frag’ nicht so blöd. (dp)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Forerunner Foray

83. International Music Die besten Jahre (Staatsakt), 2018

International Music haben ein paar traurige Lebensweisheiten auf Vinyl gepresst: „Frauen müssen geil sein / Männer müssen cool sein / Jobs müssen Geld bringen / Männer müssen geil sein / Jobs müssen cool sein / Frauen müssen Geld bringen / Jobs müssen geil sein / Frauen müssen cool sein / Männer müssen Geld bringen“. (af)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Mama, warum?

82. Rihanna ANTI (Roc Nation), 2016

Es gibt dieses Selfie von Rihanna, auf dem sie mit einem golden Kronen-Kopfhörer ihr eigenes Album hört. Und das sagt eigentlich schon alles. Eine Platte als Selbstkrönung, bei der selbst Drake nur Beiwerk im Hintergrund ist. (jd)

Reinschauen: Needed Me

81. Mark Ernestus’ Ndagga Rhythm Force Yermande (Ndagga), 2016

Die Ndagga Rhythm Force ist vor allem als Live-Act zu denken, das im Studio als konsequente Fortführung und zugleich Ahnenforschungsprojekt in Dub getaucht wird. Allein Mark Ernestus‘ Karriere legt in ihrem Verlauf von Techno über Dub und Reggae hin zu den MBalax-Grooves seiner Band eine Traditionslinie offen, an deren anderem Ende auf Yermande der Zukunft entgegen gepoltert wird. (kc)

Reinhören: Yermande

80. Planningtorock All Love’s Legal (Human Level), 2014

Noch nie hat ein Gender-Studies-Seminar so viel Spaß gemacht. Planningtorock is the best teacher. (jh)

Reinschauen: Human Drama

79. Macintosh Plus Floral Shoppe (Beer On The Rug), 2011

Vaporwave war der heißeste Scheiß der frühen Jahre dieser Dekade, mittlerweile haben vielleicht nur sechs Leute auf dieser Welt den Überblick, was jetzt noch Hardvapour oder was schon Slushwave und Fashwave ist. Egal: Floral Shoppe bleibt der Genreklassiker und Ramona Xavier alias Vektroid alias Macintosh Plus alias etc. pp. usw. usf. die ungekrönte Königin eines Genres, das im Rückblick weitaus weniger subversiv aussieht, als das noch 2011 der Fall war. (kc)

Reinhören: Floral Shoppe

78. Haiyti Montenegro Zero (Vertigo), 2018

Miami, Rendezvous, Robbery, Ovadoze und jetzt Hayiti. Die Hamburger Rapperin, die eigentlich Ronja Zschoche heißt, hat ihren Künstlerinnennamen öfter gewechselt als andere Smartphones. Ihre Musik ist Cloud Rap vom feinsten, also Tracks im DIY-Modus, bei denen die Botschaft immer auch lautet, sich bloß nicht zu sehr zu verausgaben. Mit „100.000 Fans”, „Berghain” und „Mafioso” war Montenegro Zero der Inbegriff weiblichen Slackertums. (af)

Zum SPEX-Feature

Reinschauen: Gold

77. Destroyer Kaputt (Merge), 2011

Im Retromania-Jahr kommt also Dan Bejar durch die Tür geplatzt, legt ein komplett nostalgisches Album vor und kommt nur deshalb damit durch, weil keine Sau den Soft-Rock-Referenzrahmen auf Anhieb schnallt oder das zumindest zugeben möchte. Kaputt, ja. Destroyer waren vorher und danach nie besser. Der größte Lümmellyriker, den wir haben. (kc)

Reinschauen: Kaputt

76. Sufjan Stevens Carrie & Lowell (Asthmatic Kitty), 2015

Ja, okay, vielleicht trug Sufjan Stevens auch 2015 noch Karohemd, aber sein Folk reichte immer übers schale Folkbarden-Geplänkel hinaus. Mit Carrie & Lowell ging es in Richtung Dekonstruktion. Bitterer life struggle und Familienschmerz wird hier mit Engelsstimmchen verarbeitet. (jh)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Should Have Known Better

