Die anlassfreie Rezension #7: Various Original Blödel-Hits

Abseitiges aus dreieinhalb Dekaden (und darüber hinaus): 35 Jahre SPEX sind Anlass genug für einen Reigen anlassloser Kritiken. Wir kümmern uns um Werke, die nicht neu sind, aber irgendwie immer aktuell bleiben. Und deswegen eine erneute Besprechung verdienen.

Eine musikalische Reise tief ins Herz der bundesrepublikanischen Finsternis: Deutsche Menschen singen von Alkohol (feucht) und Sex (fröhlich). Um das ernsthaft gut zu finden braucht es eine gewaltige Abstraktionsleistung. Oder nur ein bisschen Empathie. Schuld ist natürlich die Romantik. Diese vorgeblich urdeutsche Befindlichkeit wird gerne als Erklärung für das grottige Niveau der inländischen Humorproduktion herangezogen. Wer in Sehnsucht schwelgt und Weltschmerz verspürt, der ist nun mal nicht zum Schenkelklopfen aufgelegt. Nur: Das Leben ist kein Fassbinder-Film. Schon Goethe wusste: Man trinkt nicht immer nur Wein, man trinkt ja auch mal Branntwein. Also hoch die Tassen.

Die eigene Plattensammlung taugt besonders gut zum Gegenstand romantischer Verklärung. Wir stilisieren die Lieder unserer Jugend zum hochindividualisierten Bedeutungsfeld unserer Selbstwerdung. Nicht selten wird der Soundtrack des Lebens daher zum Ort gnadenloser Geschichtsklitterung: etwas authentische Härte, eine Prise Teenage Angst, dazu ein Quäntchen versponnener Tiefgang, garniert mit einer wohlplatzierten Vorzeigepeinlichkeit. Kaum jemand mag zugeben, in den prägenden Jahren etwas anderes als ausgewählte Underground-Raritäten gehört zu haben. Genretechnisch setzen die Blödel-Hits genau an jenen Punkten an, die man aus seiner Biografie am liebsten herausretuschieren möchte: Kleinbürgertum, sexuelle Verklemmung, Druckbetankung, Stumpfsinn. Doch es lohnt sich, den ersten Abwehrreflex zu überwinden. Wer blödelt, hat es hinter sich. Blödelei bedeutet Freiheit von Egopolitur und geschmäcklerischen Ressentiments. Nonstop Nonsens ohne Rücksicht auf Verluste

Kaum vorstellbar, dass Frank Zander, Mike Krüger oder die Mucker der Gute-Laune-Tingelbands Nighttrain, Torfrock und Rentnerband bereits in ihren Jugendjahren den Berufswunsch Blödelbarde hegten. Eine Schicksalsgemeinschaft verhinderter Rocker. Da zieht man aus, um die Welt zu erobern und muss schließlich erkennen, dass man nur zum Blödmann taugt. Eine durchaus universelle Erfahrung, wenn auch keine, die man sich gerne ins Erinnerungsbuch schreibt

Musikalisch ebenso wie in Sachen Witzigkeit ist die Qualität der hier versammelten Beiträge recht durchwachsen, mit Ausreißern in beide Richtungen. Fips Asmussen ist so etwas wie der H.P. Baxxter der Blödelszene: Man kann ihn scheiße finden, aber man kommt nicht umhin, ihn für seine Konsequenz zu bewundern. Der Gag-Gigant überzeugt mit schmerzfreiem Sprechgesang und ehrlichem Säuferpathos. Auf der anderen Seite des politischen Spektrums versprühen die Langzeitstudentencombos Insterburg & Co und die Gebrüder Blattschuss angenehm anarchischen APO-Charme. Als einzige Frau mit einem eigenen Song vertreten ist Helga Feddersen, deren tragische Lebensgeschichte es locker mit jeder Selbstzerstörungsikone der Popgeschichte aufnahmen kann. Ein durch eine Operation im Alter von 25 Jahren entstelltes Gesicht beendet eine hoffnungsvolle Theaterkarriere, es folgen Blödel-Hits, Depressionen, Medikamentenabhängigkeit, Magersucht, Insolvenz und schließlich Leberversagen

Am Ende ist es nicht die Romantik, die uns die Blödel-Hits verleidet, sondern die Ironie. Zwischen ironisch gut finden und einfach gut finden liegen Welten. Wem die Souveränität fehlt, über etwas zu lachen, ohne peinlich genau auf die Einhaltung eines Sicherheitsabstandes zu achten, der soll dazu doch bitte in den Keller gehen.

Various
Original Blödel-Hits
K-Tel
Compilation

 

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