Die Behauptung von Relevanz

Kein Kulturereignis in Berlin hat eine derart universale, szene-übergreifende Relevanz wie die Berlinale. Der Friedrichshainer Altpunk folgt ebenso wie der Wilmersdorfer Popper dem Ruf des Festivals, sich in die langen Schlangen vor den Ticketcountern einzureihen. Alexis Waltz gibt einen Überblick über die sehenswertesten Filme des Filmfestivals, weitere Filmkritiken folgen in den nächsten Tagen.

Berlinale 2007 / 2009

Was zählt ist auf dem Teppich, so die Wahrnehmung der Berlinale. Die Erfahrung zeigt aber: die interessantesten Filme sieht man abseits des Blitzlichtgewitters.

(Foto: CC Chunyang Lin / Flickr)

Nach der hochkarätig besetzten Berlinale des vergangenen Jahres mit Gästen wie Mick Jagger und Martin Scorsese dürfte es 2009 nur schwer gelingen, diesen Erfolg zu toppen. Ohne den thematischen Schwerpunkt auf der Musik wie im Vorjahr wirkt das Programm des Festivals in diesem Jahr disparater und zerfahrener. Im Wettbewerb klimpern wieder die Manschettenknöpfe jener Filmemacher, die schon seit Jahrzehnten für ein politisch gut gemeintes, künstlerisch solides Kino stehen. Kontrovers oder herausfordernd sind die Filme von Regisseuren wie Costa-Gravas, Chen Kaige, Stephan Frears oder Theo Angelopoulos selten. Noch ruchloser werden aktuelle Hollywoodfilme ins Wettbewerbsprogramm genommen, wenn der Film einen Starbesuch in Aussicht stellt. Wegen Steve Martin läuft »Pink Panther 2«, »My One and Only« wegen Kevin Bacon. Gespannt ist man auf Maren Ades »Alle anderen« – sie hat mit »Der Wald vor lauter Bäumen« vor vier Jahren einen außergewöhnlich beklemmenden Film gemacht, der die Widerspruchslosigkeit und den Befindlichkeitsgestus vieler Berliner-Schule-Filme hinter sich ließ. Ebenso neugierig macht »The Messenger« von Oren Moverman, der sich als Drehbuchautor von Todd Haynes einen Namen machte. »Deutschland ’09« orientiert sich an »Deutschland im Herbst« von 1978: Dreizehn Regisseure, das Spektrum reicht von Fatih Akin bis Angela Schanelec, erkunden das politische und soziale Klima der Gegenwart.

    Internationalisierung ist das Thema der Berlinale 2009: Hans-Christian Schmid zeigt seinen ersten englischsprachigen Film, Florian Gallenberger arbeitete in China, der französische Regisseur Bertrand Tavernier hat wie Tom Tykwer in den USA gedreht. In den Filmen wird dabei immer häufiger eine gewisse Ortlosigkeit spürbar: Das New Yorker Guggenheim-Museum beispielsweise wurde für Tykwers »The International« in den Babelsberger Studios nachgebaut. Die Berlinale behauptet die Relevanz eines internationalisierten Kinos, das nationale Kinematographien als Bezugspunkte hinter sich lässt. Typisch sind aber die vielen spanisch-litauisch-dänischen Koproduktionen, die Hollywood-Standards augenzwinkernd eine Harke schlagen wollen, sich aber kaum trauen, gegenüber dem Publikum etwas zu riskieren.

    Das Panorama, die Erweiterung des Wettbewerbsprogramms ohne Premieren, findet zum dreißigsten Mal statt. Die Sektion beschäftigt sich deshalb mit der eigenen Geschichte: Das ›Queer Cinema‹ steht im Zentrum des Panorama-Programms, in diesem Bereich kann es aus einer reichen Vergangenheit schöpfen: Gus Van Sant etwa zeigte dort 1985 sein Filmdebüt »Mala Noche«. Heute führt er »Milk« vor, seinen Oscarträchtigen Film über Harvey Milk, dem ersten schwulen Stadtverordneten San Franciscos. Dem wiederum widmete das Panorama bereits 1985 eine Dokumentation, die jetzt zusammen mit Van Sants »Milk« gezeigt wird. Im Programm des Forums, der Sektion für den Künstlerischen Film, überrascht zunächst die Abwesenheit bekannter Namen. Harun Farockis »Zum Vergleich« zeigt die Herstellung von Ziegelsteinen an verschiedenen Orten auf der Welt: einmal wird das Baumaterial von menschlichen Händen hergestellt, woanders von denen eines Roboters. Zum ersten Mal zeigt der häufig erwähnte US-amerikanische Indie-Regisseur Andrew Bujalski einen seiner Film in Deutschland, deren extremes Understatement an die Filme John Cassavetes’ erinnert.

    Das Thema der Retrospektive ist so technisch ausgerichtet wie noch nie: ihr Thema ist der 70-mm-Film. Dieses Verfahren, bei dem sieben Zentimeter breites Filmmaterial eingesetzt wird, ist so teuer, dass es nur für Großproduktionen verwendet wurde, etwa William Wylers »Ben-Hur« oder Franklin J. Schaffners »Patton«. Dem 70-mm-Thema fehlt ebenso sehr wie der gesamten Berlinale eine spezifische künstlerische Fragestellung.

    So sehr das Festival auf eine größere Zahl von Zuschauern, auf mehr Sektionen, mehr Spielorte und mehr Stars setzt, werden die filmischen Sensationen doch an den Rändern des Festivals stattfinden.


In den nächsten Tagen folgen an dieser Stelle weitere Ausblicke auf die Berlinale, etwa Catherine Breillats »Barbe Bleue«, George Tillman Jr.’s Biopic »Notorious« oder »Alle anderen« von Maren Ade.

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