75. Aldous Harding Party (4AD), 2017

Konzept-Folk, wie ihn nur eine Aldous Harding kann, die mit Party ihr Rollenspiel um viele Facetten erweitert. (jh)

Reinschauen: Blend

74. Blood Orange Freetown Sound (Domino), 2016

„Keep your hood off when you’re walking”, singt Devonté Hynes auf „Hands Up“ – in Erinnerung an Trayvon Martin, der 2012 von einem Nachbarschaftswächter in Florida erschossen wurde. Die Frage, wie und wann man seine Kapuze trägt, ist für Schwarze Menschen in den USA noch immer eine Frage, die über Leben und Tod entscheiden kann. Es ist die Wut auf dieses zutiefst ungerechte Realität, die unter den süßen Klängen von Freetown Sound kocht. (jd)

Zum SPEX-Feature

Reinschauen: Augustine

73. Waxahatchee Ivy Tripp (Merge), 2015

Die Emo-Platte, die man 2015 ohne schlechtes Gewissen hören konnte. Zwischen Wut und viel Melancholie macht Waxahatchee vor, warum Rock-Gitarren Frauen einfach besser stehen. (jh)

Reinschauen: La Loose

72. Four Tet There Is Love In You (Domino), 2010

Post-Rock, Indietronica, House: Für Kieran Hebden ging es die Nullerjahre über immer weiter Richtung Dancefloor, das folgende Jahrzehnt eröffnete er konsequenterweise also mit Wohlfühl-House zum Zuhausehören. Die Querverweise auf Minimal Music, Garage und 2Step, Frickelbumms-Rhythmen und nicht zuletzt Four Tets feines Näschen für träumerische Melodien lassen es selbst mit weitem Abstand noch behutsam glänzen. Ein, nein, das Meisterwerk des Bescheidenheits-House. Sorry, Dan Snaith, sorry Floating Points. (kc)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Angel Echoes

71. Ebow K4L (Problembär), 2019

Das Desintegriert euch! des Deutsch-Rap. Der Tritt in den Arsch, den Deutschland, sein Heimatminister, seine nach rechts driftende Debattenlandschaft und seine pseudoprogressive Linke verdient haben. Vor allem aber: eine Platte für die Crew. (jd)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: K4L

70. The Knife Shaking the Habitual (Rabid), 2013

Mit Shaking The Habitual, dem vierten und letzten Album von The Knife, ging eine Ära zu Ende, der bis heute viele nachtrauern. Schließlich bildeten Karin und Olof Dreijer die Vorhut einer elektronischen Avantgarde, der die queer-feministische Botschaft mindestens genauso wichtig war wie die Eingängigkeit ihrer Songs. Damit war das schwedische Geschwisterpaar ihrer Zeit weit voraus. Schade, dass es beim aktuellen Diskurs nicht mehr gemeinsam mitmischt. (af)

Reinschauen: A Tooth For An Eye

69. Chance The Rapper Acid Rap (Selbstveröffentlichung), 2016

Bevor er zum reimenden Bibelbruder mutierte, lud Herr Rapper aus Chicago noch einmal sämtliche imaginären Freund_innen zu gemeinsamen Open Mic. Das Ergebnis? So megalomanisch wie Kanye, so detailreich wie Kendrick, so halsbrecherisch wie Twista, so … nun ja, geil eben. (dp)

Reinschauen: Acid Rap

68. Jessy Lanza Pull My Hair Back (Hyperdub), 2013

Musik wie warme Wadenwickel im Winter: Jessy Lanzas Album Oh No hatte zweifelsohne die größeren Hits parat und ihr bester Song erschien nie auf einem Album (wir reden natürlich von „You Never Show Your Love“), das Debüt der Kanadierin warf zu Hochzeiten der Debatten um Future R’n’B auf der einen und Retromania auf der anderen Seite die Arme in den Himmel und seufzte selbstvergessen: Why not both? (kc)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Keep Moving

