Die anlassfreie Rezension #4: Review der Review (Eigenveröffentlichung)

Abseitiges aus dreieinhalb Dekaden (und darüber hinaus): 35 Jahre SPEX sind Anlass genug für einen Reigen anlassloser Kritiken. Wir kümmern uns um Werke, die nicht neu sind, aber irgendwie immer aktuell bleiben. Und deswegen eine erneute Besprechung verdienen.

Ein Ereignis teilt die Geschichte der SPEX in zwei Teile: Im Sommer 1999 ging die Filesharing-Plattform Napster online. Zahllose ähnliche illegale und legale Angebote folgten, die bewirkten, dass heute mehr oder weniger jedes jemals vertriebene Musikstück unmittelbar verfügbar ist. Das veränderte, wie Musik gemacht, verteilt und gehört wird. Und es veränderte, wie über Musik geschrieben wird.

Vor dem Zeitalter der sofortigen Verfügbarkeit war die Review etwas Ähnliches wie die Radioübertragung eines Fußballspiels: nicht die eigentliche Sache, aber das Einzige, das man bekommen konnte. Für sechs Mark kaufte man eine einzelne Single mit zwei Songs – oder das textliche Echo zahlloser weiterer Platten. SPEX stellte einen im deutschsprachigen Raum einzigartigen Überblick über das Musikgeschehen jenseits des Mainstreams her. Der war auf keinem anderen Weg zu bekommen – es sei denn, man stellte die Geduld seines Plattenhändlers auf die Probe und hörte alle Neuerscheinungen durch.

Reviews – früher nannte man sie Schallplattenkritiken – leiden und zehren von ihrem großen Mangel: Man kann sie nicht hören. Sie stellen eine Dialektik von Antizipation und Aufschub her. Im Laufe der Zeit teilen Kritiker und Leserschaft ihre Hörerfahrung. Man muss die Texte eines Autors oder einer Autorin nicht mögen oder auch nicht vollkommen verstehen, kann aber trotzdem den Geschmack teilen. Man kann die Texte mögen, allerdings nicht die Urteile. Reviews sind Gebrauchstexte, trotzdem lässt sich eine persönliche begriffliche oder poetische Ebene einschmuggeln.

Die Hoffnung auf den totalen, unmittelbaren Zugang zu aller Musik ist nicht nur in der Lektüre, sondern auch in der Produktion von Reviews enthalten. Überkritiker Lester Bangs träumte von einem gigantischen Archiv, von massiven Gewölben gefüllt mit zigtausend Schallplatten, zwischen denen er auf seiner Schreibmaschine tippte und jeden Querverweis anhand des tatsächlichen Tonträgers überprüfen konnte. Mit dem Internet verfügt heute im Prinzip jeder über dieses totale Archiv. Es erleichtert Musikjournalisten die Arbeit und gibt dem Textformat eine völlig andere Bedeutung (ähnlich wie der Online-Trailer der Filmkritik): Die Review regt nicht mehr an, sich die Musik vorzustellen, sondern auf einen Play-Button zu klicken. Die Review steht neben der Musik, ist ein Supplement, ein Double und als solches ziemlich unbestimmt. Sie vermischt sich mit Verkaufstexten und Social-Media-Geplapper. Das Potenzial der Review liegt heute in ihrer Unabhängigkeit. Die Lust auf die Produktion eines Textes muss sich nicht mehr durch einen professionellen Hintergrund absichern oder auf verlegerische Erwägungen Rücksicht nehmen. Es zählt allein die Begeisterung für die Schnittstelle von Klang und Text, egal ob man mit der Stimme des Fans oder der des Experten spricht.

Eine Review in SPEX konnte keinen Künstler richtig groß machen. Aber sie konnte dafür sorgen, dass eine Reihe von Plattenhändlern das Album bestellten und ein paar andere Zeitschriften aufsprangen. Aus heutiger Perspektive erstaunt nicht, dass ein Magazin einen derartigen Einfluss hatte. Sondern, dass es ihn als einziges hatte.

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