Die anlassfreie Rezension #9: Alton Ellis Blackman’s Word / Black Man’s Pride vs. Cyprien Gaillard Nightlife

Abseitiges aus dreieinhalb Dekaden (und darüber hinaus): 35 Jahre SPEX sind Anlass genug für einen Reigen anlassloser Kritiken. Wir kümmern uns um Werke, die nicht neu sind, aber irgendwie immer aktuell bleiben. Und deswegen eine erneute Besprechung verdienen.

Ist die bildende Kunst die letzte Bastion des Pop? Im 23. Jahr nach Reservoir Dogs drängt die Populärmusik von den Kinoleinwänden über die Fernsehbildschirme in die Galerien und Ausstellungshäuser. Neben eigens in Auftrag gegebenen Musikstücken sind bestehende oder breiter bekannte Songs im Kunstkontext bislang eher selten. Die anziehenden Preise auf dem Kunstmarkt ermöglichen aber auch die Lizenzierung kostspieligerer Titel, was Cyprien Gaillards jüngsten Kunstfilm Nightlife nicht nur zur kreativen, sondern auch wirtschaftlichen Pionierarbeit macht.

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Gaillard, ein quasi Unfehlbarer der kontemporären Kunstblase, versucht sich an nicht weniger als der Skulpturwerdung von Musik. Während Ceal Floyer vor zwei Jahren Tammy Wynettes Song »Till I Get It Right« als von den Worten »falling in love« befreiten Loop ätherisch durch die Haupthalle der Documenta 13 wehen ließ, verlängert Gaillard genre- wie traditionsbewusst ein neunsekündiges Stimmsample zu einer 15-minütigen version, um seinen vier Sequenzen umfassenden Film zu untermalen: Man hört das zwischen Wehklagen und Jubilieren oszillierende Falsett von Alton Ellis; »I was born a loser« singt der jamaikanische Rocksteady-Crooner auf seiner 1969 bei Treasure Island erschienenen Single »Blackman’s Word«. Gaillard lässt das Lamento zu einem herzerweichend hypnotisierenden Mantra anwachsen und verleiht ihm durch analoge Hall- und Delay-Effekte auf der Tonspur eine ähnliche räumliche Dimension wie Auguste Rodins Denker-Büste, die er mit einer 3-D-Kamera umkreist, um deren Plastizität ebenso ins Hyperrealistische zu steigern wie danach scheinbar zum Beat schunkelnde Hollywood-Juniper-Bäume in Los Angeles oder das alljährlich am Berliner Olympiastadion stattfindende Pyronale-Feuerwerk, in das Gaillard mit einer Kameradrohne eintaucht.

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Nightlife (film still) 2015 3D motion picture, DCI DCP 14:28 min / Copyright Cyprien Gaillard Courtesy Sprüth Magers

Der Kunstgriff kommt zur Coda: Während ein Helikopter mit Suchlicht einen majestätischen Baum umkreist, kehrt Alton Ellis aus dem tiefen Tal des Dub fast unmerklich mit der entscheidenden Wendung zurück: »I was born a winner.« 1971 interpretierte er seinen Song für das Coxson-Label so simpel wie radikal neu und nannte ihn »Black Man’s Pride«. Bei Gaillard kommentiert die Zeile die deutsche Eiche, die Jesse Owens von einem der Setzlinge pflanzte, die er als vierfacher Goldmedaillengewinner der Olympischen Spiele 1936 in Berlin überreicht bekommen hatte und die bis heute im Innenhof seiner Highschool in Cleveland steht. Auch er ein für unmöglich gehaltener Sieger, den Gaillard in seine universellen Abhandlung über Unterdrückung, Umwälzung und Überwindung assoziativ einflicht und dabei das Weltgeschehen so einfach wie erhaben mit einem Song umfasst, den man nie wieder so hören wird wie zuvor.

Alton Ellis
Blackman’s Word / Black Man’s Pride
Treasure Island / Coxson
(Song)

Cyprien Gaillard
Nightlife
Sprüth Magers Berlin
(Film)

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