67. Lana del Rey Born To Die (Interscope), 2012

„Video Games” hat Lizzy Grant international bekannt gemacht, 2012 folgte Born To Die, das erste offizielle Album als Lana Del Rey. Weder der Shitstorm nach einem verpatzten Fernsehautritt noch die Kritik an dem rückständigen Geschlechterbild der Songs konnten ihr etwas anhaben. Vier Alben später kann man sich eine Welt ohne die große Nostalgikerin nicht mehr vorstellen. Und das, obwohl schwermütige Songs wie „Summertime Sadness” für eine Epoche stehen, die so höchstens im Hollywoodfilm stattgefunden hat. (af)

Reinschauen: Video Games

66. Matana Roberts Coin Coin Chapter 1-4 (Constellation), 2011-2019

Vier Kapitel ihres auf zwölf Teile angelegten Großprojekts hat die Jazz-Saxophonistin, Visual-Arts-Künstlerin, Aktivistin und Experimentalmusikerin Matana Roberts in diesem Jahrzehnt geschafft. Eine große Erzählung über die Suche nach Identität als Schwarze Frau im kollektiven Trauma der Sklaverei. Und die beste Geschichtsstunde, die man nie gehört hat. (jd)

Zur SPEX-Review von Chapter One

Reinschauen: Mississippi Moonchile

65. LCD Soundsystem This Is Happening (DFA), 2010

Well, this is how they do hits. Die Karriere von LCD Soundsystem begann mit einem Rant über die Deflation von coolem Wissen und beendete das erste Jahrzehnt dieses Jahrtausends mit hochdramatischen Abschlussgesten. Dann? Die Reunion, das Comeback-Album, die Belanglosigkeit. James Murphy hat sich seinen Traum erfüllt und die konventionelle Bandbiografie einmal durchgedaddelt. Und Fans dürfen lustvoll das Klischee bedienen und nur die Platten von damals auf den Thron stellen. Alles prima! (kc)

Reinhören: You Wanted A Hit

64. Die Heiterkeit Pop + Tod I & II (Buback), 2016

Alles drin was draufsteht: Stella Sommer schreibt die am wenigsten heiteren Deutsch-Indie-Songs der Welt und macht damit trotzdem irgendwie tierisch Laune. (kc)

Zum SPEX-Feature

Reinschauen: Pop & Tod

63. Kate Tempest Let Them Eat Chaos (Caroline), 2016

Kate Tempest ist eine der sozialkritischsten Wortkünstlerinnen des 21. Jahrhunderts und entwirft mit ihrer Lyrik ein apokalyptisches Bild unserer Gegenwart, das leider gar nicht so weit davon entfernt ist. „Europe is lost / America lost / London lost / Still we are clamouring victory / All that is meaningless rules / We have learned nothing from history“, heißt es auf ihrem allerorts gefeierten Abgesang auf Europa. Als bekannt wurde, dass sie einen Boykottaufruf gegen Israel einer BDS-nahen Gruppe unterschrieben hatte, kühlte sich die hymnische Verehrung allerdings etwas ab. (af)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Europe Is Lost

62. M.I.A. AIM (Interscope), 2016

M.I.A. ist ein Palindrom. Rückwärts gelesen ergibt es den Titel von Aim. So heißt das jüngste Album der britischen Rapperin Mathangi Arulpragasam, die sich nur ungern den Mund verbieten lässt. M.I.A. hat eine Meinung und provoziert gerne: Mit Lyrics über die PLO, Pistolenschüssen in „Paper Planes” und einem Mittelfinger beim Super Bowl, der ihrem Ex-Verlobten galt. 2015 brachte sie sich erneut ins Gespräch, als sie die Vorabsingle „Borders” veröffentlichte. Darin trifft die Tochter tamilischer Geflüchteter die Ungerechtigkeit der europäischen Flüchtlingspolitik auf den Punkt. Chapeau dafür! (af)

