Die anlassfreie Rezension #6: Kamasi Washington The Epic vs. John Coltrane A Love Supreme

Abseitiges aus dreieinhalb Dekaden (und darüber hinaus): 35 Jahre SPEX sind Anlass genug für einen Reigen anlassloser Kritiken. Wir kümmern uns um Werke, die nicht neu sind, aber irgendwie immer aktuell bleiben. Und deswegen eine erneute Besprechung verdienen.

Warum erscheint ein Jazz-Album wie The Epic auf dem Radar des Neuen? Ein, zwei Gründe liegen auf der Hand: Saxofonist Kamasi Washington arbeitet mit Flying Lotus zusammen und veröffentlicht auf dessen Label Brainfeeder, er und seine Freunde spielen im Studio auch für Kendrick Lamar. Aber Washington liefert kein Hipster-Update von modalem Jazz, er spielt modalen Jazz, also historische Musik zwischen Miles Davis, John Coltrane und sogar etwas Horace Silver. Washington packt das große Besteck aus: Band, Big Band, Chor. Das ist sehr gut, aber weder radikal noch zeitgenössisch. In den drei Stunden Musik auf The Epic gibt es manche Harmonien – Jazzer nennen sie changes –, die bei jeder Jamsession gespielt werden. Was führt Nicht-Jazz-Hörer ausgerechnet zu diesem Album?

Jazz ist eine gute Destination, um sich vom Formalismus seiner Vorlieben zu erholen. Als ich 18 war, Ende der Achtzigerjahre, fand ich meine Indie- und Funkplatten langweilig. A Love Supreme von John Coltrane war eines der ersten Alben, die mich überredeten, neues Terrain zu erkunden. Das Album wird oft im Zusammenhang mit Kamasi Washington zitiert. Musikalisch ist das Unsinn. Coltrane war woanders, als er Ende 1964 diese Aufnahme machte. A Love Supreme ist eine Schwellenplatte zwischen dem noch schwer swingenden Crescent-Album davor und dem bereits viel freieren Nachfolger Ascension. Es ist deshalb ein guter Einstieg, weil man zu den gebetsartigen Wiederholungen auch ohne analytisches Hören Zugang findet. Und doch: Jazz ist eine Musik, die dialektisch mit ihrem Erbe verfährt, die im Befreiungsschlag den Ausgangspunkt der Liedform und der Harmonik erkennen lässt, gerade bei Coltrane, dessen Freiheit romantisch gesprochen eine erlittene war. Sein Weg ging durch die Meisterschaft hindurch, was ihn von Ornette Coleman unterscheidet.

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Man kann aber den Coltrane von A Love Supreme und den frühen Coleman (etwa auf The Shape Of Jazz To Come, 1959) prima ohne Vorwissen hören und sich an die fast folkigen Basslinien von Jimmy Garrison (Coltrane) oder von Charlie Haden (Coleman) halten. Das geht bei Washington nicht, vieles beruht darauf, das Muster hören zu können, das gerade aufgelöst wird. Das erfordert viel Hörübung von Dixie über Swing und Bebop bis zu Hard Bop und weiteren nachfolgenden Stilen. Es ist wohl so, wie es Mark Greif für Rap formuliert hat: Man muss es selber tun – selber rappen. Im Jazz: selber spielen. Viel Spaß dabei! Das dauert Jahre und kostet den halben Freundeskreis.

Es hat in den letzten Jahren viele Einstiegsmöglichkeiten in den Jazz gegeben. Die meisten lockten rhythmisch. Der Schweizer Pianist Nik Bärtsch etwa mit seinem Zen-Funk. Oder, wie Bärtsch ebenfalls beim Münchner Label ECM, der US-amerikanische Vijay Iyer, auch er Pianist, dessen perfekt eingespieltes Trio eine Hommage an den Detroiter Techno-Produzenten Robert Hood zustande bringt und in anderen Tracks dennoch harmonisch interessant bleibt. So stehe ich heute als Hörer an einer weiteren Schwelle, an der ich mich frage: Warum hat die zeitgenössische Musikproduktion zwischen Hauntology, Post-Dubstep, R’n’B und so weiter harmonisch so wenig zu sagen? Wäre es nicht an der Zeit, dass all die tollen Sounds, Räume und kulturell interessanten Kollaborationen auch die erweiterte Harmonik entdeckten? Das Feld ist erstaunlich offen.

Kamasi Washington
The Epic
Brainfeeder / Rough Trade
(Album)

John Coltrane
A Love Supreme
Impulse! / Universal
(Album)

Ein ausführliches Feature zu Kamasi Washington ist online sowie in der Printausgabe SPEX N° 361 erschienen (versandksotenfrei hier zu bestellen).

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