Die anlassfreie Rezension #8: Kapitæl Zwei Kolektif Party # 4 – NSU vs. Various Heinz K. aus H.

Abseitiges aus dreieinhalb Dekaden (und darüber hinaus): 35 Jahre SPEX sind Anlass genug für einen Reigen anlassloser Kritiken. Wir kümmern uns um Werke, die nicht neu sind, aber irgendwie immer aktuell bleiben. Und deswegen eine erneute Besprechung verdienen.

Ernste Themen verbindet man im Regelfall nicht mit einer Feier. Außer vielleicht beim Leichenschmaus, der aber eine rituelle Funktion übernimmt. Wenn man jedoch den Schauder, den einem die Kombination von Party und den NSU-Morden über den Rücken jagt, einmal abgeschüttelt hat, verbirgt sich hinter den Veranstaltungen des Münchner Kapitæl Zwei Kolektifs ein interessantes Angebot neuerer Popkultur: die Dokumentarparty. Die Performance-Truppe, die sich um den Regisseur Ersan Mondtag und Studierende der Otto-Falckenberg-Schule gründete, schlug mit Party # 4 – NSU im Februar 2015 eine Art realpolitische Keule in den Hedonismus des Nachtlebens, ohne dabei den Sinn der Clubkultur in irgendeiner Weise zu verraten.

Kunst, die neben der ästhetischen auch eine politische Erfahrung bieten will, ist ein fragiles Konstrukt. Natürlich gibt es großartige politische Kunst, etwa Gerhard Richters Bilderzyklus zu den Selbstmorden der RAF-Gefangenen oder das Theaterstück von Heinar Kipphardt zu Robert Oppenheimers Loyalitätsprozess. Beide vereint, dass sie als Grundlage ihrer Kunst dokumentarisches Material verwenden und der historischen Korrektheit entsprechend karg in der Verarbeitung desselben bleiben.

KapitaelZweiKolektif

Solch historisch korrekte Dokumentation und Pop scheinen einander abzustoßen. Doch das Kapitæl Zwei Kolektif hat in gewisser Weise das Dokumentartheater in den Popkontext geholt. Dabei ist eine dokumentarische Materialsammlung im Pop nichts Neues (was ist Sampling in letzter Konsequenz anderes?), doch bei Party # 4 – NSU wurden die Parameter der Verarbeitung noch weitergedreht. Etwa im Vergleich zu Heinz K. aus H., einem Reality-Pop-Projekt, das 2005 erschien und dem noch der leichte Zauber des Skurrilen anhaftet. Der Pensionist Heinz K. überwachte in bester Stasi-Manier seine Hamburger Nachbarn und zeichnete seine Beobachtungen auf Tonbändern auf. Nach seinem Tod landeten die Bänder über Umwege beim Münchner Bodensatz-Verlag, der sie zur beliebigen Weiterverwertung an diverse Musiker gab (darunter Schlammpeitziger oder Franz Adrian Wenzl alias Austrofred von der Band Kreisky), die die Aufzeichnungen zerschnitten, vertonten und verspotteten.

Doch wo Heinz K. unter dem Aspekt des Kuriositätenkabinetts funktioniert, wird das mit dem Wirklichkeitseinschlag bei der NSU-Party zum Horrorkabinett. Im Club Mixed Munich Arts wurde dabei – ähnlich Reinhard Hauffs Film Stammheim – aus den Gerichtsprotokollen des NSU-Prozesses ein Theaterstück geformt, dessen monströser Wirklichkeitsanspruch durch den Partykontext noch mehr zu schockieren wusste. Gleichzeitig erscheint die Dokumentarparty fast als einzig angemessene Möglichkeit der Reaktion, wenn eine Ecke weiter Beate Zschäpe nicht mehr U2 hört, sondern im Gerichtssaal sitzt. Die Banalität des Bösen als performative Erfahrung – Hintergrunderklärungen zum Thema gibt es auch bei der Antilopen Gang.

Kapitæl Zwei Kolektif
Party # 4 – NSU
Mixed Munich Arts, Februar 2015
Performance

Various
Heinz K. aus H.
Bodensatz
Compilation

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