Reinschauen: Borders

61. Omar-S Thank You For Letting Me Be Myself (FXHE), 2013

House-Alben sind nie etwas anderes als eine lose Sammlung von Tracks und House-Tracks wiederum nichts weiter als Kick, Snare, Hi-Hat und vielleicht noch Klavier, die im immerselben BPM-Bereich die Basis für die Bassline bilden. Weil Omar-S das nicht leugnet, ist er der Geilste und Thank You For Letting Me Be Myself das beste House-Album der Zehnerjahre. Punkt. (kc)

Reinhören: The Shit Baby (CP-1 Played By D. Taylor)

60. FKA Twigs LP1 (Young Turks), 2014

FKA Twigs lieferte die Entschlackungskur für R’n’B, obwohl (oder weil) sie mit dem Genre eigentlich gar nichts zu tun haben wollte. (jh)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Two Weeks

59. Les Filles de Illighadad Fatou Seidi Ghali & Alamnou Akrouni (Sahel Sounds), 2016

Sahel Sounds war allein deswegen eines der prägendsten Labels des Jahrzehnts, weil Christopher Kirkley seine archäologischen und archivarischen Bemühungen eben nicht nur auf leicht verkäufliche Reissues kurioser Tuareg-Gitarrenplatten von anno dazumal beschränkt. Les Filles de Illighadad stachen selbst neben zeitgenössischen Schwergewichten wie Mdou Moctar noch hervor: Fatou Seidi Ghalis und Alamnou Akrounis Interpretation des Tenge-Sounds hat alle Zutaten einer Jam-Session im klassischen Sinne – repetitive Rhythmen und Gitarrenriffs, Call and Response, gemurmelte Vocals – und doch haftet der Sache kein Patschuligeruch an. Bevor es für das ebenfalls exzellente Eghass Malan ins Studio ging, fingen die in einer provisorischen Aufnahmebox live eingespielten Songs auf dem Debüt die sonderbare Magie des Projekts am dringlichsten ein. (kc)

Reinschauen: Telilit

58. Zola Jesus Conatus (Sacred Bones), 2011

Der Preis für die steilste Karrierenverlaufskurve geht in diesem Jahrzehnt vermutlich an Zola Jesus: In zehn Jahren arbeitete sich Nika Roza Danilova vom Noise-Jam zum (konzeptuellen) Rihanna-Rip-Off vor. Dazwischen? Brachte Conatus das Goth-Update für die Generation Berghain mit sich, an dem sich andere zu dieser Zeit vergeblich versuchten. (Oder erinnert sich hier noch jemand an Austra? Eben.) Unsere nachfolgende steile These: Der David-Lynch-Remix von „In Your Nature“ ist die schönste Trip-Hop-Nummer des Jahrzehnts. (kc)

Reinschauen: Seekir

57. Beyoncé Beyoncé (Parkwood Entertainment), 2013

Beyoncé ist die ultimative Königin der Popmusik. Dies beweist sie mit jedem Album aufs Neue. 2014 brachte sie ihr sage und schreibe siebtes Soloalbum heraus, das sie kurzerhand nach sich selbst benannt hat. Gesanglich ist es natürlich wieder top und auch die Gäst_innen darauf können sich sehen lassen: Chimamanda Ngozi Adichie zum Beispiel, die in „Flawless” die restriktive Erziehung von Mädchen anprangert. Gut, dass Beyoncé ihre Popularität dazu nutzt, solche Botschaften in die Welt zu tragen – trotz all der berechtigten Kritik an ihrer Person. (af)

Zur SPEX-Serie Das System Beyoncé

Reinschauen: Pretty Hurts

56. Andy Stott Luxury Problems (Modern Love), 2012

Als Andy Stott Luxury Problems veröffentlichte, fuhr er vor allem Luxuskarossen durch die Gegend – beruflich, versteht sich. Ein wenig scheint der Job als Autolackierer auch auf das Album abgefärbt zu haben: Alles ist slick und strahlt nach Hochglanz, ist zugleich aber tief und kurvig wie ein frisch getunter Sportwagen. Luxury Problems ist aber vor allem deswegen eines der besten Techno-Alben des Jahrzehnts, weil Stotts Klavierlehrerin Alison Skidmore dem Ganzen für wenige magische Moment ihre Stimme geliehen hat. (kc)

