Die anlassfreie Rezension #5: 67P / Tschurjumow-Gerassimenko »A Singing Comet«

Abseitiges aus dreieinhalb Dekaden (und darüber hinaus): 35 Jahre SPEX sind Anlass genug für einen Reigen anlassloser Kritiken. Wir kümmern uns um Werke, die nicht neu sind, aber irgendwie immer aktuell bleiben. Und deswegen eine Besprechung verdienen.

Ich muss um die acht Jahre alt gewesen sein, als mir mein naiver Glauben genommen wurde. Kinofilme, in denen Raumschiffe laut krachend explodieren? Grober Unfug! Im All herrscht ein großes kaltes Vakuum – somit können Schallwellen sich nicht ausbreiten. Seit jeher war es eine der Aufgaben der Popmusik, diese Leerstelle zu füllen. Von Joe Meeks mehrfach übereinander und rückwärts abgespielten Klospülungen, die am Anfang der Hitsingle »Telstar« der Tornados die außerweltliche Umgebung eines Satelliten simulieren, über zahllose Theremin-Schandtaten bis hin zu Sun Ras Parole »Space Is The Place« – alles, was irgendwie mysteriös rauscht oder hochtönig vor sich hin flirrt, konnte als Kosmossurrogat herhalten. Dabei stimmt die Geschichte von der absoluten Stille im All so nicht ganz. Der unendliche Himmel über uns ist voll von Musik. Nur breitet sich diese mangels Atmosphäre eben nicht akustisch, sondern durch elektromagnetische Schwingungen aus.

Zu den schönsten Randnotizen der spektakulären Begegnung zwischen der Raumsonde Rosetta, ihrem Landeroboter Philae und dem Kometen 67P / Tschurjumow-Gerassimenko gehören die Aufnahmen des »singenden« Himmelskörpers. Der im Durchmesser gut vier Kilometer große Chip aus Eis, Staub und Gas rast nicht nur mit bis zu 38 Kilometer pro Sekunde durch unser Sonnensystem: Er entsendet auch sein eigenes Lied. Dieses haben zumindest die Plasmaantennen von Rosetta erhört, und bei der europäischen Raumfahrtagentur ESA beziehungsweise der TU Braunschweig hat man anschließend die für den Menschen nicht wahrnehmbaren subsonischen Wellen in jenen Frequenzbereich hochgeschraubt, der unseren Hörraum umfasst, und das Ganze im November 2014 online veröffentlicht.

Der Gesang des Kometen klingt wie das Gurren eines Taubenschlags, den man auf einer windigen Felskante geparkt hat und der dort ziemlich kurzatmig in Loops vor sich hin pluckert. Der Klang schwillt an und fällt ab, das schnöde Pfeifen im Hintergrund besitzt romantische Qualitäten. Bei Felix Kubin etwa würde sich eine solche Elektromagnetfeld-Performance gut machen. Wäre die Aufnahme nicht lediglich 87 Sekunden kurz, könnte sie wahrlich hypnotische Wirkung entfalten.

Pech für Tschurjumow-Gerassimenko: Er ist kein sensationeller Einzelfall, sondern längst Teil einer Szene. Bereits einige Monate vor dem Erscheinen von »A Singing Comet« veröffentlichte die NASA Aufnahmen aus unserer überirdischen Nachbarschaft. Die Hörer lernen: Uranus und Neptun möchte man nachts lieber nicht allein begegnen, die Ringe des Saturn und – tatsächlich! – unsere schöne Erde sind hingegen wahre Meditationsmeister. Das große Nichts im All, es kann durchaus schön klingen.

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