Reinschauen: Numb

55. Loraine James For You & I (Hyperdub), 2019

In Zeiten des Brexit freut man sich doppelt und dreifach über die neue radikale Hausgeburt des Labels Hyperdub, denn Loraine James ist all das, was die Sesselpupser des britischen Establishments nicht sind: iung, weiblich, Schwarz, lesbisch. (jh)

Zum SPEX-Feature

Reinschauen: London Ting, Dark As F**k (feat. Le3 bLACK)

54. Lil Peep Hellboy (Selbstveröffentlichung), 2016

Die Karriere Gustav Elijah Åhrs war intensiv und exzessiv, vor allem aber war sie kurz. Das Mixtape Hellboy erschien ein Jahr nach seinem Debüt als Lil Peep und damit wiederum ein Jahr vor seinem Tod durch eine Überdosis Fentanyl. Als letztes seiner Mixtapes markiert es seinen endgültigen Durchbruch, aber auch den kreativen Zenit eines jungen Menschen, der danach in einen Strudel aus Stress und Selbstzerstörung gezogen wurde, aus dem er nicht mehr lebend wieder auftauchte. (kc)

Zum SPEX-Feature

Reinschauen: Hellboy

53. Perfect Pussy Say Yes To Love (Captured Tracks), 2014

Perfect Pussy verschwanden genauso schnell von der Bildfläche, wie sie dort mit ihrer ersten EP I Have Lost All Desire For Feeling im Jahr 2013 aufgetaucht waren, hinterließen aber immerhin eine monumentale LP von … Na ja, knapp 23 Minuten Länge. Für eine Noise-Punk-Band geht Intensität allerdings über Nachhaltigkeit und im Idealfall wirkt das auch mit einigen Jahren Abstand noch genauso. Say yes to Say Yes To Love! (kc)

Zum SPEX-Feature

Reinschauen: Interference Fits

52. Dengue Dengue Dengue Zenit & Nadir (Enchufada), 2019

Allen euphorischen Thinkpieces zur angeblichen Dekolonialisierung des Dancefloors zum Trotz befinden sich Industrie und Kapital noch immer fest in der Hand des globalen Nordens. Doch scheint selbst das auch langsam zu bröckeln. Dengue Dengue Dengue verabschiedeten sich auf Zenit & Nadir weitgehend vom Cumbia-Sound, der ihre Musik bis dahin maßgeblich prägte, und versuchten stattdessen neue Allianzen mit afro-lateinamerikanischen Traditionen genauso wie mit aktuellen Sounds des Black Atlantic und deren Vertreter_innen zu schmieden. Das passiert zwar von Berlin aus und mit einem ausgesprochen weißbrotfreundlichen Sound, sowohl die vorsichtigen Geschichtskorrekturen als auch der gemeinschaftliche Ansatz des peruanischen Duos allerdings ist in jeder Hinsicht vorbildlich. Und, ach ja, es handelt sich natürlich bei jedem Track um einen unfassbaren Banger. Eh klar. (kc)

Zur SPEX-Review

Reinschauen: Ágni (Live)

51. Taylor Swift 1989 (Big Machine), 2014

Als Ryan Adams ein Jahr nach Taylor Swifts Original sein Coveralbum 1989 vorlegte, raunte die (männliche) Pop-Kritik und (männliche) Indie-Streber unisono in später Erkenntnis: Das sind ja unfassbare Pop-Songs! Ja, verdammt. Dass ihr dafür Adams’ Rework brauchtet, sagt mehr über eure eigene internalisierte Frauenfeindlichkeit aus als über einen der prägendsten Pop-Stars dieses Jahrzehnts. (jd)

Zum SPEX-Essay

Reinschauen: Blank Machine

Hier geht es zu den Plätzen 50 bis 21.